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Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?

Vor knapp zwei Jahren habe ich hier erstmals über das revolutionäre Konzept berichtet, das die Light L16, eine kompakte Kamera, die mit 16 Kameramodulen hochaufgelöste Bilder einer DSLR-typischen Qualität erzeugen soll, Fotografen staunen lässt. Jetzt, fast ein Jahr nach dem ursprünglich avisierten Termin, wird die Kamera an die Vorbesteller ausgeliefert; der Verdacht, dass es sich um Vaporware handeln könne, ist damit zerstreut. Testexemplare gibt es zwar noch nicht, aber einen Eindruck von den Möglichkeiten der L16 kann man sich bereits verschaffen.

Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?

Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?

Gegenüber den 2015 verbreiteten Produktansichten hat sich die L16 kaum verändert. Sie misst 165 mm × 84,5 mm × 24,05 mm, was etwa einem Stapel von drei großen Smartphones entspricht. Mit diesem Volumen bietet sie 16 dicht gepackten Kameramodulen in Periskopbauform Platz. Je fünf Module haben eine Brennweite von umgerechnet 28 beziehungsweise 70 mm (mit einer Lichtstärke von f/2,0) und sechs eine Brennweite von 150 mm mit der Lichtstärke f/2,4. Die reale Brennweite und die Sensorgröße gibt der Hersteller nicht an, aber es handelt sich um relativ kleine Sensoren, wie sie für Kompaktkameras typisch sind. Deren Auflösung beträgt 13 Megapixel; die Grundempfindlichkeit von ISO 100 lässt sich bis auf ISO 3200 heraufsetzen. Trotz der nicht nur oberflächlichen Ähnlichkeit mit einem Smartphone (als Betriebssystem dient Android) kann die L16 zwar die üblichen WLAN- und Bluetooth-Standards, nicht jedoch den Mobilfunk zum Datenaustausch nutzen.

Die Bilder, die die L16 in den Formaten JPEG und DNG im eingebauten 256-GB-Speicher sichert, haben dagegen Auflösungen bis zu 52 Megapixel; sie entstehen aus der Fusion der Bilder aus bis zu zehn Kameramodulen. Die L16 verfügt zwar nicht über ein optisches Zoom, kann aber Bilder erzeugen, wie sie mit beliebigen Brennweiten zwischen 28 und 150 mm aufgenommen würden. Nur bei 4K-Videoaufnahmen ist die L16 auf die drei festen Brennweiten beschränkt. Da die Perspektive der Kameramodule gegeneinander versetzt ist, kann die L16 die Tiefendimension berechnen und diese Information zur Simulierung einer größeren und geringeren Schärfentiefe nutzen.

Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?

Die Light L16: Aus bis zu 10 überlappenden Aufnahmen mit zwei verschiedenen Brennweiten entstehen Bilder mit mehr als 52 Megapixeln. Die einzelnen Kameramodule lösen jeweils nur 13 Megapixel auf. (Quelle: Light)

Für die Berechnung hochaufgelöster Bilder werden je nach der gewünschten Brennweite die zu verwendenden Kameramodule ausgewählt. Die Verrechnung der Bilddaten erhöht die effektive Auflösung und verringert gleichzeitig das Bildrauschen.

Die Herstellerfirma Light hat inzwischen auch JPEGs mit voller Auflösung bereitgestellt, anhand derer man die Bildqualität beurteilen kann. Wie viele Details ein Bild enthält, illustriert die Gegenüberstellung des vollständigen Bildes mit einem 1:1 Ausschnitt, der den Mundwinkel des kubanischen Cowboys zeigt:

Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?
Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?
Gut zu erkennen ist auch der weiche Schärfeverlauf: Die Schärfenzone ist hauchdünn und im Vorder- wie im Hintergrund gibt es ein angenehmes Bokeh.

Die Verrechnung der Einzelbilder gelingt noch nicht immer perfekt. In einem anderen Beispielbild offenbart der 1:1-Ausschnitt auffällige Artefakte; im Gras gibt es unplausible Übergänge zwischen Schärfe und Unschärfe:

Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?
Die Light L16: Licht am Ende des Tunnels?
Die Firmware der Kamera wird weiter optimiert und um zusätzliche Features ergänzt, so dass sich die Bildqualität in Zukunft noch steigern mag. Viele Fragen bleiben derzeit offen, so auch die Eignung für schlechte Lichtverhältnisse, da die Kameramodule auf maximal ISO 3200 beschränkt sind. Wie die Fusion der Bilddaten funktioniert, wenn man im Raw-Format DNG speichert, ist noch unklar.

Ob sich das Konzept der Kamera bewähren wird, ist schwer zu beurteilen. Die Grundidee, dass viele Fotografen eine kompakte Immer-dabei-Kamera suchen, die sich von der Bildqualität her mit einer Systemkamera messen kann, ist vermutlich richtig. Verglichen mit einem Smartphone, das man tatsächlich immer dabei hat, ist die L16 dann aber doch recht groß, kann das Handy aber auch nicht ersetzen, da ihr ein Mobilfunk-Modem fehlt. Die fotografischen Funktionen der Smartphones entwickeln sich in eine ähnliche Richtung wie bei der L16; doppelte Kameramodule werden bald Standard sein und sind erst der Beginn eines Trends, durch die Kombination mehrerer kleiner Kameramodule die Wirkung viel größerer Sensoren und Objektive zu erreichen.

Falls Ihnen die Light L16 gefällt, müssen Sie sich ohnehin eine Weile gedulden, denn die Kamera ist aktuell ausverkauft. Alle bisher produzierten Kameras werden an die Vorbesteller verschickt, und bis der Hersteller wieder Bestellungen annimmt, werden einige Monate vergehen.

Michael J. Hußmann

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