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Bildkritik: Fehlstart

Bewegungsdarstellung bei Montagen

Diesmal stolperte Doc Baumann vor einem Rewe-Markt über eine daneben gegangene Bildmontage: Für Treuepunkte bietet die Kette Playmobil-Figuren an. Die quadratmetergroße Szene erinnert allerdings irgendwie eher an die DDR-Nationalhymne: Auferstanden aus Ruinen …  Der Playmobil-Polizist scheint geradewegs aus dem Asphalt herauskatapultiert zu werden. Fehlstart?

Bildkritik: Fehlstart
Bildkritik: Fehlstart

Speedlines, auf Deutsch Bewegungslinien genannt, dienen als visuelles Mittel, um Bewegung wiederzugeben. In der Kunstgeschichte tauchen sie – meines Wissens – erst relativ spät auf, allerdings schon viele Jahre vor der Erfindung der heute vertrauten Comic Strips, wo sie ein vertrautes Gestaltungselement sind: So habe ich zum Beispiel welche in einer Bildgeschichte von Doré über Herkules aus dem Jahr 1847 entdeckt.

Diese Speedlines erscheinen uns heute als so selbstverständlich, dass man schon ausdrücklich darauf hinweisen muss, dass sie nichts mit unserer direkten visuellen Wahrnehmung zu tun haben, sondern ein grafisches Symbol sind. Allerdings hat die Entwicklung der Fotografie mit zu dieser Selbstverständlichkeit beigetragen, denn bewegte Objekte werden während der offenen Blende der Belichtungszeit tatsächlich in der Bewegungsrichtung verwischt wiedergegeben, ziehen allerdings keinen Schweif hinter sich her.

Um diesen Effekt sinnvoll einzusetzen, sollten diese Linien oder Verwischungen allerdings mit der aus dem Bild ablesbaren Bewegung des Gegenstands übereinstimmen, der sie hinter sich lässt. Das ist in unserem Playmobil-Fall jedoch ganz anders: Da laufen sie gleich hinter dem Fahrzeug auf der Oberfläche der Straße zusammen. Selbst wenn man gutwillig zur Kenntnis nimmt, dass die Vorderräder des Polizei-Quads – wegen angenommener Beschleunigung – ein Stück über dem Asphalt schweben, ergibt die Ausrichtung dieser Speedlines keinen Sinn. Hinzu kommt, dass das Fahrzeug nicht nur aus dem Boden schießt, sondern auch noch einen beherzten Hüpfer nach rechts unternehmen müsste …, wobei wir den zusätzlichen Aspekt der sich nicht drehenden Räder gnädig ignorieren.

Wenn wir eine Kategorie brauchen, um diesen Fehlstart aus dem Asphalt zuzuordnen, dann handelt es sich hier in gewisser Weise um ein Problem der Perspektive, auf jeden Fall aber um eines der Plausibilität.

So stellen Sie Bewegung richtig dar

Für Nutzer von Photoshop CC liegt es nahe, für eine Bewegungsverwischung zum Beispiel die »Pfad-Weichzeichnung« aus der »Weichzeichnergalerie« einzusetzen. Ich möchte Ihnen hier aber ein anderes Verfahren zeigen, das meiner Meinung nach zu besseren Ergebnissen führt.

1. Im ersten Schritt habe ich auf einer neuen Ebene den Bereich retuschiert, in dem die falschen Speedlines dargestellt wurden. (Dieser Schritt ist sonst nicht nötig, weil Sie ja mit eigenem Material arbeiten.)

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2. Stellen Sie das bewegte Objekt frei und duplizieren Sie es auf eine neue Ebene; oft reicht es auch, das nur mit dem hinteren Bereich zu machen. Gehen Sie zu »Transformieren« und ziehen Sie die Auswahl in die Breite.

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3. Am einfachsten wäre es, wenn die „hintere“ Begrenzung eines Objekts gerade und senkrecht verläuft. Leider ist das meist nicht der Fall. Durch gezieltes Auswählen und horizontales Stauchen von Teilbereichen können Sie aber dafür sorgen, dass eine halbwegs vertikale Kante – in diesem Fall nach rechts – entsteht.

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4. Transformieren Sie die Pixel dieser Ebene erneut in die Breite.

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5. Wenden Sie den Weichzeichnerfilter »Bewegungsunschärfe“ mit einem Winkel von null Grad und einem hohen »Abstand« an.

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6. Transformieren Sie die Speedlines so, dass sie zur Perspektive der Szene passen.

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7. Erzeugen Sie eine Ebenenmaske und blenden Sie mit schwarzem Pinsel weich die Bereiche aus, die (links) zu weit den Körper überlappen, rechts per »Verlaufswerkzeug« solche, die mit zunehmender Entfernung verschwinden (Ansicht der Ebenenmaske unten links). Außerdem blenden Sie dunkle Bereiche der Speedlines sowie sehr helle des Hintergrunds über »Ebenenstil > Ausblenden/mischen wenn« weich aus (Einblendung links oben). Auch die Deckkraft der Ebene können Sie reduzieren.

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8. Und so sieht die fertige Bewegungs-Montage aus.

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9. Muss man das denn so genau nehmen? Vielleicht war das ja nur ein einmaliger Ausrutscher. Nein, war’s nicht! Ein Blick auf die Webseite der Rewe-Treuepunkte-Aktion zeigt andere Beispiele, die von derselben Unkenntnis der Grundlagen von Bildmontagen zeugen.

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Etwa diese Piratenszene mit Floß. Statt, wie es sich gehören würde, auf dem Horizont, laufen seine Fluchtlinien weit oben am Himmel zusammen, das Floß wäre also stark in Richtung des Betrachters gekippt. Passende Ausrede: Da kam aber gerade eine große Welle. Von der ist allerdings nichts zu sehen. Dass eine Spiegelung auf der Wasseroberfläche fehlt, kann man bei dieser eher schematischen Darstellung durchgehen lassen – dass das Floß aber gleichzeitig einen weichen Schlagschatten aufs Wasser wirft, dann doch nicht mehr.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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