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documenta 14 am Ende

Hat die Weltausstellung der Kunst in Kassel, die documenta 14, nicht gerade erst begonnen? Soll sie nicht eigentlich bis zum 17. September 2017 laufen? Keine Sorge – wer sie sehen will, hat noch genug Zeit dafür. Allerdings, so meint Doc Baumann, ist die documenta 14 am Ende, was ihre politische und moralische Glaubwürdigkeit betrifft. Denn ihre hohen Ansprüche bezüglich Unterdrückung, Flüchtlingselend und allem Kritisierenswerten haben sich in heiße Luft aufgelöst, nachdem die Verantwortlichen einen einzelnen Demonstranten, der still mit einem Plakat gegen Rüstungsproduktion in Kassel protestierte, von der Polizei vom Ausstellungsgelände entfernen ließen.

documenta 14 am Ende

documenta 14 am Ende / Montage: Doc Baumann; Globus: Free Stock Blue Globe Kit Vector from ClipartLogo.com

Was am Mittwoch, den 21. Juni 2017 auf dem Kasseler Friedrichsplatz geschah, erinnert fatal an die Sonntagsreden unserer Politiker gegen Neonazis und Fremdenfeindlichkeit – während gleichzeitig die Justiz unseres Landes Demonstrationen gegen Rechtsradikale gewaltsam auflöst und Menschen verurteilt, die rechte Schmierereien an öffentlichen Fassaden übermalen, nachdem die zuständigen Behörden zuvor wochenlang untätig geblieben waren (siehe meinen Blogbeitrag vom 21.5.2017 „Strafbare Bildbearbeitung“).


documenta 14: Was also passiert in der gegenwärtigen „Welthauptstadt der Kunst“?


Die documenta hat auf dem großen Platz vor dem zentralen Ausstellungsgebäude, dem Museum Fridericianum, von der argentinischen Künstlerin Marta Minujín einen gewaltigen „Parthenon der Bücher“ aufbauen lassen, eine Installation, an der am Ende rund 100.000 Bücher befestigt sein sollen, die irgendwo und irgendwann verboten sind oder waren. (Ich kann damit wenig anfangen, weil sich für mich der Gebrauchswert eines Buches in seinem Gelesen-werden realisiert und nicht darin, dass ich einen Titel in drei Meter Höhe nur noch als bunten Fleck wahrnehme – aber das ist ein anderes Problem.)

Den Parthenon in Kassel nachzubauen, mag angesichts der Partner-Ausstellungsstadt Athen einen Sinn ergeben, auch die Symbolik des Tempels für die erste „Demokratie“. Dabei hätte es näherliegende Bezüge gegeben; auch in Kassel setzten Nazis öffentlich Berge unerwünschter Bücher in Brand. Aber das Symbol der documenta ist nun mal die Eule der Athena.

Also, wie auch immer, es geht um Kunst mit politischem Anspruch, wie mehr oder weniger alles, was die Ausstellungsmacher hier für 100 Tage versammelt haben. An jenem Mittwoch nun wagte es Hans Eitle, ein Bürger aus einer nahegelegenen Kleinstadt, diesen heiligen Parthenon der Bücher mit einem hochgehaltenen Protestplakat zu betreten. Auf dessen einer Seite war – einem Ortseingangsschild nachempfunden – zu lesen „documenta-Stadt Kassel macht auf Kunst“, auf der anderen „Kriegs-Stadt Kassel baut Waffen“. Das bezieht sich auf den Kasseler Panzerbauer Krauss-Maffei-Wegmann“. So wollte die Firma 2013 270 ihrer Killermaschinen an  Saudi-Arabien verkaufen (was nur wegen einer Absage des Auftraggebers nicht zustande kam), aus Katar kam ein Auftrag in Höhe von fast zwei Milliarden Euro. Und während deutsche Regierungen die Griechen immer wieder eindringlich zum Sparen anhalten, wurde ein Waffengeschäft des Kasseler Panzerherstellers mit Griechenland in Höhe von 1,7 Milliarden Euro intensiv unterstützt. Ausgaben für deutsche Rüstungsgüter sind vom Sparprogramm eben ausgenommen. Danach gab es dann noch viel Wirbel um millionenschwere Schmiergeldzahlungen.

Während die Verantwortlichen der viel weniger politisch ausgerichteten documenta 13 im Jahr 2012 kritischen Aktivisten noch die Errichtung einer kleinen Zeltstadt (samt großem rosa Panzer-Modell) auf eben jenem Friedrichsplatz erlaubt und die Diskussion mit ihnen gesucht hatten, ließ die documenta 14 den Demonstranten nun von der Polizei vom Gelände führen.

Bei einem vorausgehenden Gespräch mit dem Aufsichtspersonal hatte sich Hans Eilte uneinsichtig gezeigt, „er ist dieser Bitte leider nicht nachgekommen“. Vielleicht hatte er sich ja daran erinnert, dass Ausstellungsleiter Adam Szymczyk kürzlich zum documenta-Start dazu aufgerufen hatte, die Menschen sollten sich als politische Subjekte verstehen; ein anderes Kuratoriumsmitglied hatte „mehr Aufsässigkeit“ angemahnt. Aber wie das so ist mit Sonntagsreden: Praktische Aufsässigkeit ist nun mal was anderes als solche auf dem Papier. Man thematisiert zwar in artifizieller Reflexion das Flüchtlingselend, mag sich aber mit Waffenexporten, die erst zu solchen Vertreibungen führen, außerhalb des Kunstkontexts nicht weiter befassen.

Dass, politisch und moralisch gesehen, damit die documenta 14 am Ende ist, ist eine Sache. Aber es wird noch schlimmer! Denn in einer Stellungnahme zu dem Vorfall erklärte die Ausstellungsleitung, „grundsätzlich führe die documenta vor Ort offene Gespräche mit allen Künstlern, die nicht offiziell zur documenta 14 eingeladen sind und auf dem Ausstellungsgelände ihre Arbeiten auf verschiedene Arten ausstellen“. Diese Sätze belegen aufs Peinlichste, dass die Verantwortlichen die Welt anscheinend nur durch die Kunst-Brille wahrnehmen und selbst einen Protest gegen Waffenlieferungen aus Kassel ausschließlich in diesem Zusammenhang einordnen können. Kunst mag politische Prozesse aufgreifen, sie kann aber politisches Handeln nicht ersetzen. Durch das Einschalten der Polizei haben die documenta-Verantwortlichen ihr stolzes Konzept als leeres Gerede entlarvt, das bei der ersten Konfrontation mit der Realität in sich zusammenfällt.

Nach dieser Aktion wissen wir nun auch, warum das Symbol der documenta 14, die Eule der Athena, so seltsam verdreht dargestellt ist – irgendjemand muss ihr das Genick gebrochen haben.

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  1. maqueda

    Ich lese täglich mhrere Zeitungen. Nichts von diesem Documenta-Skandal gelesen. Danke, Doc Baumann!

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