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Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35

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Das Zeiss Flektogon 35/2.8 gehört unzweifelhaft zu den ersten Weitwinkelobjektiven für Spiegelreflexkameras. Es erschien 1949 – über 30 Jahre nach Erfindung des Kleinbildformats. Einige Jahre später folgte das Primagon 35/4.5 von Meyer Görlitz. Gemeinsamkeit dieser und weiterer früher Weitwinkel-Veteranen: Eine große, streulichtempfindliche Frontlinse, die gut abgeschirmt werden will.

Flektogon1. Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35
Flektogon 35/2.8: Beliebt bei Altglas-Fans wegen seine harmonischen Kombination von Schärfe und Bokeh.

Bereits 1952 entstand eine überarbeitete Neuauflage vom Flektogon 35/2.8 im 6/5-Design. Nachfolgende Versionen profitierten von der computergestützten Neuberechnung durch die OPREMA-Rechenmaschine bei Zeiss. Hier wurde im Blog darüber berichtet. Das Flektogon 35/2.4 MC von 1975 war eine Neukonstruktion mit sechs Linsen in sechs Gruppen (6/6). Primäres Ziel: Produktionskosten senken durch Verwendung von Einzellinsen. Moderne Glassorten ermöglichten es, die höhere Lichtstärke war ein netter Nebeneffekt und ließ sich gut vermarkten.

Linsenschnitt. Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35
Flektogon 35/2.8: Ab 1952 mit sechs Linsen in fünf Gruppen (6/5) hergestellt. Die erste Version war noch ein 7/5-Design. Kennzeichen früher Weitwinkel-Veteranen ist die große (streulichtempfindliche) Frontlinse.
Flektogon 1961. Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35
Flektogon 35/2.8 von 1961 mit einer Naheinstellgrenze von nur 18 Zentimeter.
Flek2. Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35
Mit rund 200.000 produzierten Einheiten war das Flektogon 35/2.8 eines der meistverkauften Zusatzobjektive zur Praktica-Kamera.
Mig Bokeh. Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35
Das Flektogon 35/2.8 „kann“ Bokeh – im Gegensatz zu vielen modernen Weitwinkelobjektiven.

Primagon 35/4.5

Der vergleichsweise simple optische Aufbau des Primagon (4/4) in Verbindung mit geringer Lichtstärke vereinfachte die Korrektur der wenigen Abbildungsfehler. Schaut man nur auf die Lichtstärke, könnte ein Eindruck von „leicht unterbelichtet“ entstehen. Weit gefehlt. Für ein Weitwinkel von 1952 ist das Primagon heute noch genial. Artgerecht mit gut dimensionierter Streulichtblende genutzt, zeigt es gute zentrale Schärfe und ein weiches Bokeh. Laut Yves Strobelt, Betreiber der Website Zeissikonveb.de und für gewöhnlich gut informiert, trug es zeitweilig das DDR-Gütezeichen Q und würde heute möglicherweise sogar das Attribut „Apo“ für seine erstklassig korrigierte chromatische Aberration erhalten.

Primagon1. Weitwinkel-Veteranen: Flektogon und Primagon 35
Primagon 35/4.5 als Altix-Version mit originaler Streulichtblende.
Prima2
Das Primagon liefert für sein Alter bemerkenswerte Schärfe. Die Verzeichnung ist für ein Weitwinkelobjektiv sehr gut korrigiert.
Prima1961
Primagon-Werbung von 1961. Die Skizze links oben zeigt den optischen Aufbau mit vier Linsen in vier Gruppen (4/4).
Prima_Bokeh
Primagon: Detailstudie eines nassen Flugzeugrumpfs.
Prima1952
Für ein Weitwinkel von 1952 ist das Primagon 35/4.5 heute noch genial.

Weitwinkel-Veteranen: Erwartungen

Früher übliche Papierabzüge von 10 x 15 Zentimeter fallen im Vergleich zu modernen Monitoren mickrig aus. Deshalb wurden unzureichende Randauflösungen schlicht nicht sichtbar. Auf einem 24-Zöller mit Full-HD-Auflösung und einem Betrachtungsabstand von vielleicht 60 Zentimeter können sie nur bedingt punkten. Doch für gängige Bildgrößen im Internet, beispielsweise bei Facebook, reicht die Auflösung alter Weitwinkel allemal. Auch an Crop-Kameras machen sie eine gute Figur. Schneidend scharf bis in die Ecken abbilden ist eine Domäne moderner Weitwinkel, deren Bokeh häufig zu wünschen übrig lässt.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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