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Gastbeitrag: Der neue Piktorialismus I

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Digitale Bilder sind oft zu glatt, zu perfekt – ja – fast zu langweilig. Jörg Oestreich zeigt einen fotografischen Ansatz, der konzeptionell mit dem Mangel an Perfektion spielt, und im Ergebnis an eine moderne Form des Piktorialismus erinnert.


Vor einigen Jahren überlies mir ein geschätzter Fotografenfreund sein 300 mm Rodenstock Imagon Tiefenbildnerobjektiv – ein von Porträtfotografen der 1930 bis 1940 Jahre sehr gern und viel genutztes Weichzeichnerobjektiv. Viele klassische Hollywood-Porträts aus dieser Zeit wurden mit diesem oder bauähnlichen Objektiven hergestellt. Die Ergebnissen sehen wundervoll weich, zart und „traumhaft" aus. Allerdings war mir dieses Objektiv damals zu langweilig, zumal derartige Fotos sich auf einfachste Weise auch per Bildbearbeitung oder mit entsprechenden Fotofiltern erzeugen lassen. Dennoch beschäftigt es mich weiter..

Objektive waren in den Anfängen der Fotografie nicht so komplex wie heute aufgebaut. Die Linsenkonstruktionen waren relativ einfach, die Stück für Stück die einfacheren Linsenfehler auszugleichen versuchten. Je komplexer die Objektive jedoch wurden, desto problematischer wurden die im Linsensystem verbauten spiegelnden Glasflächen. Bildfehler verschwanden zwar, aber im gleichen Maße auch Schärfe und Kontrast. Das ging bis in die 1950er Jahre so. Dann kamen gut funktionierende Entspiegelungen hinzu und es konnten zusätzliche Linsen eingebaut werden, um sog. Abbildungsfehler auszugleichen. Heute haben moderne Zoomobjektive nicht selten 16 bis 18 Linsen.

Das von diesen modernen Objektiven erzeugte Bild ist so perfekt korrigiert, dass die Bildergebnisse oft als „langweilig“ und „glatt“ empfunden werden, als ein im Fokusbereich scharfes Bild mit einem bestimmten Bildwinkel, mit einer entsprechenden Anfangsöffnung und einem Bokeh, das in der Regel glatt wie Milchglas erscheint.

Ein weiteres Kriterium für mich ist auch, dass fast alle Fotografen mit gleichen oder ähnlichen Linsen herumlaufen und gleiche oder ähnliche Bilder fotografieren. Andererseits sieht man dann berühmte Vogue-Fotografen, die auch heute noch mit uralten Kameras arbeiten. Warum? Ganz einfach – Alleinstellung!
Das besondere Bild ist meine Motivation, um mich mit alten Linsenrechnungen und alten Objektiven auseinander zu setzen.

Alle guten Porträtobjekte sind auf eine Handvoll Konstrukteure zurück zu führen. Namen wie Petzval, dessen geniale Objektivrechnung irgendwann bei Voigtländer landete, oder Oskar Barnack, der für seine Leica auf den Mineralogen und Mathematiker Max Berek zurückgriff. Berek hat bis in die 50er Jahre viele Leitz-Objektive berechnet, unter anderem die Elmar-Objektive, das berühmte Thambar oder die langbrennweitigen Hektore. Es handel sich dabei um Objektivberechnungen, die ähnlich dem Zeiss-Tessar aus dem Cooke-Triplet entstanden sind. Und dann gibt es von Zeiss noch die Biotare und Biometare, die ähnlich dem Planar im Kern das Gaussche Doppelobjektiv in sich tragen. Viele Namen, viele Linsen und viele Fotografen, die mit eigenen Wegen einzigartige Bilder geschaffen haben.

Es sind letztlich diese berühmten Objektive, mit denen Fotografen bekannte und beeindruckende Bilder aufgenommen haben. Und es sind diese Objektive, deren mehr oder weniger vorhandenen Bildfehler das Interesse des Betrachters wecken. Für mich ist es immer eine Herausforderung, nach solchen Objektiven zu suchen und mit ihnen zu fotografieren.
Mehr von Jörg Oestreich gibt es hier auf Facebook.

Jörg Oestreich – geboren 1961 in Schleswig – lebt und arbeitet in Flensburg. Ab 1998 Ausbildung zum Fachkaufmann für Werbung/Kommunikation. Im Anschluss daran Fotograf im Fotostudio der Firma FKA-Media. Seit 2002 eigenes Studio sowie freiberufliche Tätigkeit als Werbefotograf im Raum Flensburg.