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Das Charlie-Hebdo-Massaker war schlimm, aber …

CharlieEin paar Tage lang waren alle geschockt von den Charlie-Hebdo-Morden in Paris. Leserbriefschreiber drückten ihr tiefes Entsetzen aus. Doch bereits nach weniger als einer Woche kam das verhaltene ABER: „Viele religiös gläubige Menschen fühlen sich durch bissige Satire angegriffen …“ Die Zeichner hätten doch schließlich gewusst, auf was sie sich da einlassen. Und überhaupt: Hat nicht Charlie Hebdo zuvor auch den Papst beleidigt, Jesus, die ganze Christenheit?

In immer mehr Meinungsäußerungen und Leserbriefen von christlicher Seite wurde dieser Aspekt des Sich-beleidigt-fühlens mit der Forderung nach Beschränkungen von Satire und Religionskritik verbunden, und es schimmerte mitunter ein klammheimliches Verständnis für die Mörder durch.

Bonifatius

Vom heiligen Bonifatius – dem „Apostel der Deutschen – und seinen frommen Taten hörte ich als Nordhesse zum ersten Mal im Kindergottesdienst; wie er 723 todesmutig bei Fritzlar die den Chatten heilige Donareiche fällte. Da sich der Gott Thor nicht umgehend für diese Freveltat rächte, war im Umkehrschluss die überlegende Macht des Christengottes erwiesen.

Heutige Satiriker und Religionskritiker setzen auf Wort, Text und Bild statt auf die Axt. Die Fritzlarer Gemeinde würde es kaum erfreuen, wenn ein Heide mit Kettensäge in den Dom marschierte und den Altar zu Kleinholz verarbeitete, und der ausbleibende göttliche Blitzstrahl wäre ein schwaches Argument dafür, dass letztlich wohl doch Thor verehrungswürdiger sei.

Wenn bereits Karikaturen als Beleidigung gläubiger Menschen gelten – wie ist dann die Aktion des Bonifatius, der noch heute als heiliges Vorbild gilt, einzuschätzen? Sicherlich ist er weitaus gewalttätiger vorgegangen, mit der Axt statt mit dem Bleistift. Stand er also in der Wahl der Mittel den Terroristen näher als den Satirikern?

Franziskus

Zum Glück ist das lange her; heute versteht sich das Christentum ja als eine Religion der Liebe und Vergebung, und Papst Franziskus sprach daher anlässlich des Pariser Terrors die weisen Worte: „Es ist wahr, dass man nicht mit Gewalt reagieren darf …“ Ach, hätte er es doch damit bewenden lassen! Es folgten jedoch weitere Sätze: „Aber wenn mein guter Freund meine Mutter beleidigt, bekommt er eins auf die Nase. Man darf nicht provozieren, man darf nicht den Glauben der Anderen verletzen, man darf sich nicht über den Glauben lustig machen.“

Damit erweist er sich zwar in apostolischer Sukzession als würdiger Nachfolger des ohrabschlagenden Petrus – von der vorbildlichen Deeskalationslehre Jesu und dem demütigen Hinhalten der anderen Wange jedoch ist das meilenweit entfernt. Wie will man glaubhaft den Verzicht auf Gewalt predigen, wenn man gleichzeitig um Verständnis für Eskalation wirbt? Auf eine verbale Beleidigung Dritter mit einem Faustschlag reagieren – auf einen Faustschlag mit einem Messerstich … Da war selbst die alttestamentarische Regel des „Auge um Auge“ schon weiter.

Aber was will man schon von einem Papst erwarten, der wenige Tage später sein Verhältnis zu körperlicher Gewalt näher ausführt, indem er das Prügeln von Kindern rechtfertigt und es schon für ein Zeichen der Anerkennung ihrer Würde hält, sie wenigstens nicht ins Gesicht zu schlagen?

(Fortsetzung folgt in einer Woche)

 

  1. kkm3105

    Bei denjenigen, bei denen ein „klammheimliches Verständnis für die Mörder durchschimmert“, ist Hopfen und Malz verloren – Fanatiker kann man nicht umdrehen. Wer an eine unbefleckte Empfängnis oder 1000 Jungfrauen in Allahs Paradies glaubt, hat sowieso ein etwas verqueres Weltbild und ist deshalb auch besonders leicht zu indoktrinieren.
    Gäbe es keine Religionen, gäbe es weniger Kriege, weniger Leid auf dieser Welt. Deshalb bin ich seit meinem 16.ten Lebensjahr Atheist. Voll überzeugter.

  2. guedie

    Guten tag, kkm3105,
    Guter Beitrag, dessen Hauptaussage ich voll unterstützen. Nur den letzten Absatz solltest Du überdenken; Hitler war nicht sonderlich religiös (sein Schamanismus und Naturgottheitenkult kann nicht als Religion gelten), und seine Kriege zielten auf die Ausrottung einer Religion und unerwünschter Ethnien. Andere Schlächter der letzten 100 Jahre waren auch nicht religiös motiviert. Kriege aus tatsächlich religiösen Gründen sind eher vorgeschoben (Irland). Tatsächlcih werden kriege von extrem rational denkenden Menschen geführt. Machterhalt, territoriale undd ethnische Grenzverschiebungen, Stammesfehden und ökonomische- und Ressourcen- Interessen bilden eher die Grundlage von Kriegen.

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