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Bildkritik: (Kn)Autschzone

Wahrlich verunglückte Montagen von Kenwood

Den DOCMA Bad Pixel Award, bei dem Einsender der gruseligsten Montagen gewinnen können, setzen wir aus Aktualitätsgründen jetzt auch hier im Web fort. Doc Baumanns Bildkritik wird in der gedruckten Ausgabe künftig seltener erscheinen, dafür kann er hier schneller auf daneben gegangene Bildmontagen eingehen. Den Anfang machen wir mit zwei Bildern von der Facebook-Seite von Kenwood.

Bildkritik: (Kn)Autschzone
Wahrlich verunglückte Montage von der Facebook-Seite von Kenwood

„Autsch!“ möchte man laut ausrufen, wenn man die oben präsentierte Montage von Kenwood betrachtet, die uns unser Leser Murat zugesandt hat. Die Aufgabenstellung dabei war wohl gewesen, eine Verkehrssituation zu zeigen, bei der Aufnahmen einer Dashcam bei der Rekonstruktion eines Unfalls helfen können. Die Glassplitter auf dem Asphalt sind denn auch in aller Klarheit zu bewundern.

Mehr Sorgen bereitet da die Vorstellung, was wohl mit dem Auto passiert sein mag, in dem die Kamera installiert ist. Denn da sich der Boden direkt in Fensterhöhe befindet, muss seine gesamte Frontpartie quasi auf null zusammengestaucht worden sein. Da die Kamera jedoch weiter an der Scheibe klebt, ist diese zum Glück heil geblieben – nicht ganz nachvollziehbar bei einem solchen Sachschaden.

Die Alternative: Es war ein ganz, ganz heißer Tag im letzten Sommer und der Wagen hat sich beim Bremsen metertief in den völlig aufgeweichten, geradezu verflüssigten Asphalt geschoben. Doppeltes Glück, dass der Straßenbelag an dieser Stelle so dick war.

Was ist Bildkritik?

Für diejenigen unter Ihnen, die unsere seit mehr als zehn Jahren in DOCMA erscheinende Rubrik Bildkritik nicht kennen sollten, ein paar erklärende Sätze dazu: Es gibt Film- und Literaturkritik, Musikkritik oder Kunstkritik – eine eigenständige Bildkritik digitaler Montagen musste dagegen erst entwickelt werden und gibt es nur bei uns. (Was in ähnlicher Weise noch fehlt, ist zum Beispiel eine Typografie- und Layout-Kritik; auch dafür gäbe es mehr als genug Anlässe.)

Eine solche Bildkritik von Montagen hat nichts mit Geschmack zu tun, es geht nicht um ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“. Gegenstand der Kritik sind Fehler.

Im Unterschied zu einer Collage soll eine Montage in der Regel bei den Betrachtern den Eindruck erwecken, die gezeigte Szene könne so auch fotografiert worden sein. Die verwendeten Bildelemente stehen also – im Gegensatz zur Collage – nicht additiv nebeneinander, sondern sie sollen ein geschlossenes, einheitliches Ganzes ergeben. Die dargestellte Szene muss dann also eine Einheit bilden und es dürfte keine Widersprüche zwischen den verwendeten Elementen aus verschiedenen Quellen zu sehen sein.

Dabei geht es nicht um Abweichungen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind, und die nur mit ausgeklügelten Methoden von Bildforensikern entlarvt werden können, etwa nicht zusammenpassende JPEG-Kompressionsmuster.

Bildkritik setzt vielmehr bei visuellen Widersprüchen an. Die häufigsten sind:

  • Uneinheitliche Perspektive der Elemente, die nicht zu den räumlichen Bedingungen der Szene passt
  • Uneinheitliche Beleuchtungsrichtungen
  • Daraus folgend auch uneinheitlicher Schattenwurf
  • Unvereinbare Schärfe/Unschärfe von Elementen
  • Uneinheitliches Rauschen von Elementen
  • Uneinheitliche Farbstimmung von Bildteilen
  • Mangelhafte Plausibilität

Pedantische Bildkritik – Kunst darf das

Bei den Hunderten von fehlerhaften Bildern, die ich in den letzten Jahren analysiert und vorgestellt habe, kam es immer mal wieder vor, dass sich Leser/innen über eine allzu penible Bildkritik geärgert und geschrieben haben, dies oder jenes sei zwar falsch, aber dennoch nicht kritikwürdig, da so etwas unter die Freiheit der Kunst fiele.

Dem widerspreche ich aus verschiedenen Gründen: Zum einen habe ich erhebliche Zweifel daran, dass manche der vorgestellten Montagen unter „Kunst“ fallen. Wenn alles, das irgendwie mit gewissem Aufwand gestaltet wurde, Kunst wäre, hätte der Begriff keinen erkennbaren Sinn mehr. Doch selbst, wenn es sich um Kunst handeln sollte, sind Abweichungen von einer quasi-fotografischen Wiedergabe einer Szene nur dann gerechtfertigt, wenn sie absichtlich und gezielt eingesetzt werden. (Das ist zumindest meine Meinung und Ausgangsposition.)

Man darf von allen oben genannten Kriterien beliebig weit abweichen, sofern man damit eine bestimmte kommunikative Absicht verbindet. Dann darf die Perspektive ebenso „falsch“ sein wie der Schattenwurf. In der Hoffnung, dass die Betrachter die visuellen Widersprüche erkennen, soll bei ihnen etwas ausgelöst werden. Schlechte Bildmonteure dagegen hoffen gerade, dass die Widersprüche nicht gesehen werden, sofern sie selbst sie überhaupt erkennen (oder ihre Auftraggeber sowie die hochbezahlten Leute in den Agenturen.)

Und was ist dann, bitteschön, mit Gemälden berühmter Meister, die in den Museen hängen und nicht selten genau dieselben Fehler aufweisen? Ist das dann etwa keine Kunst? Ob es Kunst ist oder nicht, interessiert mich in diesem Zusammenhang wenig. Wenn etwa in Cezannes Gemälde „Knabe mit roter Weste“ der Oberarm viel zu lang ist und das keinerlei inhaltlichen oder kompositorischen Grund hat, dann ist es ein Fehler, auch wenn Cezanne ein Malergenie gewesen sein mag. Und das hohle Geschwätz von Kunsthistorikern, die dem dennoch irgendetwas Positives abgewinnen wollen, halte ich nur für peinlich. Auch Genies sind Menschen, und Menschen machen gelegentlich Fehler. Niemand hält sie generell für Trottel, weil sie auch mal etwas Mangelhaftes abliefern.

Unsensible Bildkritik – schlechte Arbeitsbedingungen

Ein anderes Argument, das fehlerhafte Montagen zu verteidigen versucht, lautet so: Kann ja sein, dass das nicht optimal ist. Aber du kritisierst das in aller Ruhe vom Schreibtisch aus, während die armen Grafiker/innen ihre Bilder unter Zeitdruck und miserablen Arbeitsbedingungen produzieren müssen. Oft haben sie nicht einmal anständiges Ausgangsmaterial, sondern müssen mit Elementen aus Fotos arbeiten, die der Auftraggeber zur Verfügung stellt und die einfach nicht zusammenpassen.

Mag ja alles der Fall sein. Ich würde zwar dem Kunden klar sagen, dass es nicht passt und dass er, wenn er darauf besteht, kein gutes Ergebnis bekommen kann – aber das ist wohl in der Praxis nicht immer möglich. Wichtiger ist aber, dass diese Ausrede oft nicht stimmt. Man könnte oft mit genau demselben Ausgangsmaterial ohne Mehrarbeit auch richtige Ergebnisse erzielen. Und dann liegt es nur an Schlamperei und Unwissenheit (und man darf sich dann nicht beschweren, wenn man kritisiert wird).

Wenn ich mit einem Leistenbruch in den Operationssaal gerollt werde und im Krankenhausbett mit einem amputierten Bein aus der Narkose erwache, entschuldige ich den Chirurgen auch nicht damit, er habe anschließend eilig zu einem Kindergeburtstag fahren müssen und zudem die richtige Brille im Auto liegen lassen.

So viel als kurze Grundlagen-Einführung für alle, die meine Bildkritik aus DOCMA bisher nicht kennen.

Jetzt aber konkret: Kenwood-Bildkritik

Was stimmt nun nicht mit der Montage von der Facebook-Seite von Kenwood? In gewisser Weise handelt es sich hier zwar um einen Perspektivefehler, aber eigentlich ist es ein Plausibilitätsfehler. Was ist das? Ich könnte zum Beispiel einen Tyrannosaurus Rex in eine Fußgängerzone montieren. Wenn ich das Plastikmodell aus dem richtigen Betrachtungswinkel und mit einer Beleuchtungssituation, wie sie in der Fußgängerzone anzutreffen war, fotografiere und ebenso richtig in diese Szene einmontiere, samt Schattenwurf und allem drum und dran, dann mag dabei eine unter (fast) allem Kriterien glaubwürdige Montage entstehen. Wenn aber die aufgenommenen Menschen nicht erschreckt hochschauen oder panisch fliehen, sondern – wie fotografiert – unbeeindruckt an den Schaufenstern vorbeischlendern, dann stimmt hier etwas nicht mit der Plausibilität. Genau dieses Problem haben wir beim Kenwood-Beispiel: Es ist einfach nicht möglich, die beiden gezeigten Perspektiven gleichzeitig einzunehmen. Die Unterseite der Frontscheibe kann bei einem Auto nicht Zentimeter über dem Asphalt enden, weil sich sonst der komplette Bereich bis zu Rädern und Scheinwerfern in Luft aufgelöst haben müsste. Eine solche Situation kann es nicht geben, die Montage ist Murks. Und es gibt auch keinen Grund, warum der Fehler Absicht sein könnte.

Hier kommt ergänzend noch der begleitende Text hinzu: „Herausgekommen ist ein umfassendes Bild – von der Montage, der Aufnahmequalität unserer Wide Quad HD-Kamera bis hin zum praktischen Overwrite und Loop Modus.“ Natürlich ist mit „umfassendem Bild“, „Montage“ und „Aufnahmequalität“ hier etwas ganz anderes gemeint – aber es passt halt so schön.

Bildkritik: (Kn)Autschzone
Da schau’ her! Kenwood hat nun auch selbstfahrende Wohnmobile im Angebot …

Kein Einzelfall

Wer auch immer bei Kenwood für diese Montagen zuständig sein mag – das im wahrsten Sinne des Wortes verunglückte Auto ist kein Einzelfall. An anderer Stelle der Facebook-Seite des Unternehmens findet sich diese Montage, die ebenfalls eine Bildkritik erfordert.

Hier gibt es mehrere Fehler:

Die in den Bereich der Frontscheibe einmontierte Küstenstraße ist – wie der Horizont zeigt – völlig schief. Da die Straße horizontal ist und sich der Wagen gerade nicht in einer extremen Rechtskurve befindet, ist diese Einfügung peinlich schief-gegangen.

Weil das Wageninnere und die Straße scharf abgebildet sind, kann die Unschärfe der Felsen rechts keine Tiefenunschärfe sein. Der Monteur hat sich also etwas dabei gedacht und wollte wohl eine Bewegungsunschärfe darstellen. Das Wohnmobil ist also nicht mitten auf der Straße geparkt – was ja auch nicht nett wäre –, sondern es soll fahren. Und da Kenwood hier nicht für selbstfahrende Automobile wirbt, fragt man sich ängstlich: Wo ist denn bloß der Fahrer?

Hinzu kommt – da muss man dann schon etwas näher hinschauen –, dass die Beleuchtung des Wageninneren und der Landschaft nicht übereinstimmt. Dass zudem die Frontscheibe keinerlei Reflexe zeigt, könnte man als Absicht durchgehen lassen. Aber angesichts der gravierenden Montagefehler ist es wahrscheinlicher, dass auch daran niemand gedacht hat.

DOCMAs Bad Pixel Award

Parallel zum DOCMA Award – dem ältesten und wichtigsten Wettbewerb für digitale Bilder im deutschsprachigen Raum – gibt es seit Jahren den Bad Pixel Award, bei dem dieselbe Jury, die die besten Arbeiten bewertet, auch die schlechteste Montage aus den Medien kürt. Die unfreiwilligen „Sieger“ dabei sind jene Firmen oder Medien, die die entsprechende Montage zu verantworten haben, samt Grafiker/innen und beteiligten Agenturen. Bislang hat übrigens noch keiner dieser „Gewinner“ trotz höflicher Einladung den Preis anlässlich der Vernissage im Frankfurter Museum für Kommunikation entgegengenommen. Autoverleiher Sixt etwa steht zwar hinter humorvollen Anzeigen (auf Kosten anderer) – für eine Anwesenheit bei der Pokalübergabe aber hat der Humor dann doch nicht ausgereicht.

Freudestrahlende Gewinner/innen gibt es beim Bad Pixel Award dennoch: Die Einsender/innen dieser fehlerhaften Beispiele nämlich. Wer die Montage an DOCMA schickt, die dann von der Jury als „Sieger“ bestimmt wird, erhält einen ansehnlichen Sachpreis. Es lohnt sich also, die Augen offenzuhalten und Beispiele an DOCMA zu senden. Bitte immer mit genauer Herkunftsangabe und Datum; bei Beispielen aus dem Web mit Link und einem Screenshot, wenn es um gedruckte Bilder geht, mit einem Scan oder Foto. Dann bitte an mailen.

Fazit: Bildkritik ist kein Selbstzweck und keine Lust an der Meckerei, sondern sie dient dazu, dass Sie selbst für solche Montagefallen sensibel werden und Fehler bei eigenen Werken vermeiden. Nichts ist so schlecht, dass es nicht wenigstens noch als abschreckendes Beispiel dienen könnte.

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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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2 Kommentare

  1. Irritierend sind bei dem Dashcam Bild auch die zwei Schärfeebenen auf den Scherben und dem Cockpit. Eigentl fehlt nur, dass die Dashcam auch noch das Cockpit zeigt, dann wäre es perfekt unperfekt.

  2. “Original und Fälschung” hieß mal eine Rubrik in der HÖR ZU, frei nach dem Motto:
    “Wie viele Fehler sind in diesem Bild versteckt?” Die Beispiele (oben) sind wieder mal
    extraklasse und sicher schwer zu toppen!

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