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Depravity’s Rainbow: Eine Geschichte von zwei Raketen

Am Beispiel von Wernher von Braun erzählt der britische Fotograf Lewis Bush die Geschichte der Raumfahrt, die als Projekt der gesamten Menschheit glorifiziert wird, deren Ursprung aber in der Militärtechnik liegt.

Depravity’s Rainbow: Eine Geschichte von zwei Raketen
Das erste Foto aus dem All, aufgenommen aus einer Höhe von 105 Kilometern.

Den Anstoß zu seinem Buchprojekt bekam Lewis Bush, als er das erste Foto aus dem Weltraum sah, aufgenommen am 24. Oktober 1946. Wie war das Foto entstanden, wenn doch Sputnik 1, der erste künstliche Erdsatellit, erst 11 Jahre später eine Umlaufbahn erreicht hatte – und nicht einmal eine Kamera besaß? Die Aufnahme stammte von einer Filmkamera an Bord einer ballistischen V2-Rakete, gestartet vom Testgelände White Sands (New Mexico), die eine Höhe von 105 Kilometern und damit nach einer gängigen Definition den Weltraum erreicht hatte. Die US Army hatte im Krieg erbeutete deutsche Raketen in die USA gebracht und dort erprobt. Dieses Hermes-Projekt war der Ursprung einer Entwicklung, die schließlich zur Mondrakete Saturn V führte, maßgeblich verantwortet von demselben Wernher von Braun, der zwei Jahrzehnte zuvor noch als SS-Mann Raketen in KZs hatte bauen lassen, um damit Städte wie London zu beschießen, und von einer Mehrstufenrakete träumte, die New York zerstören könnte. In Bushs Worten hatte von Braun „Sternenstaub in den Augen und Blut an den Händen“.

Depravity’s Rainbow: Eine Geschichte von zwei Raketen
Links: Wernher von Braun (zweite Reihe von oben) und Adolf Hitler (unten) 1934; rechts: Wernher von Braun mit dem US-Präsidenten John F. Kennedy (aus: Depravity’s Rainbow)

Für sein Buchprojekt reiste Lewis Bush nach Peenemünde, das KZ Mittelbau-Dora und an andere Orte, die mit der V2 verbunden sind, und stellte eigene und historische Aufnahmen zusammen, die in Depravity’s Rainbow (etwa: Der Regenbogen der Niedertracht) im Verfahren der Cyanotypie umgesetzt sind. Der Buchtitel ist natürlich eine Anspielung auf Thomas Pynchons postmodernistischen Roman Gravity’s Rainbow (1973), in deutscher Übersetzung als Die Enden der Parabel erschienen. Auch Pynchon thematisiert darin die V2 und erzählt, mit vielen grotesken Abschweifungen, die Suche eines Leutnant Tyrone Slothrop nach dem mysteriösen Schwarzgerät.

Depravity’s Rainbow: Eine Geschichte von zwei Raketen
Von Peenemünde aus hatte erstmals ein menschengemachtes Objekt den Weltraum erreicht. (Aus: Depravity’s Rainbow)

Für die Wahl der Cyanotypie führt Lewis Bush mehrere Gründe an: Dieses fotografische Verfahren hatte der Astronom John Herschel erfunden, und in der Form von Blaupausen verwendeten es die Ingenieure, die die ersten Raketen entwickelten, um ihre Konstruktionspläne zu vervielfältigen. Kaliumhexacyanidoferrat(III), eine für die Cyanotypie erforderliche Chemikalie, ist eine Blausäureverbindung, ebenso wie das für den Völkermord in den deutschen Vernichtungslagern eingesetzte Gas.

Depravity’s Rainbow: Eine Geschichte von zwei Raketen
Eine der unterirdischen Produktionsstätten, in denen KZ-Insassen die V2-Raketen bauen mussten. Bei der Herstellung der V2 starben mehr Menschen als durch deren explosive Nutzlast. (Aus: Depravity’s Rainbow)

Depravity’s Rainbow, sagt Bush, „benutzt [Wernher von Brauns] unwahrscheinliche Lebensgeschichte, um die ebenso widersprüchliche Geschichte der Raumfahrt zu erzählen, und wie ihre militaristischen und expansionistischen Ziele oft unter dem Mantel einer friedlichen, zivilen Wissenschaft versteckt wurden. (…) Das Material ist in einer unkonventionellen narrativen Struktur arrangiert, in der die Zeit gleichzeitig vorwärts und zurück fließt, um die beiden widersprüchlichen Leben Wernher von Brauns einander kontrastierend gegenüberzustellen. … Der Erzählbogen hat die Form der Parabelbahn einer ballistischen Rakete, um die problematischen Lebensgeschichten, moralischen Ambiguitäten und die faustischen Pakte von Brauns und der Raumfahrt generell offenzulegen.“

Zwei Raketen Wernher von Brauns, die V2 und die Saturn V (Aus: Depravity’s Rainbow)

Der Druck von Depravity’s Rainbow soll in einem noch gut eine Woche laufenden Kickstarter-Projekt finanziert werden. Das Finanzierungsziel von rund 12.000 Euro wurde bereits erreicht, aber wer sich jetzt noch an der Crowdfunding-Kampagne beteiligt (was naturgemäß mit Risiken verbunden ist, die in diesem Fall allerdings überschaubar bleiben), kann das voraussichtlich im Dezember erscheinende Buch für umgerechnet rund 48 Euro erwerben; auch Sonderausgaben mit einzelnen originalen Cynanotypien sind erhältlich.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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4 Kommentare

  1. Was die wenigsten wissen: Die NASA war/ist eine militärische Behörde, die Tatsache ist halt ein wenig versteckt. Mit von Braun kam als „project paperclip“ eine große Menge Leute in die USA, die vor ein Kriegsgericht gehört hätten, aber man schätzte halt das KnowHow. Dementsprechend tauchen in später geschwärzt freigegebenen Unterlagen aus der Zeit zunehmend mehr deutsch klingende Namen in den Berichten auf, sowohl in Wissenschaft, Geheimdiensten, militärischen Spezialeinheiten und anderen eher kuriosen Gruppierungen. Ein Großteil der chemischen Industrie der USA war schon vor WWII in deutscher Hand, so waren von mehreren Seiten stattliche Mengen Geld im Spiel.
    Es gibt ein paar Bücher zum Thema, muß man sich halt etwas durchstöbern.

    1. Nein, die NASA ist eine zivile Behörde. Nach dem Krieg war es zunächst vor allem die US Air Force, die Raketen entwickelte, aber schon in den 50er Jahren ging die Zuständigkeit für alle zivilen Raumfahrtprojekte auf die damals neu gegründete NASA über. Die Air Force beschäftigte sich weiter mit militärischen Raumfahrtprojekten, vor allem Spionagesatelliten, aber es gab auch mal Pläne für eine militärische Raumstation (MOL), die nie realisiert wurde. Heute sind die von Trump gegründete US Space Force und das US Space Command für die militärische Raumfahrt verantwortlich, beispielsweise das unbemannte Space Shuttle Boeing X-37. Im Gegensatz zur NASA, die über alle ihre Projekte ganz offen berichtet, unterliegen die militärischen Projekte generell der Geheimhaltung; beispielsweise ist bis heute nicht bekannt, welchen Zwecken die Flüge der X-37 dienen.

      Eine Ausnahme bildete teilweise das Space Shuttle. Dieses NASA-Projekt litt unter dem Mangel an Mitteln, die die USA nach den Mondlandungen noch für die zivile Raumfahrt ausgeben wollten, und drohte eingestellt zu werden, weshalb die NASA eine Kooperation mit der Air Force anstrebte. Das führte zu einer Änderung des Shuttle-Konzepts, weil die Air Force größere Nutzlasten in eine Umlaufbahn befördern wollte, wozu Booster-Raketen nötig wurden. Nachdem Reagans „Star Wars“-Programm gecancelt worden war, ließ das Interesse der Air Force am Space Shuttle wieder nach; im Endeffekt wurde es vorwiegend für zivile Zwecke genutzt. (Übrigens waren es Hinweise auf einen vorwiegend militärischen Zweck des Space Shuttle gewesen, die die Sowjetunion zum Bau der eigenen Raumfähre Buran motiviert hatten; nachdem sich das US Shuttle als vorwiegend ziviles Raumfahrzeug herausgestellt hatte, schwand das Interesse am Buran-Projekt, das dann auch nicht weiter verfolgt wurde.)

      Das bekannteste militärische Raumfahrtprojekt der USA ist sicherlich das GPS-Navstar-System, das ursprünglich rein militärischen Zwecke dienen sollte; eine zivile Nutzung (zuerst noch mit Einschränkungen) kam erst Mitte der 80er Jahre hinzu. GPS Navstar wurde aber eben auch von der Air Force und nicht der NASA entwickelt; heute ist die US Space Force dafür zuständig. Der kurioseste nicht realisierte Plan war das Air-Force-Projekt A119: In den 50er Jahren entstand die Idee, als Machtdemonstration der USA eine Wasserstoffbombe auf dem Mond zu zünden; die Sowjetunion verfolgte unter dem Titel „E4“ ein ähnliches Projekt. Beide Projekte wurden schon Ende der 50er Jahre wieder aufgegeben. Auch A119 hatte nichts mit der NASA zu tun.

      1. Naja, die Behauptung, die NASA sei eine rein zivile Behörde, darf schon etwas angezweifelt werden. Wie war es damals bei ihrer Gründung im Juli 1958? Die rund 8’000 Angestellten kamen nicht etwa aus der Privatindustrie, sondern wurden von dem bereits seit 43 Jahren bestehenden „National Advisory Committee for Aeronautics“ (NACA) übernommen. Und dieses Committee unterstand der US-Luftwaffe. Hinzu kamen weitere Teams aus der US-Army. Auch die meisten Astronauten dienten im Militär als Kampf- und Testpiloten. Und wer einmal für längere Zeit im Militär gedient hat, weiss, wie schwierig es ist, so auf die Schnelle auf „zivil“ umzuschalten.

        Auch die Anmerkung, dass die NASA über alle ihre Projekte ganz offen berichtet, stimmt so nicht. Viele Dokumente über die Apollo 1 Katastrophe (der Brand in der Kapsel, wobei drei Astronauten ums Leben kamen) wurden bis heute nicht freigegeben. Auch der ausführliche, über 500 Seiten starke Report über die Sicherheits- und Qualitätsmängel bei den ersten Apollo-Versuchen, verfasst von Thomas Ronald Baron (1965-1966), wurde nie veröffentlicht, bzw. bleibt bis heute unauffindbar. Er hätte wohl ein zu negatives Bild über das laufende Apollo-Programm abgegeben.

        1. Ich schrieb doch schon, dass nach die Krieg zunächst die Air Force für die Raketenforschung zuständig war. Dann wurde die NASA gegründet, um sich um die zivilen Raumfahrtprojekte zu kümmern, während die militärischen Projekte bei der Air Force (und heutzutage der Space Force) angesiedelt blieben, und alle, die mit zivilen Projekten zu tun hatten, wechselten daraufhin vom Militär zur NASA. Machte ja auch Sinn. Über den Unfall mit Apollo 1 ist alles Relevante bekannt; danach zog die NASA Konsequenzen, um Unfälle dieser Art künftig zu vermeiden, was ihr auch gelang. Unfälle wurden stets detailliert untersucht und die Ursachen abgestellt. Ich fand Richard Feynmans Bericht über seine Mitarbeit in der Untersuchungskommission zur Challenger-Katastrophe ganz aufschlussreich; an Kritik spart er da nicht (in Feynmans Autobiographie „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman“).

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