Ausstellungstipp: F. C. Gundlach im Bucerius Kunst Forum
Wen der Ausstellungstitel You’ll Never Watch Alone etwas ratlos und vage an Fußball denken lässt, der läge nicht ganz falsch.

Der Titel spielt natürlich auf You’ll Never Walk Alone an, den Song aus dem Musical Carousel, der später von Gerry and the Pacemakers gecovert und dann zur Hymne des Liverpool F. C. wurde. You’ll Never Walk Alone singt man aber längst nicht mehr nur an der Anfield Road, sondern auch im Millerntorstadion des FC St. Pauli, und unmittelbar neben diesem steht der Flakbunker an der Hamburger Feldstraße, in dem einst F. C. Gundlachs Firma PPS (Professional Photo Service) und die PPS. Galerie ihren Sitz hatten – und damit haben die Ausstellungsmacher so gerade eben noch die assoziative Kurve gekriegt. Der arg bemühte Insiderwitz ist aber auch schon das Einzige, das ich an dieser dem Jubilar – F. C. Gundlach würde in diesem Jahr 100 werden – gewidmeten und ansonsten hervorragend kuratierten Ausstellung kritisieren würde.

Das fotografische Lebenswerk F. C. Gundlachs ist das Thema der Ausstellung, aber nicht ihr alleiniger Inhalt. Vielmehr präsentieren die einzelnen, nur ganz grob chronologisch gegliederten Abteilungen auch die Vorbilder und Weggefährten Gundlachs sowie seine Schüler und von ihm geförderte Künstler.

Auf dem labyrinthischen Weg durch die Ausstellung folgt man zunächst Gundlachs Lebens- und Berufsweg: Der gebürtige Hesse hatte nach dem Krieg eine Ausbildung an der Privaten Lehranstalt für Moderne Lichtbildkunst in Kassel durchlaufen, doch Anfang der 50er Jahre zog es ihn in die Modemetropole Paris, wo er Jean Cocteau und dessen Geliebten Jean Marais kennenlernte (und beide porträtierte). Schnell fand er auch Zugang zu den führenden Modehäusern, die sich Fotografen gegenüber noch eher reserviert gaben, und erwies sich schon damals als talentierter Netzwerker, der seine Kontakte geschickt zu nutzen wusste. Etwa wenn es darum ging, attraktive Locations für seine Fotos zu finden.

Folgte Gundlach zunächst noch Vorbildern wie Richard Avedon, Erwin Blumenfeld, Horst P. Horst und Martin Munkácsi (dem er 2005 eine große Retrospektive im Hamburger Haus der Photographie widmete, dessen Gründungsdirektor er war), wurde seine Bildsprache bald freier, insbesondere nachdem er 1956 erstmals New York besucht hatte, im Rahmen einer Reportage für die 1953 neu gegründete Lufthansa.

1958 fotografiert er Pelzmäntel vor der unscharfen Skyline von Manhattan (oben sehen wir ein Beispiel), aber wenige Jahre später hatte sich sein Stil gewandelt; mit einer vergrößerten Schärfentiefe bildete er auch Architektur im Hintergrund scharf ab und die Bildsprache verriet den Einfluss der Streetfotografie.
Gundlachs jahrelange Zusammenarbeit mit der Lufthansa – ein festes Engagement lehnte er ab, um seine Unabhängigkeit zu wahren – eröffnete ihm ungewohnte Möglichkeiten. Er verzichtete auf ein Honorar und ließ sich seine Arbeit stattdessen mit Freiflügen entgelten; danach waren die Reisekosten zu entlegenen Locations kein Hindernis mehr. So konnte er 1966 für Brigitte eine Fotostrecke mit Bademode vor den Pyramiden von Gizeh fotografieren – die Redaktion war erst irritiert, veröffentlichte die Bilder dann aber unter dem konsequent absurden Titel Den ganzen Tag am Strand. Vielleicht ahnten die Brigitte-Leserinnen aber auch gar nicht, wie weit es die Models von den Pyramiden zum nächsten Strand gehabt hätten.

Neben F.C. Gundlach als Fotografen gibt es den Sammler, der die Fotoszene sein ganzes Leben lang verfolgt hat und die Bedeutung vieler Newcomer wie Cindy Sherman, Nan Goldin oder Wolfgang Tillmans frühzeitig erkannt (und in seiner PPS. Galerie ausgestellt) hat. Das Bucerius Kunst Forum zeigt ihn auch von dieser Seite, dank der F. C. Gundlach Stiftung, die seine Sammlung verwaltet und immer neue Ausstellungen daraus kuratiert (derzeit sind die Möglichkeiten allerdings beschränkt, da die schon seit Jahren laufende Sanierung des Haus der Photographie in einer der Deichtorhallen noch immer nicht abgeschlossen ist). Gundlachs Interesse an Künstlern der Pop-Art und Op-Art spiegelt sich in seinen Fotos, die teils auch Kunstwerke direkt zitieren.

F. C. Gundlachs dritte Identität ist die des Unternehmers. Im Hamburger Feldstraßenbunker, in dem er seit 1956 ein Atelier hatte, gründete er zusammen mit dem New Yorker Thad McGar 1967 das Fotoservice-Unternehmen Creative Color (CC), das sich auf die Retusche spezialisierte: „Keiner macht es mir recht, dann mache ich es eben selber.“ 1971 folgte die Gründung des Professional Photo Service (PPS), zunächst als Dienstleister für die Filmentwicklung, der sein Angebot dann um Mietstudios, die Vermietung von Foto-Equipment und ein Ladengeschäft ausbaute und mit den PPS News auch ein Printmedium herausbrachte. Weiterhin kam die PPS. Galerie hinzu, die sich, damals noch unüblich in Deutschland, allein der Fotografie als Kunstform widmete.

Man könnte es ironisch nennen, dass der ehemalige Flakhelfer F. C. Gundlach seinen beruflichen Mittelpunkt ausgerechnet in einem ehemaligen Flakbunker fand, einem monströsen grauen Betonbauwerk, das inzwischen allerdings begrünt wurde. In Stahlbeton fand Gundlach nach seinem Tod vor fünf Jahren auch die ewige Ruhe: Sein Mausoleum auf dem Ohlsdorfer Friedhof hatte er noch zu Lebzeiten entwerfen lassen und sich als Material ausdrücklich Beton gewünscht.
Mit der heutigen Ausstellungseröffnung legt das Bucerius Kunst Forum einen Frühstart hin, denn die Gundlach-Retrospektive ist ein Teil der neunten Triennale der Photographie Hamburg, die unter dem Motto Alliance Infinity Love – In the Face of the Other am 5. Juni beginnt. Am 6. Juni öffnet dann noch die Satelliten-Ausstellung We’ll Always Watch Together am Alten Wall 4, wenige Meter vom Bucerium Kunst Forum gelegen, in der Studenten und Studentinnen der Essener Folkwang Universität der Künste eigene Projekte präsentieren, die sich vor dem Hintergrund von F. C. Gundlachs Werk mit aktuellen Themen der Fotografie auseinandersetzen. Diese begleitende Ausstellung wird bei freiem Eintritt jeweils von Freitag bis Sonntag geöffnet sein. Freunde der Fotografie sollten Ihren Hamburg-Trip daher für den Juni oder Juli buchen – You’ll Never Watch Alone und We’ll Always Watch Together schließen erst nach dem 16. August, einige andere Ausstellungen der Triennale der Photographie nach dem 22. September.










