Altglas

Was darf Altglas kosten? Altglas-Preise früher und heute

Altglas-Report

Vor 20 Jahren kannte Altglas keinen Preis. Kaum jemand interessierte sich für die analogen Hinterlassenschaften der Fotografie, und falls doch, wurde das Zeug häufig verramscht. Auf Flohmärkten und Fotobörsen fand man Grabbelkisten, gefüllt mit M42-Objektiven. Sie wirkten wie aus der Zeit gefallen und es sah aus, als schleppten ihre Besitzer sie von einer Veranstaltung zur nächsten, nur um sie anschließend wieder mit Schwung ins Auto zu wuchten. Der Kisteninhalt war angeschlagen, verkratzt, schmierig und roch nach Vergangenheit. Altglas-Preise? Eigentlich ein Fall für den Wertstoffhof, der damals noch Müllkippe hieß.

Altglas-Preise früher und heute

Heute hat Altglas seinen Preis. Gestiegene Nachfrage treibt die Altglas-Preise mehr oder weniger attraktiver Angebote nach oben. Zeitweise erzielte ein Trioplan 100/2.8 aus den 60er Jahren bei eBay Preise von 500 Euro. Grottige Einzelstücke finden sich noch immer und Flohmarktanbieter versuchen es auf Nachfrage gern mit bekannten Höchstpreisen – Erhaltungszustand bleibt ein Fremdwort. Fotobörsen pflegen eine entspanntere Atmosphäre und das Angebot wird übersichtlich aufgetischt. Oft lugt der vom fotoMagazin jährlich im August herausgegebene „Second Hand Guide“ auf den Tischen hervor und dient als Basis für Preisverhandlungen.

Fotobörse Garching. Altglas-Preise früher und heute
Altglas-Preise: Fotobörsen werden bundesweit veranstaltet. Eine zweimal jährlich von der VHS München-Nord organisierte Veranstaltung in Garching ist in der Region beliebt und gut besucht.

Neue sozialistische Wartegemeinschaften

Clevere Händler fanden neue Wege, ihren Altglas-Nachschub zu sichern. Etliche Jahre nach der Wende bildeten sich vor unscheinbaren Geschäften in der ehemaligen DDR an bestimmten Tagen wieder „sozialistische Wartegemeinschaften“ – jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Schlange der Wartenden hatte etwas zu verkaufen und im Laden taxierten Ankäufer die mitgebrachten Schätze. Einer schaffte es mit seinem Geschäftsmodell 2016 ins MDR-Regionalfernsehen und ist heute auch bei eBay kein Unbekannter, die Analog Lounge GmbH aus Leipzig. Hier ist der TV-Beitrag noch zu sehen.

Der Würzburger Fotoversand und das „Kursblatt“

1972 entstand in Würzburg ein „echter Pionier des Versandhandels“, das „Kursblatt“ war sein Verkaufsinstrument. Als monatliche Beilage in Fachzeitschriften wie Color Foto und fotomagazin (damals noch in dieser Schreibweise) pries das an Reclam-Hefte erinnernde Dünndruckpapier „weit über 3000 Artikel zu Discountpreisen“. Nach Angaben des Händlers betrug die jährliche Auflage 500.000 Exemplare. Eine 24-Stunden-Bestellhotline gab es ebenfalls, nur hieß sie noch „Tag + Nacht-Bestellservice“ und war nur telefonisch erreichbar. Der ursprüngliche Betreiber ist heute noch aktiv. Das Familienunternehmen hat dem Metier die Treue gehalten und betreibt unter anderem die Internetplattform Technikdirekt.

Kursblatt einblick. Altglas-Preise früher und heute
Altglas-Preise: Heute noch im „Kursblatt“ aus den 70er Jahren schmökern, macht Erinnerungen wieder lebendig – sofern man in einer Welt ohne Internet aufgewachsen ist. Ansonsten ist es bloß Altpapier mit dem Charme eines abgegriffenen Reclam-Heftes.

Zufallsfund 2018

Beim Umzug von Klaus Faltins Fotostudio ging eine Kiste zu Bruch. Fachzeitschriften aus den 70er und 80er Jahren ergossen sich auf dem Boden und offenbarten einen Schatz: ein „Kursblatt“ von 1979! Beim Blick in alte Preislisten wallten Erinnerungen auf: „Weißt du noch? Na klar!“ Dann saßen zwei erwachsene Männer mitten im Gewühl auf dem Boden und bestaunten wie die Kinder alte Angebote. Dabei erzählte mir Klaus auch die Geschichte, die im Vintage-Objektivbuch nachzulesen ist: Vom Altglas in der Sahara, das noch keines war, von seiner gebraucht gekauften Canon F1, unerreichbaren Traum-Objektiven und dem Schaufenster von Doppheide & Kollow in Dortmund, einer der großen Fotodiscounter im Ruhrgebiet zu dieser Zeit.

Preise damals und heute

Heute hüte ich das alte „Kursblatt“ und die nüchterne Betrachtung vermittelt interessante Eindrücke. Ein Olympus OM 21/3.5 ist für 540 D-Mark gelistet, der „Second Hand Guide“ nennt aktuell 270 Euro. Das 28/3.5, ebenfalls von Olympus, kostete einst 300 D-Mark und ist inzwischen für um die 30 Euro zu haben. Mit der begehrten Vivitar Serie 1 gestalten sich die Relationen ähnlich. Ein Blick aufs Leica-Angebot: Kamera R3 mit Summicron 50/2 für satte 2000 D-Mark. Die Kamera heute – monetär kaum noch der Rede wert. Das Objektiv, je nach Baujahr und Zustand, zwischen 200 und 300 Euro. Ein letzter Blick auf weitere Leica R-Optiken offenbart nur zwei unter 500, viele knapp unter 1000 und eine erstaunlich große Menge etwas darüber oder knapp unter 2000 D-Mark. Auch wenn diese Altglas-Sorte heute zu den hochpreisigen zählt, ist sie – von exotischen und lichtstarken Ausnahmen abgesehen – für weit mehr Käufer erschwinglich als damals. Interessant ist auch eine im Digicamclub einsehbare Liste mit Preisen von 2008.

Jammern auf hohem Niveau?

Auch wenn alte Objektive vor 10 Jahren billiger waren und echte 10-Euro-Schnäppchen selten geworden sind, gibt es eigentlich keinen Grund zu jammern. Solange noch genug altes Glas in gutem Zustand zu haben ist – oder?

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

Kommentar

  1. Lieber Bernd,

    manche Altglaspreise sind wirklich jenseits von Gut und Böse. Ich habe mich seit einiger Zeit einer Selbstbeschränkung unterworfen und biete für “kuriose” Altgläser immer nur 1€ und warte dann ab. Ich nenne das das 1€-Projekt. Inzwischen sind über 60 Objektive verschiedenster Art zusammengekommen, einige sogar im Neuwertigen Zustand.
    Hier findest Du eine Übersicht der 1€ Objektive: https://deramateurphotograph.de/2019/01/25/das-1e-projekt-update-3/

    LG Bernhard

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