
Kaum hat man sich an die allgegenwärtigen Überwachungskameras und das Ausspionieren auch die eigenen Smartphones gewöhnt, kommt die nächste Stufe: Brillen, die filmen, ohne dass es jemand merkt. Und jetzt? Jetzt gibt es eine App, die uns vor den Augen anderer schützen soll – zumindest, wenn wir daran glauben wollen. Willkommen im Zeitalter, in dem der Versuch, sich unsichtbar zu machen, selbst zum Spektakel wird.
Wer heute in einem Straßencafé sitzt, muss nicht mehr nur auf Taschendiebe achten. Die neue Gefahr für ein unbeobachtetes Dasein kommt diskret, getarnt als Sonnenbrille. Meta verkauft seine Ray-Ban-Modelle mit eingebauter Kamera, Snap bringt die Spectacles zurück, und die nächste Generation Smart Glasses steht schon bereit. Sie sehen aus wie ganz normale Brillen, filmen aber unauffällig mit. Wer wissen will, ob er gerade Teil eines fremden Livestreams ist, kann jetzt zur App NoGlasshole greifen. Die verspricht, Smart Glasses in der Umgebung aufzuspüren und offenbart dabei vor allem, wie hilflos wir der Technik ausgeliefert sind.
Die Rückkehr der „Glassholes“
Schon 2013 beobachtete der Sicherheitsexperte Bruce Schneier trocken: „We’re seeing the birth of a new epithet, ‘glasshole.’“ Das Wort war schnell in aller Munde, als Google Glass die ersten Technikenthusiasten zu wandelnden Überwachungskameras machte. Bars und Kreuzfahrtschiffe verboten die Brillen, die Nutzer galten als sozial inkompetent. Doch die Technik verschwand nicht, sie wurde nur unsichtbarer. Heute trägt der Glasshole von damals eine Ray-Ban und fällt nicht mehr auf, außer vielleicht durch einen leichten Hang zur Selbstüberschätzung.
Harvard-Experiment: Gesicht zeigen, Daten verlieren
Zwei Harvard-Studenten, AnhPhu Nguyen und Caine Ardayfio, haben 2024 mit ihrem Projekt I-XRAY demonstriert, wie einfach es inzwischen ist, Fremde in Echtzeit zu identifizieren. Sie kombinierten Meta Ray-Ban-Brillen mit PimEyes-Gesichtserkennung, streamten das Kamerabild live zu Instagram und ließen ein Programm Gesichter erkennen. Innerhalb von 90 Sekunden spuckte das System Namen, Adressen und Telefonnummern aus. Manchmal sogar Teile der Sozialversicherungsnummer. Die Forscher veröffentlichten ihren Code nicht, sondern wollten vorführen, wie wenig Kontrolle wir über unsere Daten noch haben. Wer dachte, „Black Mirror“ sei Fiktion, kann jetzt auf dem Harvard-Campus nachfragen wie weit die Möglichkeiten schon gediehen sind.
NoGlasshole: Die App, die uns retten will
Die App NoGlasshole, aktuell in Version 1.2.6, will Smart Glasses per Bluetooth aufspüren. Sie erkennt Modelle von Meta, Snap und anderen, indem sie deren Bluetooth-Signale scannt. Das klingt nach digitalem Schutzschild, ist aber eher ein Placebo: Die App funktioniert nur, wenn sie offen ist und der Nutzer aktiv scannt. Hintergrundsuche und Push-Benachrichtigungen werden zwar beworben, sind aber Stand Juli 2026 nicht verfügbar. Wer also im Café sitzt und wissen will, ob der Nachbartisch filmt, muss erst das Handy zücken, die App starten und hoffen, dass die Brille Bluetooth sendet und in der Datenbank hinterlegt ist. Ob die Brille tatsächlich aufnimmt, kann die App ohnehin nicht erkennen.
Auch das Feature, Gesichter in Fotos und Videos automatisch zu verpixeln, funktioniert laut Nutzerberichten nur mäßig – vor allem bei Videos. Immerhin: Die App ist quelloffen, verarbeitet alles lokal und schickt keine Daten ins Netz. Wer Wert auf Datenschutz legt, muss trotzdem abwägen, ob er einer App Zugriff auf die eigene Mediathek geben will, um sich vor fremden Kameras zu schützen.
Technik gegen Technik: Ein Katz-und-Maus-Spiel
NoGlasshole zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Kontrolle geworden ist. Doch die App kann nur finden, was gefunden werden will. Wer seine Brille tarnt oder neue Modelle nutzt, bleibt unsichtbar. Die Lücke zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, was eine App erkennen kann, wächst mit jeder Gerätegeneration. Die Electronic Frontier Foundation bringt es auf den Punkt: Wer Datenschutz in einer Welt voller KI-Überwachung will, braucht Gesetze, keine Apps. Die Forderung nach umfassenden gesetzlichen Regeln für Datensammlung und Gesichtserkennung ist längst überfällig.
Popkultur als Vorwarnung und als Beruhigungspille
„Black Mirror“ hat längst vorgespielt, wie Alltag aussieht, wenn jeder jeden filmen und identifizieren kann. Die Zuschauer schaudern, kaufen aber trotzdem die nächste Smartwatch oder eben eine Kamerabrille. Die Popkultur diagnostiziert, aber sie schützt nicht. Der Glasshole von heute ist Mainstream, und die nächste Generation wird sich fragen, warum das je ein Problem war.
Fazit: Zwischen Paranoia und Pragmatismus
NoGlasshole ist ein kreativer Versuch, dem Kontrollverlust etwas entgegenzusetzen. Doch solange die Technik schneller ist als der Gesetzgeber, bleibt der Schutz lückenhaft. Die App ist ein Anfang, aber kein Ausweg. Wer wirklich unsichtbar bleiben will, braucht mehr als einen Bluetooth-Scanner – und vielleicht ein bisschen Glück.


