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Vorankündigungen

Vorankündigungen

Ist den Vorankündigungen von P.MURT tatsächlich zu trauen? | Montage: Doc Baumann

Stellen Sie sich vor, eine Software-Firma, die bisher vor allem mit Krawall-Computerspielen bekannt geworden ist, würde ein neues, supertolles Bildbearbeitungsprogramm auf den Markt bringen. In ihren Vorankündigungen für die Präsentation von Version 1.0 wies sie vor allem auf die zahllosen Funktionen hin, die viel besser und effektiver sein werden als die in Photoshop. Wer sich schon vorab dafür entschieden hat, bekommt das Programm zum halben Preis … Doc Baumann berichtet.

Dieses Angebot von P.MURT.Enterprises ist wirklich unschlagbar! Alles wird besser, einfacher und effektiver werden als in Photoshop. Genaueres erfuhr man zunächst noch nicht, aber dass alles besser wird, ist garantiert. Das lässt sich schon daran ablesen, dass das Entwicklerteam nicht aus den verkrusteten, alten Strukturen der Bildbearbeitungsschmieden stammt und ganz neue Ansätze verfolgen wird.

Der Firmenchef nimmt in seinen Vorankündigungen kein Blatt vor den Mund. Was bisherige Imaging-Software leistete, war im Prinzip ein Betrug am Anwender – streng genommen gehörten die Entwickler hinter Gitter. Zu den wichtigen Neuerungen gehört unter anderem, dass das Programm eine integrierte Firewall besitzen wird, und was noch erfreulicher ist: Nicht die Nutzer, sondern die Hacker werden deren Implementierung bezahlen.

Photoshop, so erfahren wir, leidet vor allem unter den zahllosen Plug-ins, die in die Progammstruktur eindringen und sie so ineffizient machen. Die Programmierung neuer Plug-ins soll daher künftig mit allen Mitteln verhindert werden, bereits vorhandene werden bis auf wenige Ausnahmen automatisch von Ihrer Festplatte gelöscht, sobald Sie die neue Software installieren.


Reaktion auf die Vorankündigungen


Zunächst hatte kaum jemand daran geglaubt, dass wirklich eine nennenswerte Anzahl von Nutzern den Subskriptionspreis überweisen würde, ohne eine einzige Funktion der neuen Software tatsächlich zu kennen. Der Chef von P.MURT.Enterprises und seine Marketinghelfer beschränkten sich in ihren Verlautbarungen darauf zu versichern, alles würde anders als bei Photoshop und auf jeden Fall viel besser. (Genauere Angaben wollte die Firma nicht machen, aber eine dieser Verbesserungen soll zum Beispiel darin bestehen, dass es einen Gratis-Support für die eigene Software nicht mehr geben wird.)

Pressekonferenzen fanden erstaunlich wenige statt – und wenn doch, beschimpfte der Firmenchef vor allem seine Konkurrenten heftig und verbat es sich ausdrücklich, dass Kritik an Photoshop-Funktionen oder Vorankündigungen der versprochenen Programmleistungen auf ihre Richtigkeit hin überprüft wurden. Am schlimmsten seien die Typen aus den Werbeagenturen. Vertreter der Fachpresse erhielten auf ihre Fragen keine Antworten, sondern wurden beleidigt. Die Bewegungen eines körperbehinderten Journalisten, der ihm in die Quere gekommen war, äffte er auf der Bühne nach.

Da konnte es den Siegeszug auch nicht merklich bremsen, als herauskam, dass viele Computerspiele von P.MURT virenverseucht waren und mehrfach vom Markt zurückgezogen werden mussten.

Nach alledem war es kein Wunder, dass die Begeisterung der Nutzer für die neue Software stetig anstieg, je näher der Erstverkaufstag rückte. Und nachdem die magische Schwelle endlich überschritten war und sich mehr Anwender für die neue Software entschieden hatten, als Photoshop Kunden aufweist, verkündete die Firma nach und nach Einzelheiten über das Entwickler-Team.


Entwicklerteam ohne störende Kompetenzen


Seine besondere Kompetenz wird darin liegen, dass sich kaum einer aus der Gruppe bisher mit langweiligen Sachen wie Informatik oder Programmieren herumgeschlagen hat. Chefstratege der Gruppe soll ein Mann werden, der rassistische, sexistische und gewaltverherrlichende Games verhökert hat.

Da in den Vorankündigungen besonderer Wert darauf gelegt wurde, gerade die Interessen von Anwendern mit kleinem Geldbeutel zu berücksichtigen, ist es nur folgerichtig, dass das Team zusammengenommen ein Vermögen besitzt, das etwa dem eines Drittels aller Bildbearbeiter entspricht; das ist die optimale Basis, die wirtschaftliche Lage der Kunden aus eigener Erfahrung persönlich nachempfinden zu können.

Ein ganz klein wenig Erstaunen löste bei den Nutzern, die die Software vorab bezahlt hatten, die Mitteilung aus, viele Mitglieder des Entwicklungsteams stammten aus eben jenen Werbeagenturen, die der Firmenchef vorher für den Niedergang des Bildbearbeitungsmarktes verantwortlich gemacht hatte; die meisten von der größten Agentur des Landes, die Jahre vorher durch Veruntreuung von Kundengeldern in Milliardenhöhe aufgefallen war.

Für Programmstrukturen wird ein Mitarbeiter zuständig sein, der bisher vor allem dadurch bekannt wurde, dass er Programmstukturen grundsätzlich abartig findet – es gäbe bislang keinerlei Beweise dafür, dass sie nötig seien. Die weitere Preisgestaltung wird in den Händen eines Managers liegen, der sich stets dafür eingesetzt hat, auch noch den letzten Cent aus den Anwendern herauszuholen. Und so weiter und so fort. Wer wollte da nicht als Anwender mit dabei sein?!

Am 20. Januar 2017 wird die Software von P.MURT nun endgültig vorgestellt werden. Nach all diesen Vorankündigungen sowie den Konkretisierungen über die Zusammensetzung des Entwicklerteams dürfen die Käufer nach ihren vorab geleisteten Zahlungen jetzt zu Recht hoffen, dass das neue Programm ihre Hoffnungen und Bedürfnisse erfüllen wird. Wir wollen es ihnen aus tiefstem Herzen gönnen.

(Falls Sie das Ganze absurd finden sollten, gehen Sie es mal rückwärts an.)

 

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