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Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art – Der verjüngte Klassiker

Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art – Der verjüngte Klassiker
Foto: Alina Schessler

35 Millimeter ist eine klassische Brennweite der Kleinbildfotografie – ein leichtes Weitwinkel, aber auch fast schon ein Normalobjektiv. In Sigmas Art-Reihe gab es bereits zwei lichtstarke Objektive dieser Brennweite, aber die spiegellose Kameratechnik stellt neue Anforderungen, für die neue Lösungen gefunden werden mussten. Michael J. Hußmann konnte bereits Erfahrungen mit dem Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art an einer Sigma fp L sammeln.

Das Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art an einer spiegell­osen Sigma fp L
Das Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art an einer spiegell­osen Sigma fp L

Wer früher mit einem Normalobjektiv in die Fotografie eingestiegen war und seine Möglichkeiten zu den kürzeren Brennweiten hin erweitern wollte, griff oft zu einem 35-Millimeter-Objektiv. Heutzutage gilt manchen erst 28 Millimeter als echte Weitwinkelbrennweite, aber gerade seine Position zwischen kurzen und Normalbrennweiten macht den Charakter eines 35-Millimeter-Objektivs aus.

Gegenüber dem manchmal zu be­engten Bildwinkel eines Normalobjektivs bietet es mehr Spielraum, und die Aufnahmen damit zeigen noch keine übertriebenen perspektivischen Effekte. Wenn man sich für eine einzige Brennweite entscheiden müsste, wären 35 Millimeter eine gute Wahl.

Vor neun Jahren hat Sigma seine Art-Baureihe mit dem 35mm F1.4 DG HSM gestartet, das für Spiegelreflex­kameras gerechnet ist, inzwischen aber auch in Versionen für die spiegellosen Systeme von Leica, Pana­sonic und Sigma (L-Mount) sowie Sony (E-Mount) angeboten wird. Die neuen Systeme bieten mit ihrem kurzen Auflagemaß ganz neue Möglichkeiten der optischen Rechnung und stellen andererseits andere Anforderungen, beispielsweise an den Autofokus. Daher lag es nahe, den Klassiker für die spiegellosen Systeme neu aufzulegen.

Die Dimensionen des Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art, das für rund 850 Euro mit den Anschlüssen L-Mount und E-Mount erhältlich ist, haben sich gegenüber dem Vorläufer kaum geändert. Es ist 15,5 Millimeter länger – wie es im spiegellosen Segment üblich ist (die Kameras sind schlanker, die Objektive dafür länger) –, aber trotz seiner Abdichtung gegen Staub und Spritzwasser 20 Gramm leichter. Der Filterdurchmesser blieb bei 67 Millimeter und die Naheinstellgrenze liegt weiterhin bei 30 Zentimetern. Die optische und die elektromechanische Kon­struktion sind dennoch völlig neu.

Mit 15 Elementen in 11 Gruppen, davon zwei Asphären und vier Linsen mit besonders geringer Dispersion, wurde die Kontrastübertragung im Randbereich noch einmal verbessert, unter anderem durch die Korrektur der Koma. Während eine hohe Schärfe oft mit einem unruhigen Hintergrund erkauft wird, erzeugt das 35mm F1.4 DG DN diesseits und jenseits der Schärfenzone ein butterweiches Bokeh, wozu auch die 11 abgerundeten Blenden­lamellen beitragen. In den Unschärfekreisen gibt es keine konzentrischen Ringe oder andere Strukturen, die auf Unvollkommenheiten der asphärischen Elemente hindeuten würden. Zusätzlich zur bereits hohen optischen Korrektur können, abhängig von der verwendeten Kamera, auch digitale Korrekturen der verbliebenen Verzeichnung und des Farbquerfehlers in die Raw-Dateien eingetragen werden.

Die Landschaftsfotografie zählt zu den Einsatz­gebieten des Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art. Diese Langzeitbelichtungen entstanden bei ISO 6 mit einer Sigma fp L, die dazu mehrer­e Teilbelichtungen verrechnet. Fotos: Michael J. Hußmann
Die Landschaftsfotografie zählt zu den Einsatz­gebieten des 35mm F1.4 DG DN | Art. Diese Langzeitbelichtungen entstanden bei ISO 6 mit einer Sigma fp L, die dazu mehrer­e Teilbelichtungen verrechnet. Fotos: Michael J. Hußmann

Der optische Aufbau ist an die Eigenschaften spiegelloser Systeme angepasst. Die große Hinterlinse liegt auf der Höhe des Bajonetts und nutzt damit das kleine Auflagemaß – der Weg des Lichts vom Objektiv zum Sensor ist kurz. Weitere Besonderheiten zeigen sich bei der Fokussierung: Dazu muss nur ein einziges, relativ leichtes Element verschoben werden. Dafür sorgt ein Schrittmotor statt eines Ultraschallmotors, wie er sich in Objektiven für DSLRs bewährt hat. Der Autofokus spiegelloser Kameras nutzt neben einer Phasendetektion vor allem einen Kontrastvergleich, der schnelle Änderungen des Fokus in kleinen Schritten erfordert, woran der Fokussierantrieb angepasst sein muss.

Die Bedienelemente des Objektivs beweisen viel Liebe zum Detail. Der Blendenring lässt sich nicht nur in der Automatikstellung verriegeln, sondern ebenso im manuellen Modus – dann stehen die Blendenstufen zwischen 1,4 und 16 zur Wahl, aber man kann ihn nicht versehentlich auf „A“ schieben. Dass sich die Rastung ausschalten lässt, wird die Videographen erfreuen – im Videomodus ist die Verschlusszeit vorgegeben und die Belichtung wird über den Blendenring stufenlos gesteuert. Die AFL-Taste am Objektiv ist konfigurierbar und kann an der Sigma fp (L) auch zur AF-ON-Taste werden. Die mitgelieferte tulpenförmige Sonnenblende rastet ein und lässt sich erst auf Tastendruck wieder lösen.

In der Praxis

Mit 645 Gramm ist das 35mm F1.4 DG DN | Art kein ausgesprochenes Leichtgewicht, liegt aber gut in der Hand – auch an der zierlichen Sigma fp L, zusammen mit ihrem niedriger auflösenden Schwestermodell fp (siehe DOCMA 93 ab Seite 124) die aktuell kleinste Systemkamera mit Vollformatsensor. Da der Praxistest in eine Phase nassen und stürmischen Aprilwetters im Mai fiel, musste sich sein Witterungsschutz bewähren – Regentropfen dringen nicht in den Objektivtubus ein und Spritzer auf der Frontlinse perlen dank einer wasserabweisenden Beschichtung ab.

Lichtstarke Objektive werden gerne offenblendig verwendet, schon weil man es kann, aber bei f/1,4 ist die Schärfenzone hauchdünn – oft ist es zugunsten der Schärfentiefe nötig, eine oder zwei Stufen abzublenden, was dem cremigen Bokeh jedoch keinen Abbruch tut – das Ausmaß der Hintergrundunschärfe sinkt, aber ihre Qualität bleibt erhalten. Es ist eine Besonderheit der fp und fp L, dass sich der ISO-Wert bis auf 6 herunterregeln lässt, wozu die Belichtung in mehrere kürzere Teilbelichtungen zerlegt und deren Sensordaten miteinander verrechnet werden. Abgeblendet auf f/8 sind dann Langzeitbelichtun­gen bei Tageslicht ohne ND-Filter möglich; nennenswerte Schärfeverluste durch Beugung würden erst bei noch kleineren Blenden sichtbar. Abbildungsfehler machen sich kaum bemerkbar, sei dies nun allein der optischen Korrektur oder auch digitalen Korrekturen zuzurechnen. Nur bei Aufnahmen mit offener Blende ist ein gewisser, für so lichtstarke Objektive charakteristischer Sphärochromatismus erkennbar.

Der Siegeszug der spiegellosen Kamerasysteme macht auch bei den Objektiven Neuentwicklungen nötig, und das Sigma 35mm F1.4 DG DN | Art zeigt, welche Leistung unter den geänderten Rahmenbedingungen erreichbar ist.

Weitere Infos unter: www.docma.info/22185

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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