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Speichertechnologie: Das Paradox der gläsernen Ewigkeit

Wir haben bald ein Speichermedium, das die Zivilisation überdauern kann. Doch was nützt es, wenn wir vergessen, wie man es liest? Es ist der Albtraum jedes Kreativen und jedes Archivars: der digitale GAU. Jener Moment, in dem die Festplatte nur noch klackert, das Archivband einen Lesefehler meldet oder sich ein Cloudspeicher mit einem lakonischen „404“ ins digitale Nirwana verabschiedet. Wir hegen und pflegen Terabytes an Daten – Lebenswerke in Pixeln, Tönen und Texten –, doch ihre Haltbarkeit ist oft erheblich kürzer als uns das Marketing der Speicherindustrie glauben machen will. Inmitten dieser digitalen Flüchtigkeit erscheint eine Technologie am Horizont, die das ultimative Versprechen abgibt: Daten für zehntausend Jahre zu sichern, eingeschrieben in Glas. Doch hier beginnt ein faszinierendes Paradox: Was nützt das ewige Medium wenn sie die Technologien unablässig wandeln und ihre Werkzeuge schnell vergisst. Ich denke da mir etwa an Disketten oder „historische“ Speicher wie ZIP-Laufwerke oder Syquest-Wechselplatten. Die Frage ist nicht nur, ob wir unsere Kultur für die Ewigkeit bewahren können, sondern wie wir sicherstellen, dass die Nachwelt unsere digital gespeicherten Werte noch entziffern kann.

Die Sehnsucht nach dem unvergänglichen Archiv

Die Zahlen sind ernüchternd und treiben jedem Verantwortlichen für digitale Bestände Sorgenfalten auf die Stirn. Magnetbänder, lange das Rückgrat professioneller Archive, müssen alle zehn bis zwanzig Jahre umkopiert werden – ein teurer und fehleranfälliger Prozess. Festplatten geben oft schon nach fünf Jahren den Geist auf, und selbst die als robust geltende Blu-ray Disks ist ein Versprechen auf vielleicht ein Jahrzehnt, nicht auf ein Jahrhundert. Jede dieser Technologien erfordert eine konstante, energieintensive Wartung und die ständige Sorge vor der Migration auf die nächste Hardware-Generation oder den nächsten Schnittstellenwechsel. Vor diesem Hintergrund wirkt die Idee, Daten in einem extrem widerstandsfähigen Material wie Glas zu speichern, wie die Erlösung aus der digitalen Kurzlebigkeit.

Die Technik dahinter ist von bestechender Eleganz. Ein Femtosekunden-Laser sendet unvorstellbar kurze Lichtimpulse in ein Stück Quarz- oder Borosilikatglas. Diese Impulse sind so präzise, dass sie im Inneren des Glases winzigste, dreidimensionale Strukturen, sogenannte „Voxels“, hinterlassen. Jeder dieser Punkte kann durch seine Orientierung und Intensität mehrere Bits an Information kodieren. Schicht für Schicht schreibt der Laser so ein komplexes, dreidimensionales Muster in das Glas – ein digitales Palimpsest, das mit bloßem Auge unsichtbar bleibt. Das Auslesen erfolgt ebenfalls berührungslos: Ein spezielles Mikroskop durchleuchtet das Glas, und eine Software übersetzt die Muster zurück in die ursprünglichen Daten.

Ein Medium für die Ewigkeit – und die Flüchtigkeit des Verstehens

Hier aber beginnt die eigentliche kulturelle Herausforderung, die weit über die technische Machbarkeit hinausgeht. Das Glas mag für Äonen halten, doch was ist mit den Geräten und dem Wissen, die zu seiner Entschlüsselung nötig sind? Wir schaffen ein Medium, das unsere Zivilisation überdauern könnte, aber wir binden seine Lesbarkeit an eine technologische Kette, deren Glieder gleichermaßen komplex und von atemberaubender Flüchtigkeit sind. Ein Lesegerät von heute ist in fünfzig Jahren ein Museumsstück, in fünfhundert Jahren unverständlicher Schrott. Die Software, die Algorithmen, die Treiber – all das ist in einer Sprache für Maschinen geschrieben, die sich in einem rasanten Wandel befindet.

Stellen wir uns Archäologen der Zukunft vor, die eine unserer Glasplatten finden. Sie halten ein perfektes, unversehrtes Medium in Händen. Doch ohne das passende Lesegerät – die „Rosetta-Stone-Maschine“ für Femtosekunden-Laser-Daten – blicken sie nur auf ein leeres Stück Glas. Die eigentliche Herausforderung ist also nicht, die Daten zu speichern, sondern die Fähigkeit zu bewahren, sie zu verstehen. Wir wetten darauf, dass zukünftige Generationen nicht nur unsere Daten für bewahrenswert halten, sondern auch die technologische Kontinuität wahren, um sie zugänglich zu machen. Wenn selbst Dateiformate von vor zwanzig Jahren schon Probleme bereiten, ist das eine kühne Wette.

Zwischen Vision und Wirklichkeit: Der Stand der Dinge

Trotz dieser philosophischen Bedenken schreitet die Entwicklung voran. Unternehmen wie Microsoft mit seinem „Project Silica“ und die britische Universitätsausgründung SPhotonix treiben die Technologie zur Marktreife. Pilotprojekte mit großen Archiven und Rechenzentren sind für die Jahre ab 2027 geplant, eine breitere Verfügbarkeit wird für das Ende des Jahrzehnts prognostiziert. Die Kosten sind zunächst hoch – ein Schreiber wird anfangs um die 30.000 Dollar kosten, ein Lesegerät etwa 6.000 Dollar. Auch die Schreibgeschwindigkeit hinkt noch hinter der von LTO-Bandlaufwerken her.

Für die tägliche Sicherung riesiger Datenmengen ist das Verfahren also vorerst ungeeignet. Sein Wert liegt im „Write Once, Preserve Forever“-Ansatz. Es ist die ultimative Kaltlagerung für die Kronjuwelen eines Archivs: die abgeschlossenen Filmprojekte, die wichtigsten fotografischen Werke, die zentralen Dokumente einer Kulturinstitution. Die reinen Speicherkosten pro Terabyte könnten langfristig unter einen Dollar fallen, doch die wahre Ersparnis liegt im Wegfall der ewigen Migrationszyklen und der Energiekosten für die Lagerung.

Letztlich ist die Einführung der Glas-Speicherung weniger eine technische als eine kulturelle Entscheidung. Sie zwingt uns, darüber nachzudenken, was wir wirklich für die Ewigkeit bewahren wollen. Und sie konfrontiert uns mit der unbequemen Wahrheit, dass die Beständigkeit unserer Erinnerungen nicht allein vom Medium abhängt, sondern von unserer Fähigkeit, eine Brücke des Verstehens über die Zeiten hinweg zu bauen. Das Glas gibt uns die Steine, aber die Brücke müssen wir selbst konstruieren – und instand halten.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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