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Bilder und ihre Geheimnisse

Was macht ein gutes Bild aus? Oder, präziser und vor allem persönlicher formuliert: Was fasziniert mich an einem Bild? Meine Lieblingsbilder sind oft solche, die mich irritieren – weil es etwas an ihnen gibt, das ich nicht verstehe.

Eines meiner Lieblingsbilder habe ich vor Jahren in Venedig entdeckt, in der Galerie dell’accademia. (Wenn Sie einmal nach Venedig kommen, sollten Sie die Accademia unbedingt besuchen. Sie ist leicht zu finden: Von San Marco kommend überqueren Sie den Canal Grande über die Ponte dell’Accademia und laufen dann am Dorsoduro-Ufer direkt darauf zu.) Nicht weit hinter dem Eingang, in einem der Räume rechts – wenn ich mich richtig erinnere und das Bild nicht mittlerweile umgehängt worden ist – hat ein Gemälde von Lorenzo Lotto (1480–1557) seinen prominenten Platz. Als Titel wird dort „Ritratto di giovane gentiluomo“ angegeben, also „Portrait eines jungen Edelmanns“. In der Literatur findet man auch die Bezeichnungen „Portrait eines jungen Gelehrten“ oder einfach „Portrait eines jungen Mannes mit einem Buch“, aber all diese Titel dürften im Nachhinein vergeben worden sein und geben nur wieder, was der Betrachter darin zu erkennen meinte.

Portrait eines jungen Edelmannes, Lorenzo Lotto, um 1530

Portrait eines jungen Edelmannes, Lorenzo Lotto, um 1530

Weder die Identität des Dargestellten ist bekannt, noch der Auftraggeber oder der Anlass für das Portrait. Das allein macht ein Gemälde aber noch nicht geheimnisvoll – es gibt viele ganz langweilige Bilder, für die dasselbe gilt. Als ich vor dem Bild stand, hatte ich aber sofort den Eindruck, dass es mir eine Geschichte erzählen sollte, nur dass ich diese nicht verstand.

Dabei fehlt es nicht an Hinweisen; tatsächlich sind sie über das ganze Gemälde verstreut. Das Bild zeigt einen jungen Mann, im Stil der Zeit schwarz gekleidet, elegant und sicherlich teuer. Allerdings scheint er zur Nachlässigkeit zu neigen, denn beim linken Bein blitzt zwischen schwarzer Kniebundhose und schwarzem Strumpf etwas Haut auf. Hinter dieser Nachlässigkeit mag Absicht stecken – ganz sicherlich aufseiten des Malers, der uns dieses Detail zeigt. Der junge Edelmann steht an einem Tisch und blättert gedankenverloren in einem dicken, in Leder gebundenen Buch, das darauf liegt. Er schaut aber nicht in dessen aufgeschlagene Seiten, sondern blickt den Betrachter an. Weiterhin liegen mehrere Briefe auf dem Tisch, und aus einem Beutel kullern goldene Schmuckstücke, die offenbar einer Frau gehören. Auch Blütenblätter sind dort verstreut und auf einem Tuch oder Schal sitzt eine Eidechse. Von einem Schrank baumelt eine Kette mit einem Schlüssel. Das sind lauter Details, die kaum zum typischen Inventar des Studierzimmers eines jungen Edelmanns gehören dürften und sicher Teil einer ganz spezifischen Geschichte sind – aber welcher?

Entsprechend meinen romantischen Neigungen würde ich gerne eine Liebesgeschichte dahinter sehen. Die Briefe wären dann Liebesbriefe und der Schmuck wäre für die Geliebte gedacht. Oder hat sie sein Geschenk verschmäht und wieder zurückgeschickt? Der ernste, melancholische Blick des jungen Mannes könnte so etwas nahelegen. Und was hat es mit dem Buch auf sich? Mir fällt die tragische Geschichte von Francesca da Rimini und ihres Schwagers Paolo ein, wie sie Dante in der Divina Commedia erzählt, denn darin spielt ein Buch eine entscheidende Rolle: die Geschichte von Lancelot und Guinevere, Ehebrecher wie Paolo und Francesca. Welches Schloss könnte der Schlüssel öffnen und wofür steht die Eidechse, die ja zweifellos symbolisch zu interpretieren ist?

Aufgrund der knapp 500 Jahre, die mich von Lorenzo Lotto und seinem Bild trennen, fehlt mir der Hintergrund, um die doch recht aufdringliche Symbolik zu dekodieren. Der Maler hätte es erklären können, aber es ist zu spät, ihn zu befragen.

Geheimnisvolle Bilder sind nun aber nicht nur in der Renaissance entstanden. Vor ein paar Monaten stieß ich auf Bilder einer russischen Künstlerin, die mich (ebenso wie alle anderen in der Redaktion) faszinierten, und in diesem Fall hatte ich die Gelegenheit zu einem Interview mit ihr, das zwar nicht alle Geheimnisse aufdeckte, aber doch manche Fragen beantwortete – unter anderem auch die, was sie mit der Kunst der Renaissance verbindet. In der nächsten DOCMA stelle ich die Künstlerin und ihre Bilder vor.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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  1. shashi

    Eine Frage, seit Menschen Bilder herstellen: „Was macht ein gutes Bild aus?“ Millionen Betrachter – und ungefähr so viele Antworten.

    Also ich mag vor allem Bilder, die ich auch „verstehe“. Abgesehen davon gefallen mir Bilder, bei denen der Hersteller seinen Kopf bemüht hat. Das sieht man schon allein an der Gestaltung der Bilddetails, an den Farben etc. Da gibt es ja viele Zusammenhänge…

    Ich bin auf die angekündigte Künstlerin gespannt.

    MfG – Frank

  2. dunkelmann

    Also: Wenn ich ehrlich sein soll suche ich bei den meisten Bildern keine Geheimnisse. Was der Maler dachte (oder auch nicht)kann und muß nicht unbedingt nachvollzogen werden . (Ein mir bekannter Maler stand bei einer Vernissage seiner Bilder neben mir. Die übliche Rede hielt ein deutscher Kunstkritikguru und interpretierte fröhlich vor sich hin. Bei einigen Interpretationen sagte dann mein Bekannter zu mir: „Mensch hatte ich da mal wieder tolle Gedanken bei diesem Bild“.
    Ein anderer mir bekannter Maler gibt seinen Werken niemals einen Titel. Er sieht darin eine „Vergewaltigung“ des Betrachters.
    Wir haben viele Bilder bei uns hängen und freuen uns an Farbe, Bildkomposition etc. Ich erfreue mich auch am gekonnten Handwerk eines Künstlers (da mangelts manchmal bei vielen „Modernen“, manche der Alten Meister sind da geradezu genial gut).
    Oft wird man aber auch durch Betrachtung von Kunstwerken von Vorurteilen befreit. Ich war z.B. sehr skeptisch gegenüber der Grafittikunst. Dann schleppte mich meine Frau in Basel in eine Basquiat-Ausstellung und da traf geradezu der Blitz. Erfolg: Zur nächsten großen Basquiat-Austellung extra nach Paris gefahren. Ich bin sicher, daß ich bei der Betrachtung der Bilder ganz andere Gedanken hatte als der Künstler selbst. Und ganz sicher auch völlig andere Gedanken als die anderen Betrachter der Bilder. Und das ist ja auch gut so, es müssen nicht alle Gedanken gleich sein.
    Vielleicht ist mein Horizont etwas begrenzt und ich betrachte die Kunst manchmal zu sehr aus dem Bauch, damit kann ich aber gut leben.
    Natürlich kann man sich bei den „Alten Meistern“ auch mal mit der Ikonographie befassen (gibt ja kilometerweise Bücher darüber).
    Mich begeistert dann aber z.Bsp. die Lichtführung viel mehr als die Bedeutung der Stellung des linken, kleinen, Fingers der dargestellten Person.

    Max

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