Das Glück des Widerstands — oder: Warum wir aufgehört haben, Dinge schwer zu finden, und was uns das kostet

Vielleicht liegt das wahre Glück des Widerstands darin, sich nicht durch ständige Optimierung ablenken zu lassen. Die Jagd nach Reibungslosigkeit und Selbstoptimierung beraubt uns in vielen Dingen: beim Kochen, in Freundschaften und in der kreativen Bildgestaltung um das, was wirklich zählt: die Bedeutung, die aus Mühe, Fehlern und echtem Engagement entsteht.
Als die Zwiebel zur Frage wurde
Es gibt Momente, in denen eine Zwiebel auf dem Schneidebrett mehr über unser Verhältnis zu Effizienz und Kreativität verrät als jede App. Neulich stand ich genau so da: Die Zwiebel lag vor mir, und ich wusste nicht recht, was ich daraus machen sollte. Nicht, weil mir das Wissen fehlte, sondern weil ich es verlernt hatte, ohne digitale Anleitung zu beginnen. Wochenlang hatte ich das Kochentscheidungen an eine App delegiert, die mir nach Vorlieben, Kalorien und Vorräten minutiöse Rezepte ausspuckte. Fehler ausgeschlossen, alles reibungslos. Doch blieb am Ende ein Gefühl von Leere.
An diesem Abend kochte ich trotzdem. Ohne Rezept, mit einem Rest Rotwein, der eigentlich weggehört hätte, und einer Knoblauchzehe zu viel. Das Ergebnis war kein kulinarisches Meisterwerk, aber ich erinnere mich noch heute an das Zögern, das Probieren, den kleinen Stolz am Ende. Die App hat mir dieses Gefühl nie gegeben. Sie liefert Resultate, aber keine Erfahrung.
Genau hier beginnt die eigentliche Frage: Was verlieren wir, wenn wir jede Anstrengung aus unserem Alltag verbannen?
Die Kosten der Reibungslosigkeit
„Friction Maxxing“ nennt sich ein Trend, der in den Feuilletons der englischsprachigen Welt kursiert: die bewusste Entscheidung, Dinge absichtlich umständlich zu tun. Selbst kochen statt liefern lassen, Freunde anrufen statt Sprachnachrichten schicken, ein Buch lesen statt ein Video schauen. Was wie ein ironischer Selbstoptimierungshack klingt, ist in Wahrheit eine Reaktion auf eine Zeit, in der jede Unannehmlichkeit als Fehler im System gilt.
Tim Wu hat dieses Phänomen in der New York Times als „Tyrannei der Bequemlichkeit“ beschrieben: Bequemlichkeit ist nicht neutral, sondern verändert unsere Wünsche, schleift unsere Fähigkeiten ab und macht uns letztlich abhängig von Systemen, die uns jede Reibung abnehmen. Tech-Konzerne haben uns darauf konditioniert, Langeweile, soziale Unsicherheit und anstrengendes Denken als Störungen zu empfinden, die es zu eliminieren gilt.
Der Guardian-Essay über Friction Maxxing brachte es kürzlich auf den Punkt: Wer jede Anstrengung beseitigt, wird nicht freier, sondern fragiler — etwas Wesentliches geht dabei verloren. Exzessive Bequemlichkeit infantilisiert uns. Goethe wusste schon: „Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.“ Was einst als ästhetisches Prinzip galt, ist heute psychologisch belegt.
Was beim Kochen entsteht — und was beim Fotografieren
Kochen ist ein Paradebeispiel dafür, wie eng Mühe und Bedeutung verknüpft sind. Wer kocht, erwirbt Erfahrungswissen, das sich nicht in Rezepte pressen lässt: das Gefühl für Garpunkte, das Einschätzen von Hitze, das Wissen, wann eine Soße fertig ist. Dieses Können entsteht durch Scheitern, Wiederholung und Aufmerksamkeit. Eine App liefert Rezepte, aber kein Handwerk.
Wer sich mit Fotografie beschäftigt, erkennt das sofort wieder. Das Einmessen eines analogen Belichtungsmessers, die Entscheidung über Blende und Verschlusszeit, das geduldige Warten auf das richtige Licht: das sind keine Hindernisse, sondern das ist der eigentliche Weg zum Bild. Die Mühe in der Dunkelkammer, das rote Licht, der Geruch der Chemikalien, das langsame Auftauchen des Motivs im Entwicklerbad: Das alles ist in bestimmter Hinsicht keine Last, sondern Erfahrung, die dem Bild Bedeutung verleiht. Das Bild ist dann nicht nur Ergebnis, sondern auch Beweis.
Auch das Erlernen von Photoshop, besonders in den 1990er oder frühen 2000er Jahren, war ein Prozess voller Reibung. Stunden mit Ebenenmasken, Nächte mit dem Stempelwerkzeug, Fehler, die man immer wieder machte. Doch genau diese Mühe schrieb sich ins Können ein. Wer so arbeitet, versteht das Bild anders als jemand, dem das Werkzeug nach einem Klick einfach gehorcht.
Der Prompt und die Stunde im Dunkeln
Heute genügt oft ein Satz von zwanzig Wörtern, um mit Midjourney, Nano Banana oder Firefly ein Bild zu erzeugen, das früher Tage professioneller Arbeit gekostet hätte. Die Reibung ist verschwunden, der Aufwand tendiert gegen null.
Doch die entscheidende Frage ist keine technische: Liefert ein Prompt, der in zehn Sekunden getippt wird, dieselbe Befriedigung wie ein Bild, das über Stunden erarbeitet wurde?
Die Forschung zum „Effort Paradox“ zeigt: Menschen behaupten zwar, Bequemlichkeit zu bevorzugen, bewerten aber Lebensläufe mit Anstrengung als bedeutsamer und wünschenswerter. Wenn KI den produktiven Kampf durch fertige Lösungen ersetzt, werden Lernprozesse und Wissenserwerb systematisch kurzgeschlossen.
Die Psychologie ist da verblüffend eindeutig: Menschen erleben Freude und Stolz besonders dann, wenn sie etwas durch eigene Anstrengung erreicht haben. Michael Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely beschrieben diesen Effekt 2012 im Journal of Consumer Psychology als „IKEA-Effekt“: Der selbst zusammengebaute Schrank ist subjektiv wertvoller als der identische, fertig gelieferte — unabhängig von der objektiven Qualität. Das gilt für Bilder, Texte, Gerichte. Und, wie sich zeigt, auch für Freundschaften.
Die Freundschaft, die aufwendig sein muss
Auch soziale Beziehungen haben wir optimiert: Nachrichten statt Gespräche, Reaktionen statt Anteilnahme, das Scrollen durch Feeds statt bewusster Gedanken an andere. Freundschaft ist, nüchtern betrachtet, eine Beziehungsform mit erheblichem Aufwand und schwer messbarem Ertrag. Sie verlangt Zeit, Anwesenheit, die Bereitschaft zur Unbequemlichkeit: zuhören, sich erinnern, auftauchen.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seinem Konzept der Resonanz, dass bedeutsame Verbindung nur dort entsteht, wo das Gegenüber sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Er nennt das Unverfügbarkeit: Echte Resonanz setzt voraus, dass das Andere sich entziehen kann. Eine Freundschaft, die nur über Messenger läuft, ist nicht einfach eine schlechtere Version, sondern etwas anderes. Sie mag angenehm sein, aber sie trägt nicht dasselbe Gewicht.
Das gilt auch für kreative Gemeinschaften. Fotoklubs, Dunkelkammerkurse, Workshops, in denen man gemeinsam an Bildern arbeitet und diskutiert, all das hat Reibung eingebaut: Anreise, Wartezeit, Kritik, die man nicht bestellt hat. Genau deshalb entsteht dort etwas, das eine Chatgruppe nicht hervorbringt: echte Gemeinschaft, echtes Lernen, echte Auseinandersetzung.
Was wir gewinnen, wenn wir die Effizienz verweigern
Es geht nicht darum, Technik zu verdammen. Die Dunkelkammer war auch eine Einschränkung, nicht nur eine Schule. Digitale Bildbearbeitung hat Möglichkeiten eröffnet, die zuvor undenkbar waren. KI-Bildgeneratoren sind faszinierende Werkzeuge — und die besten unter denen, die mit ihnen arbeiten, tun das nicht anstelle handwerklichen Könnens, sondern auf dessen Grundlage. Wer versteht, warum ein Bild wirkt, kann auch Prompts schreiben, die mehr sind als Zufallstreffer.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen zwei Haltungen: Reibung zu verringern, weil man begriffen hat, was sie lehrt oder ihr nie begegnet zu sein und deshalb nicht zu merken, was fehlt. Der erste Fall ist Effizienz. Der zweite ist Verarmung.
Die Zwiebel auf meinem Schneidebrett hatte keine Antwort auf diese Fragen. Aber sie hat sie mir gestellt. Und das ist schon mehr, als die App je getan hätte.
Und wann übernehmen Sie die Kontrolle über Ihre kreative KI-Kompetenz? Christoph Künne befähigt Kreative, sich nicht von algorithmischen Feeds steuern zu lassen, sondern KI eigenständig, strategisch und mit professionellem Anspruch einzusetzen.

