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Wenn das Büro plötzlich promptet: Wie KI die Medienarbeit auf den Kopf stellt

Wer heute durch ein modernes Großraumbüro schlendert, spürt wenig von der Aufregung, die einst den Einzug des Computers begleitete. Damals, als die Schreibmaschine langsam verschwand und die Sekretärin mit dem Zehnfingersystem zur Randfigur wurde, ahnte kaum jemand, wie grundlegend sich die Arbeitswelt verändern würde. Heute steht das Büro erneut an einem Wendepunkt. Die Künstliche Intelligenz, genauer gesagt die Fähigkeit, Maschinen mit den richtigen Prompts zu steuern, wird zur neuen Basiskompetenz. Was das für die Medienarbeit bedeutet, lässt sich am besten mit einem Blick zurück und nach vorn erzählen.

Von der Schreibkraft zum Prompt-Profi

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie ähnelt sich. In den Achtzigern war das Beherrschen der Textverarbeitung ein Privileg weniger. Wer diktierte, hatte Macht, wer tippte, war Dienstleister. Mit dem Siegeszug des PCs wanderte die Textverarbeitung auf jeden Schreibtisch. Die Sekretärin verschwand nicht über Nacht, aber ihre Aufgaben wurden zum Allgemeingut. Heute fragt niemand mehr, ob man Word bedienen kann, es wird vorausgesetzt.

Jetzt, vier Jahrzehnte später, erleben wir eine ähnliche Verschiebung. Die KI hält Einzug in die Büros, und mit ihr das Prompten. Was vor kurzem noch als Spezialwissen galt, ist auf dem besten Weg, zur Selbstverständlichkeit zu werden. Die TU Darmstadt hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass fast sechzig Prozent der Befragten erwarten, dass KI vor allem zu Arbeitsplatzverlusten führen wird. Besonders betroffen fühlen sich die Jüngeren und jene, deren Tätigkeiten sich leicht digitalisieren lassen. Die Sorge ist real, doch die Geschichte zeigt: Technischer Fortschritt schafft nicht nur neue Werkzeuge, sondern auch neue Rollen und Anforderungen.

Medienberufe im Wandel: Zwischen Automatisierung und Aufwertung

Wer glaubt, Kreativarbeit sei immun gegen Automatisierung, irrt. In den Redaktionen und Agenturen übernehmen KI-Systeme längst Routineaufgaben wie Transkription, Übersetzung oder das Verfassen einfacher Meldungen. Laut einer aktuellen Umfrage des BDZV planen deutsche Verlage, in den kommenden Jahren durchschnittlich 42 Prozent aller administrativen Tätigkeiten durch KI zu automatisieren. Die Folge: Medienprofis müssen sich neu erfinden. Prompt-Fähigkeiten sind gefragt, nicht nur bei Spezialisten, sondern quer durch alle Abteilungen. Über zweitausend deutsche Stellenanzeigen verlangten 2025 explizit nach solchen Kompetenzen. Ein Trend, der sich nicht mehr aufhalten lässt.

Die Rolle des Prompt Engineers verliert dabei an Exklusivität. KI-Modelle werden immer besser darin, auch mit unscharfen Eingaben umzugehen. Prompten wird zur Alltagstechnik, ähnlich wie das Tippen. Wer heute in der Medienbranche arbeitet, muss nicht nur Inhalte gestalten, sondern auch Maschinen anleiten, kontrollieren und korrigieren. Die Grenze zwischen Mensch und Algorithmus verschwimmt.

Neue Regeln, neue Verantwortung

Mit dem EU AI Act ist seit 2025 eine neue Spielregel in Kraft. Unternehmen, die KI einsetzen, sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihre Mitarbeiter ausreichend mit den Grundlagen der KI vertraut sind. Es geht nicht um formale Prüfungen oder Zertifikate, sondern um die Pflicht, Wissen und Bewusstsein für die Risiken und Möglichkeiten von KI zu vermitteln. Die Verantwortung für den richtigen Umgang mit KI liegt damit nicht mehr bei Einzelnen, sondern wird zur Aufgabe für alle, die mit solchen Systemen arbeiten.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband mahnt: Menschliche Kreativität, Urteilskraft und Verantwortung bleiben unersetzlich. Die Forderung nach Transparenz und Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten ist laut, auch wenn sie bislang eher als ethische Leitlinie denn als gesetzliche Pflicht gilt .

Was bleibt, was kommt?

Die Parallele zur Textverarbeitung ist verführerisch, doch diesmal geht es um mehr als nur ein neues Werkzeug. Die KI denkt mit, schlägt vor, bewertet und filtert. Wer promptet, ist nicht mehr bloß Nutzer, sondern Teil eines Teams aus Mensch und Maschine. Medienberufe verlieren ihre Exklusivität, gewinnen aber neue Möglichkeiten – und neue Unsicherheiten. Vielleicht werden wir uns in zwanzig Jahren fragen, wann wir zuletzt einen Text ganz ohne KI verfasst haben. Oder wir entdecken, dass die eigentliche Kunst darin liegt, der Automatisierung zu widerstehen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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