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Du, photokina, wir müssen reden

Ja, mit der photokina bin ich jetzt per Du, und ich weiß selbst nicht, warum. Die Weltmesse der Fotografie hat sich ein Beispiel an Ikea und Apple genommen und duzt mich – meinetwegen. Aber das ist nicht der Punkt, um den es mir geht.

2016 ist ein photokina-Jahr – yeah! Ungeradzahlige Jahre müssen ohne eine Messe der Fotografie auskommen, sofern man nicht in die USA oder nach Asien fliegen will, aber nirgendwo auf der Welt gibt es eine Messe wie die photokina, so viel ist klar. Bis zum September 2016 – die photokina öffnet am 20. und schließt am 25. September – ist noch viel Zeit, aber selbstverständlich ist mein Hotelzimmer längst gebucht – wer zu spät bucht, wird in Bonn oder Leverkusen statt in der der Kölner Innenstadt landen, und wer will das schon. Aber nun passiert plötzlich Seltsames; die photokina erfindet sich neu.

Das „Key Visual“ der photokina 2016 – augenkrebsverdächtig zumal, aber fotografieren mit dem Tablet – ernsthaft?

Das „Key Visual“ der photokina 2016 – augenkrebsverdächtig zumal, aber fotografieren mit dem Tablet – ernsthaft?

Die FDP setzt seit einiger Zeit auf eine augenkrebsverdächtige Farbpalette von Cyan, Magenta und Gelb, aber das ist akuter Verzweiflung geschuldet. Wie soll man es nun verstehen, wenn das „Key Visual“ der nächsten photokina eine Kombination von Cyan und Rot bemüht? Will man auffallen um jeden Preis? Und warum ist hier jemand zu sehen, über den doch immer Hohn und Spott aller halbwegs ernsthaften Fotografen ausgeschüttet wurde, nämlich der Gelegenheitsfotograf mit seinem Tablet oder Smartphone? Aber genau der ist offenbar die neue Zielgruppe: „Du machst gerne Filme oder Fotos mit Deinem Smartphone? Dann bist Du auf der photokina goldrichtig. Wir zeigen Dir, was Deine Freunde und Freundinnen staunen lässt und was Du aus Deinen Fotos und Videos machen kannst.“ (Imaging unlimited und grenzenlose Möglichkeiten)

Keine Frage, es wird heute mehr fotografiert den je, und die Masse der Fotos wird mit Smartphones oder Tablets statt mit „richtigen“ Kameras aufgenommen. Die Zielgruppe dieser Gelegenheitsfotografen anzusprechen erscheint so gesehen ganz natürlich. Aber was bedeutet das für die photokina? Die Zielgruppe dieser Messe waren bislang in erster Linie ambitionierte Amateure, Profifotografen und all jene, die sich für die Fotografie als solche begeisterten, und in zweiter Linie all jene, deren Kunden sich dafür interessierten, also Fotohändler und die Presse. Gelegenheitsfotografen hatten sich noch nie auf das Messegelände verirrt; selbst wenn jemand mit dem Gedanken spielte, reichte der Eintrittspreis, um vom Besuch abzuschrecken. Die Eintrittspreise für die diesjährige photokina sind noch unbekannt, aber sie müssten schon deutlich reduziert sein, wenn man ernsthaft eine breitere Basis anlocken will.

Gelegenheitsfotografen verirren sich heutzutage kaum noch zu einem Fotohändler – nicht einmal zum Kamerakauf, denn sie haben ja bereits ein Smartphone mit Kamerafunktion und brauchen keine Kamera mehr. Sie lesen auch keine Fotozeitschriften und erst recht kein Magazin wie DOCMA. Was für einen Nutzen hätte es daher, wenn sie die Messe besuchten? Es ist ja nicht so, als ob die photokina bisher unter schlechten Besucherzahlen zu leiden gehabt hätte. Wenn ich auf der Messe bin, hetze ich normalerweise von Pressekonferenz zu Pressekonferenz, von Gesprächstermin zu Gesprächstermin, und das Schlimmste ist, wenn sich an einem Stand halbnackte Frauen auf Motorrädern präsentieren und das Publikum deshalb die Gänge blockiert. Nicht ohne Grund bin ich schon anderthalb Tage vor Beginn der Messe vor Ort, um die ersten Presseveranstaltungen zu besuchen, während die Messestände noch im Aufbau begriffen sind.

Wenn es die photokina schaffen sollte, mehr Menschen für die ambitionierte Fotografie zu gewinnen, dann wäre ich unbedingt dafür. Ich habe auch nichts gegen die Fotografie mit dem Smartphone, denn dieser bediene ich mich schließlich selbst. Ich sehe bloß nicht, wie die gewünschte Verbreiterung der Basis gelingen soll. Aber schauen wir mal; bis zum September ist ja noch viel Zeit.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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