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Überfordert

Überfordert
Überfordert vom Handbuch-Umfang seiner neuen Kamera / Foto und Montage: Doc Baumann

Doc Baumann hat sich eine neue Kompaktkamera gekauft. Sie hat ein ziemlich beeindruckendes Zoom-Objektiv, tolle 4K-Funktionen – und kann überhaupt eine ganze Menge. Um allerdings zu erfahren, wie man all diese Funktionen nutzt, muss man zunächst ein Handbuch von mehr als 400 Seiten durcharbeiten. Doc Baumann fühlt sich überfordert.

Die kleine Kamera habe ich immer dabei, sie steckt in der ausgebeulten Oberschenkeltasche meiner Cargo-Hose, damit ich sie immer griffbereit habe. Das war schon beim Vorgängermodell so. Geblieben sind damit auch die Beschwerden meiner Frau, ob ich nicht mal eine andere Art von Hosen anziehen könnte. Kann ich nicht; ich muss schließlich Kamera und Ersatzakku irgendwo unterbringen.

Das kleine Ding soll nicht dazu beitragen, großartige Kunstwerke aufzunehmen. Ich verstehe es eher als eine Art visuelles Notizbuch – was nicht ausschließt, dass nach dem Druck auf den Auslöser gelegentlich ein ästhetisch befriedigendes Ergebnis herauskommt. Und weil ich das, was ich sehe, schnell und mühelos dokumentieren will, habe ich weder Lust noch Zeit, umständlich irgendwelche für die aktuelle Situation optimalen Einstellungen vorzunehmen. Ich muss also gestehen, da ich mich ansonsten überfordert fühlen würde, stelle ich das Rädchen in der Regel auf „Automatik“ und hoffe das Beste.

In der Regel klappt das auch. Allerdings hat die Kamera zum Beispiel die unangenehme Eigenschaft, bei einem Vordergrundobjekt und viel Hintergrund penetrant auf den Hintergrund scharfzustellen. Da das auf Dauer unbefriedigend ist, lässt sich ein Blick ins Handbuch nicht vermeiden. Und da fängt der Ärger an.

Selbstverständlich ist das Handbuch wie jede Gebrauchsanweisung über weite Strecken unverständlich, da es von Menschen gemacht wurde, die mit dem Produkt bestens vertraut sind. Zum Beispiel werden Symbole gezeigt, auf die man drücken soll, die nirgendwo zuvor beschrieben wurden. Manche Anzeigen sehen auf dem Kamera-Display ganz anders aus als das, was das Handbuch zeigt – da wurde wahrscheinlich einfach eine ältere Version per Copy & Paste recycelt. Man kann als Leser dann nur raten, was aufgrund von Begriffsähnlichkeiten wohl gemeint sein könnte. Bereits das überfordert mich gelegentlich.

Doch wenn man erst einmal die Stelle gefunden hat, an der es um das aktuelle Problem geht, wird es erst richtig kompliziert. Gewisse Funktionen sind nur bei gewissen Voreinstellungen aktiv, ansonsten werden sie gar nicht erst angezeigt. Einiges wird über das Menü definiert, anderes über den Touchscreen. Dessen Abbildung im Manual natürlich wieder anders aussieht als an der Kamera. Auch davon fühle ich mich überfordert.

Nun könnte ich mich ja damit begnügen, bescheiden die paar Funktionen zu nutzen, die ich in der Regel benötige, das Einstellrädchen auf „Automatik“ festzukleben und auf den Rest zu verzichten. Schließlich habe ich die Kamera wegen ihres eindrucksvollen Zooms, der hohen Auflösung und der guten Testergebnisse erworben. Dass sie nun zum Beispiel auch noch tolle 4K-Funkionen anbietet, ist verführerisch – zum Beispiel die Möglichkeit, einige Zeit vor und nach dem eigentlichen Auslösen aufzunehmen und so bei schnell bewegten Objekten die beste Aufnahme auszusuchen. Doch die entsprechende Beschreibung will erst einmal gefunden werden.

Damit Sie mich recht verstehen: Mir ist völlig klar, dass man für komplexe Hard- und Software eine angemessene Einarbeitungszeit braucht, damit sie so benutzt werden können, dass ihre vielfältigen Funktionen auch zum Tragen kommen. Wirklich „selbsterklärend“ sind nur wenige. Nehmen wir das Beispiel Photoshop. DOCMA wäre fast überflüssig, wenn alle Möglichkeiten des Programms offensichtlich wären – und die Anwender auch noch wüssten, wie sie die optimal einsetzen, um ihre jeweiligen Projekte zu realisieren. Zumindest diesen zweiten Teil kann ein Handbuch nicht leisten, mit diesem Anspruch wäre es dann selbst überfordert.

Ich habe also die Wahl: Entweder beschränke ich mich darauf, bescheiden im Automatik-Modus zu fotografieren und das über 400-seitige Handbuch nur gelegentlich zu konsultieren, wenn es unumgänglich ist und ich nicht weiterkomme – oder ich komme nicht darum herum, es von vorn bis hinten zu studieren. Und mir das alles auch noch zu merken (was mich natürlich ebenfalls überfordert). Ich will ja schließlich keinen Bachelor-Abschluss machen, der mir die Qualifikation zertifiziert, perfekt mit meiner Kamera umgehen zu können und alle ihre Funktionen kenntnisreich zu nutzen. Ich will eigentlich nur ein paar gut belichtete Fotos aufnehmen.

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Hans D. Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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4 Kommentare

  1. Mir diesen 100 000 tollen Funktionen, kann man aber den geneigten Interessenten zum Kauf einer neuen Kamera verführen. Es wäre wenig verkaufsfördernd, wenn der Konsument begreifen würde, dass eine gescheite Aufnahme nur von Sensorempfindlichkeit, Belichtungszeit, Blende und Scharfeinstellung abhängt.

  2. Auf 400 Seiten sind jedoch auch jede Menge Grafiken, wie ca. 10 Seiten Einleitung zu Umgang und Sorgfalt etc., also so schlimm ist es schon nicht ;-). Einfach die passende Automatik, Verwacklungsschutz und die passenden Aufnahmeformate einstellen und los geht’s. Nach zwei Jahren merkt man das 80% nicht benötigt wurden/werden. Ist es bei den überausgestatteten Autos anders? Ok da macht’s mehr her und die Hormone werden beruhigt. Wir haben schon lange von Allen viel zu viel.

  3. Das ist ein sehr populistischer und auch niveauloser Artikel, den ich so von Doc Baumann nicht erwartet hätte.
    Ein erfahrener Fachmann sollte froh sein, dass eine Kamera mit einem umfangreichen und (hoffentlich) kompletten Handbuch ausgeliefert wird, denn meist erhält man heutzutage ohnehin nur ein nichtssagende Kurzfassung und kann oft nicht mal im Internet mehr erfahren. Besonders sticht da ja Sony mit seinem Spitzenmodellen A7 und A9 hervor. Dass es für Software keine Referenzhandbücher gibt, wird als selbstverständlich angesehen, dafür gibt es schmuddelige YT-Videos, möglichst kurz, denn die Aufmerksamkeitszeit scheint heute kaum mehr als ein paar Minuten zu sein.
    Für alle Knipser gibt es ohnehin ein oder gar zwei Automatikmodi, und wer fotografieren will, hat dann eben die Möglichkeit dazu. Hat man das Gerät durch Unwissenheit verstellt, gibt es dafür das Zurückstellen auf die Werkseinstellung.:))
    Jemand, der in Medien dazu beiträgt, Meinungen zu machen und so auch Bildung vermittelt, sollte so tendenziöse Artikel vermeiden.
    Oder war das ein „Abschiedsgeschenk“ zur Pensionierung?

  4. Bei all meinen Kompaktkameras, die ich bislang kaufte, war kein gedrucktes Handbuch dabei, sondern nur so was wie eine Schnellstart-Anleitung. Das Handbuch konnte man freilich von der Website des Herstellers herunterladen – und dann selbst ausdrucken (was ich bei einem Dienstleister machen ließ, der alles schneidet und heftet). Oder als PDF z.B. auf ’nem Tablet lesen. Will sagen: es gibt schon lange keine (Papier-)Handbücher mehr, der Ausdruck kostet erst mal eigenes Geld.
    Aber prinzipiell habe ich die gleiche Meinung wie Doc Baumann: das Handbuch-Studium nervt oder lässt einen verzweifeln. Abgesehen davon, dass man oft ewig suchen muss, bis der betreffende Punkt im Buch gefunden wurde.
    Die überbordende „Feature-itis“ der Kompaktkameras verführt daher zumeist dazu, dauerhaft Automatikmodi zu verwenden … und damit die Super-duper-Features überhaupt nicht zu verwenden.

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