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Neues aus der Crowd-Funding-Szene

Anfang 2014 hatte ich in der DOCMA 58 über Crowd Funding berichtet, also die Methode der „Schwarmfinanzierung“. In den vergangenen Jahren hat sie etliche Projekte zum Erfolg gebracht, denen Banken oder Wagniskapitalgeber vielleicht die Unterstützung verweigert hätten. Einige dieser Projekte hatte ich damals selbst mit überschaubaren Beträgen gefördert. Was hat sich seitdem getan?

28. Februar 2014: Fünf Nano-Satelliten werden von der ISS in ihre Umlaufbahn ausgesetzt; der mittlere von ihnen ist SkyCube.

28. Februar 2014: Fünf Nano-Satelliten werden von der ISS in ihre Umlaufbahn ausgesetzt; der mittlere von ihnen ist SkyCube.

Eines der Projekte, die ich 2013/2014 gefördert hatte, erwies sich letztendlich als Fehlschlag: Es ging darum, einen kleinen Satelliten im standardisierten Cubesat-Formfaktor in die Umlaufbahn zu schicken. Zwar brachte ein Cygnus-Raumfrachter diesen „SkyCube“ und weitere Nano-Satelliten zur internationalen Raumstation, von wo aus sie schließlich am 28. Februar 2014 in eine eigene Umlaufbahn befördert wurden, aber seine Solarpanele und Antennen entfalteten sich nicht vollständig, weshalb keine erfolgreiche Kommunikation mit dem Satelliten möglich war. Aus den Tweets aus dem Orbit, die ich andernfalls hätte absetzen können, wurde daher nichts, und einige Monate später verbrannte SkyCube beim planmäßigen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, ohne seine Mission erfüllt zu haben. Trotzdem: Es war den Versuch wert gewesen.

Im Sommer 2014 war ich als Redner zum Crowd Day Mecklenburg-Vorpommern eingeladen, einer Veranstaltung, die die Idee der Crowd-Finanzierung popularisieren sollte. Gerade dieses Projekt stieß dort auf das größte Interesse, obwohl sich bereits abzeichnete, dass es technische Probleme gab. Die Idee, ein eigenes kleines Raumfahrtprogramm zu finanzieren, hat eben ihren Charme.

Lumu, ein Sensor für die Lichtmessung mit iPhone und iPad, wird in die Kopfhörerbuchse gestöpselt.

Lumu, ein Sensor für die Lichtmessung mit iPhone und iPad, wird in die Kopfhörerbuchse gestöpselt.

Andere, erdverbundenere Projekte waren dagegen erfolgreich. Der Filmemacher Tomas Leach konnte „In No Great Hurry“ fertigstellen, einen Film mit und über den von mir sehr geschätzten New Yorker Fotografen Saul Leiter, und als Förderer konnte ich ihn als einer der Ersten sehen. Das slowenische Start-Up Lumu produzierte den gleichnamigen Belichtungsmesser für iOS-Geräte, mit dem eine so präzise wie empfindliche Lichtmessung mit dem iPhone möglich ist, während die zahlreichen Apps für die Belichtungsmessung mit der integrierten Kamera nur eine Objektmessung erlauben. Der Hersteller hat jüngst eine Crowd-Funding-Kampagne für ein neues Produkt gestartet: Lumu Power folgt dem bewährten Konzept, beherrscht aber auch die Blitzbelichtungsmessung und kann die Farbtemperatur ermitteln. Im Gegensatz zum ursprünglichen Lumu wird Lumu Power nicht in die Kopfhörerbuchse gestöpselt, sondern nutzt Apples Lightning-Port – hoffen wir mal, dass Apple beim Lightning-Anschluss bleibt und nicht mit der nächsten Hardwaregeneration auf USB-C setzt, wie manche unken.

Durch Crowd Funding finanziert wurde auch die Produktion der Server von Protonet, von denen wir einen für die Kommunikation und den Datenaustausch in der DOCMA-Redaktion nutzen. Hier wurden allerdings gleich Millionen Euro in der Crowd gesammelt – für mich eine Nummer zu groß, so dass ich hier passen musste. Aber schließlich braucht eine Arbeitsgruppe auch nur einen solchen Server, und ich musste mir nicht unbedingt noch meinen eigenen kleinen Server auf den Schreibtisch stellen, den es als Belohnung gegeben hätte.

Der Everyday Messenger, eine mitwachsende Fototasche, in der auch noch der Computer Platz findet.

Der Everyday Messenger, eine mitwachsende Fototasche, in der auch noch der Computer Platz findet.

Nach einem anderen Produkt suchte ich dagegen schon länger, und hier fand ich über eine Crowd-Funding-Kampagne die Lösung: Ich brauchte nämlich eine Kameratasche, die sich für die kleine ebenso wie für die große Ausrüstung eignet und dabei auch noch Platz für den Computer bietet. Der Everyday Messenger von Peak Design hat die schöne Eigenschaft, mit seinen Aufgaben zu wachsen: Wenn man nur eine Kamera mit zwei Objektiven mitzunehmen braucht, ist er flach wie eine Messenger-Tasche, kann sich aber vergrößern, um eine umfangreichere Ausrüstung bis hin zum Stativ aufzunehmen. Ein Reißverschluss oben gewährt den schnellen Zugriff, ohne die Tasche vollständig öffnen zu müssen, und für ein Notebook sowie ein Tablet gibt es zwei eigene Fächer. Daneben gibt es Fächer für diversen Kleinkram, sowohl innen wie auch außen. Optionale Riemen erlauben, die Tasche über der Schulter oder auf dem Rücken zu tragen. Man merkt, dass sich die Designer eine Menge Gedanken über die optimale Kameratasche gemacht haben. Und ganz billig ist das Produkt nicht; als Crowd-Finanzier zahlte ich aber nur 220 statt 250 US-Dollar und kann die Tasche schon jetzt nutzen, während die regulären Besteller noch warten müssen. Die entscheidende Bewährungsprobe hat die vor wenigen Tagen eingetroffene Tasche noch vor sich, aber bislang macht sie einen sehr guten Eindruck. Hier zeigt sich wieder einer der wesentlichen Vorteile des Crowd Funding: Der Hersteller versucht keine Banker von seinem Produkt zu überzeugen, die es selber gar nicht brauchen und daher auch nicht verstehen, sondern potentielle Kunden. Ein Projekt, das diese Finanzierungshürde nimmt, hat gute Chancen, sich tatsächlich auf dem Markt zu bewähren.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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