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Gastkommentar: Stoppt die digitale Vernetzung

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Das Leben könnte so schön sein. Ohne Strom. Also vielleicht schon mit Strom für den Kühlschrank und den Fernseher, aber ohne Strom für PCs, Pads, Pods, Phones und wattnichalles. Lasst mich Euch einmal erzählen, wie die digitale Vernetzung über Facebook und Co. mein Leben verändert hat – und das nicht zum Besseren, das schon einmal vorneweg!

Alles war gut. Ich habe den Computer fürs Schreiben meiner Fachartikel oder Bücher genutzt, ab und an eine Patience gespielt und vielleicht zwei- oder dreimal am Tag noch stressfrei eine kurze Mail geschrieben. Dazwischen viel frische Luft, mit dem Hund raus, mit Freunden in die Kneipe … was ein Leben!

Dann habe ich aber nach und nach bemerkt, dass ich von bestimmten Dingen ausgeschlossen wurde: "Was, wieso warst Du nicht auf der Party gestern, der ist doch ein guter Freund von Dir?" Achso, er hatte über Facebook eingeladen. "Ach, die Unterlagen hast Du nicht? Bist Du nicht in der FB-Gruppe?" usw. usf. Es half nichts, ich musste zu Facebook. Die Aufnahmeaktion hat nur fünf Minuten gedauert, aber das, was danach kam, verkürzt mein Leben gewiss um einige Jahre.
Meine Aufmerksamkeitsspanne beträgt mittlerweile nur noch rund zwei Minuten. Tätigkeiten, die mehr Zeit benötigen, sind mir leider unmöglich geworden.

Warum? Nun, ein typischer Arbeitstag von mir könnte aussehen wie folgt: Ich habe gerade einen Artikel fertiggestellt und möchte nun der Redaktion die letzte Version schicken. Ich schaue hierfür die Kontaktdaten und die letzten Absprachen auf Facebook nach, da sticht mir eine neue Nachricht ins Auge. Event-getriggert, wie ich mittlerweile nur noch funktioniere, kann ich nicht anders, ich muss sie lesen. Die Nachricht triggert mich, doch einmal auf diese Website zu schauen oder jenem Link zufolgen, dieses zu liken oder jenes zu faven und schwupss habe ich die erste geplante Aktion schon wieder komplett vergessen. Dauernd adden mich Leute, von denen ich noch nie im Leben gehört habe, dauernd werde ich gebeten etwas zu faven oder zu liken und non-stop erhalte ich Anstupser oder Nachrichten wie "Na?", "Alles klar bei Dir?", "Was machst Du gerade?" oder – der Klassiker – einfach "?". Und weil ich höflich bin und das alles lese und wahrnehme und alles mache, was von mir erbeten oder verlangt wird, habe ich auf meiner News-Seite auch nur noch News von Leuten, die ich nicht kenne und die ich, wenn ich sie kennen würde, wahrscheinlich nicht mal leiden könnte. 

Das bringt in letzter Zeit meinen Blutdruck gewaltig in die Höhe. Und wenn der Kontakt einmal hergestellt ist, dann gibt es kein Halten. Viele meiner Stalker gehen nun direkt im Anschluss auf XING und WKW um sich dort dann noch stabiler zu vernetzen. Ja, ich habe einen XING-Account. Nein, ich war dort seit mehreren Jahren nicht mehr online, und leider habe ich auch die Zugangsdaten nicht mehr zur Hand. Aber man will ja dem frisch gewonnenen "Freund" gegenüber nicht unhöflich sein, also suche ich die Zugangsdaten und adde und like und faffe auch dort.

Natürlich sind das nicht meine einzigen Kommunikationskanäle. Da gibt es auch noch rund zwölf E-Mail-Adressen, Flick-Mail und Foto-Community-Messages und einiges mehr. Und dann sollte ich natürlich auch auf Comments in meinem Blog antworten. Zum Glück ist die Notwendigkeit des Freischaltens dort schon lange passé, das habe ich abgeschaltet. Da wird nichts mehr moderiert, da könnt Ihr fröhlich allen Spam und all den anderen gedanklichen Sondermüll abladen, das ist mir mittlerweile egal, da habe ich komplett resigniert.

Tja – und früher haben die Menschen ein Buch gekauft und gelesen oder auch nicht gelesen. Wenn es ihnen gefallen oder nicht gefallen hat, dann haben sie ein paar Freunden vielleicht gesagt, das ist gut oder nicht gut. Der Autor hat davon nichts mitbekommen und konnte weiter ruhig schlafen und in Frieden und voller Selbstvertrauen und Zuversicht ein neues Werk beginnen. Dem ist nun nicht mehr so. Wenn Ihr heutzutage wie ich Bücher und Zeitschriftenartikel schreibt, dann zieht das einen endlosen Rattenschwanz nach sich, der viel Zeit kostet, aber leider keinerlei monetären Zuwachs bringt.

So wendet sich gerade ein Leser und somit Kunde mit einer direkten Nachfrage an mich. Da kümmere ich mich stets sofort, keine Frage, obwohl hier und auch in rund 90 % der anderen Fälle eine einfache Eingabe bei Google dem Fragenden sofort Hilfe gebracht hätte. Egal, für meine Kunden tue ich alles. Dann muss ich aber im Anschluss sofort auf zwei Amazon-Bewertungen und eine Blog-Rezension reagieren, denn es gibt leider nicht nur nette und objektive Menschen auf der Welt, sondern auch die sogenannten Trolle. Und ich kann einfach nicht zulassen, dass ein Troll eines meiner Werke unfair schlecht macht – ich muss also reagieren und dort Stellung beziehen. Das ist anstrengend, weil ich als Antwort hier nicht das schreiben kann, was ich über denjenigen und seinen Erguss denke, sondern weil ich nett, sachlich und versöhnlich und vor allem höflich bleiben muss.

Mein Blutdruck steigt weiter. Das Handy piepst auf der Kommode nebenan, weil der Push-Dienst gerade eine Facebook-Aktivität vermeldet. Event-getriggert wie ich bin, schaue ich direkt nach. Aha, eine ehemalige Kollegin hat mich geadded. Leider nicht gerade meine Lieblingskollegin, aber was soll ich machen. Ich bestätige. Fünf Minuten später. "Pling". Ihr Gatte hat mich auch geadded. Ich kenne ihn nicht, weiß nur aus Erzählungen, dass er druckfähig ausgedrückt ‚anders‘ ist als andere Menschen, und das ist jetzt nicht positiv gemeint. Ich bestätige, was soll ich machen, man will ja nicht unhöflich sein. Zwei Minuten später meldet mein Mail-Pushdiest die Kontaktaufnahme des Göttergatten über XING …

Derweil hat ein Verlag einen Artikel von mir zu Werbezwecken an Spiegel-Online weitergegeben. Geld gibt es keines, aber man erhofft sich vielleicht etwas höhere Verkaufszahlen. Ich schaue, wie der Artikel ankommt.

Er kommt nicht gut an. Gar nicht gut. MindPick, millholland, 887ee24thomas, susi72 und black_belt haben schon gehörig Dampf abgelassen. Sie sind der eigenen Wahrnehmung nach in der Materie sehr viel kompetenter als ich, und bestätigen nun wieder einmal zu 100 % John Gabriels Dickwad-Theorie, die da lautet: Ganz normaler User + Anonymität + Zuhörerschaft = Totales Arschloch. Ich zitiere hier einmal einige der Comments. Sie sind leicht verändert, um auch weiterhin die Anonymität der Dickwads zu wahren:

"Das ist doch nur versteckte Werbung", "Die Bildbeispiele sind grausam", "Was hier alles gefaked wird, da bleibt nur noch Beschiss übrig", "Was hat so ein schlechter Artikel auf SPON zu suchen?", "Was soll der Artikel?", "Kommt jetzt auch was zum Auswechseln der Scheibenwischerbeläge?", "Der Fotograf sollte zuerst einmal lernen, seine Kamera richtig zu bedienen!!". Usw. usw. usf.

Mein Blutdruck steigt erneut. Ich antworte im Wortsinne erschöpfend auf alle Kommentare, bleibe höflich und sachlich und lasse keinesfalls durchblicken, was ich von Dickwads halte, die gegen kostenlosen Content wettern, nur weil die Inhalte ein kleines Stückchen zu weit hinter ihrem geistigen Horizont liegen.

Im Anschluss öffne ich mein Mail-Programm, um meinen Redakteur zu bitten, doch SPON bitteschön nicht mehr weiter kostenlos zu bedienen, weil die Menschen (?) dort besagten kostenlosen Content offensichtlich weder verstehen, noch würdigen können, noch verdient haben. Die Nachricht wird ihn nie erreichen, weil 18 neue Mails meine Aufmerksamkeit direkt umlenken und ich diese Nachrichten nicht in der besagten Zwei-Minuten-Spanne abarbeiten kann.

Mein Blutdruck erreicht systolisch 180. Nebenan piepst das Handy.

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