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Wichtig beim Kauf: Erhaltungszustand alter Objektive

Altglas-Report

Der Erhaltungszustand gilt als wichtigstes Kriterium beim Kauf alter Objektive. Sie haben Problemzonen, die man kennen sollte. Einen ersten Eindruck verschafft der äußere Zustand: Sind sichtbare Gebrauchsspuren vorhanden? Und wenn ja, wie stark? Was gibt es noch zu beachten?

Erhaltungszustand alter Objektive

Kleine Lackkratzer am Gehäuse sind undramatisch, tiefe Abschürfungen oder Dellen deuten auf einen Sturz oder Schlimmeres. Etwas Staub im Inneren ist nahezu unvermeidbar, auch leichte Putzspuren auf den Linsen können tolerabel sein. Dennoch sollten Linsen klar und ohne erkennbaren Glaspilzbefall sein.

Glaspilz. Erhaltungszustand alter Objektive
Die feinen Verästelungen deuten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Befall durch Glaspilz hin.

Glaspilz

Über die Gefahr von Glaspilz und mögliche Methoden der Behandlung gehen die Meinungen weit auseinander. Einerseits ist getrennte Aufbewahrung befallener Objektive sicher eine gute Idee. Andererseits verweigert Zeiss grundsätzlich die Annahme von Reparaturen, wenn Pilzbefall erkennbar ist. Wer auf der sicheren Seite sein will, schaut sich nach einem anderen Objektiv um.

Backofen. Erhaltungszustand alter Objektive
Den Glaspilz bei 100 Grad im Backofen abtöten ist eine in manchen Foren empfohlene Methode. Dieses vermeintlich hitzefeste Pentacon-AV aus einem Diaprojektor war nach fünf Minuten wahrscheinlich frei von Glaspilz – aber ansonsten nicht mehr zu gebrauchen.

Fokussierung und Blendenlamellen

Ein echtes Übel sind schwergängige Fokusringe. Ursache ist meist verharztes Fett. Nur bedingt gelingt es, sie ohne komplettes Zerlegen des Objektivs wieder gangbar zu machen. Öl auf Blendenlamellen geht mit trägen Reaktionen beim Drehen des Blendenringes einher. Bewegt sich die Blende nicht mehr, sind die Lamellen mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Öl verklebt. Wer das Objektiv vor dem Kauf nicht in die Hand nehmen kann, ist auf Bilder und Beschreibungen der Anbieter angewiesen. Kommen auf gezielte Nachfragen keine oder ausweichende Antworten, ist man möglicherweise der falsche Kunde für diesen Verkäufer.

Erhaltungszustand alter Objektive:
Was trotzdem passieren kann

Nachdem ich den voreiligen Verkauf meines ersten Takumar 55/2 bereute – der Bildlook erschien mir zu „modern“ – war schnell passender Ersatz gefunden. Auf den eBay-Fotos sah das Objektiv gut aus und alle Antworten auf die üblichen Fragen zum Erhaltungszustand (Fokus, Blende, Pilz) waren zufriedenstellend. Allerdings hätte mich der Zusatz, dass es sich um ein Erbstück aus dem Nachlass eines Kriegsberichterstatters handelt, hellhörig machen können. Nach dem das Objektiv angekommen und ausgepackt war, knirschte es bei jeder Drehung im Fokusgewinde und unvermittelt fiel plötzlich der Frontring zu Boden. Augenscheinlich war er mit Pattex verklebt und unter den Klebstoffresten hatte eine Drehbank deutliche Spuren beim Entfernen des Gewindes hinterlassen. Die Geschichte rund um diese Reparatur war bestimmt spannend, dennoch hatte ich andere Vorstellungen vom Zustand und war froh, per PayPal gezahlt zu haben, was eine problemlose Rückabwicklung garantierte.

Takumar kaputt. Erhaltungszustand alter Objektive
Dieser Frontring hatte sein Gewinde vermutlich auf einer Drehbank eingebüßt, war anschließend mit Pattex verklebt worden – und fiel Jahre später einfach ab.

Das Olympus 100/2.8 war als technisch einwandfrei, sauber und ohne Kratzer beschrieben. Auch die eingestellten Bilder ließen keine Makel erkennen. Geliefert wurde ein mechanisch einwandfreies Objektiv, die Seriennummer stimmte mit den gezeigten Aufnahmen überein. Doch die schmierigen Ablagerungen auf der Rücklinse erzeugten leichten Ekel und die mit bloßem Auge sichtbaren Putzspuren auf der Frontlinse war ebenso wenig erwähnt worden. Dieses Stück stammte ebenfalls aus einem Nachlass und erforderte eine PayPal-Schlichtung.

Olympus 100-1
Die mit bloßem Auge erkennbaren Putzspuren wurden in der Beschreibung des Objektivs nicht erwähnt und waren auf den eingestellten Fotos nicht erkennbar.
OM100-2
Der Hinterlinse hafteten schmierig-zähe Ablagerungen an.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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5 Kommentare

  1. Hallo Bernd,

    Hast Du das Projektorobjektiv in den Backofen getan? Ist ja schon richtig heftig. Das man das nicht tun sollte stand so sicher nicht in der Bedienungsanleitung, in Amerika hätte da doch glatt jemand auf Schadenersatz geklagt 🙂

    Leichten Pilzbefall habe ich schon mit Isoporpanol und einfachen Spüli bekämpfen können. Hartnäckigen Schmutz (Schmodder der Jahrzehnte) kann ebenfalls mit Spüli und einem Baumwollhandtuch begegnet werden. Man muss aber nachher die Linsen nur richtig herum einbauen, ansonsten gibt es ganz lustige Effekte 🙂

    ich hatte schon einmal ein Objektiv mit fehlender Hinterlinsengruppe und dieses ausprobiert, da es geschenkt war ist ja keine Schaden entstanden, hier einige Beispielbilder: https://deramateurphotograph.de/tag/303/

    Da ich eigentlich fast immer im Niedrigpreissektor fische, kann ich ein paar Nieten gut verkraften, wenn ein Objektiv aber einige 100 EUR kostet, wäre das natürlich schon ärgerlich.

    LG Bernhard

  2. Lieber Bernd,

    ist mir schon klar 🙂

    Bloß wenn diese verklebt sind, wie kam da der Pilz rein? Wenn dieser nur auf den zwei Außenseiten des Objektivs sind, könnte man diese konventionel bearbeiten.

    LG Bernhard

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