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Ausstellungstipp: F. C. Gundlach im Bucerius Kunst Forum

Wen der Ausstellungstitel You’ll Never Watch Alone etwas ratlos und vage an Fußball denken lässt, der läge nicht ganz falsch.

F. C. Gundlach (1926–2021) auf dem Fußballplatz; im Hintergrund der Flakbunker an der Feldstraße. Dieses Motiv steht am Ende eines Ausstellungsrundgangs. (Und nein, die Lüftung und der Feuerlöscher gehören nicht zum Bild.)

Der Titel spielt natürlich auf You’ll Never Walk Alone an, den Song aus dem Musical Carousel, der später von Gerry and the Pacemakers gecovert und dann zur Hymne des Liverpool F. C. wurde. You’ll Never Walk Alone singt man aber längst nicht mehr nur an der Anfield Road, sondern auch im Millerntorstadion des FC St. Pauli, und unmittelbar neben diesem steht der Flakbunker an der Hamburger Feldstraße, in dem einst F. C. Gundlachs Firma PPS (Professional Photo Service) und die PPS. Galerie ihren Sitz hatten – und damit haben die Ausstellungsmacher so gerade eben noch die assoziative Kurve gekriegt. Der arg bemühte Insiderwitz ist aber auch schon das Einzige, das ich an dieser dem Jubilar – F. C. Gundlach würde in diesem Jahr 100 werden – gewidmeten und ansonsten hervorragend kuratierten Ausstellung kritisieren würde.

1970: Uschi Obermaier als Werbegesicht für Sinalco. Mit diesem Plakatmotiv wird im Hamburger Stadtbild für die Ausstellung geworben. (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

Das fotografische Lebenswerk F. C. Gundlachs ist das Thema der Ausstellung, aber nicht ihr alleiniger Inhalt. Vielmehr präsentieren die einzelnen, nur ganz grob chronologisch gegliederten Abteilungen auch die Vorbilder und Weggefährten Gundlachs sowie seine Schüler und von ihm geförderte Künstler.

Zum Kuratorenteam gehören Sophie-Charlotte Opitz, Sebastian Lux und (hier nicht im Bild) Franziska Mecklenburg

Auf dem labyrinthischen Weg durch die Ausstellung folgt man zunächst Gundlachs Lebens- und Berufsweg: Der gebürtige Hesse hatte nach dem Krieg eine Ausbildung an der Privaten Lehranstalt für Moderne Lichtbildkunst in Kassel durchlaufen, doch Anfang der 50er Jahre zog es ihn in die Modemetropole Paris, wo er Jean Cocteau und dessen Geliebten Jean Marais kennenlernte (und beide porträtierte). Schnell fand er auch Zugang zu den führenden Modehäusern, die sich Fotografen gegenüber noch eher reserviert gaben, und erwies sich schon damals als talentierter Netzwerker, der seine Kontakte geschickt zu nutzen wusste. Etwa wenn es darum ging, attraktive Locations für seine Fotos zu finden.

1963: Modefotografie auf dem Balkon von Helena Rubinstein vor dem Hintergrund von Notre Dame. (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

Folgte Gundlach zunächst noch Vorbildern wie Richard Avedon, Erwin Blumenfeld, Horst P. Horst und Martin Munkácsi (dem er 2005 eine große Retrospektive im Hamburger Haus der Photographie widmete, dessen Gründungsdirektor er war), wurde seine Bildsprache bald freier, insbesondere nachdem er 1956 erstmals New York besucht hatte, im Rahmen einer Reportage für die 1953 neu gegründete Lufthansa.

F. C. Gundlach in New York City, hier präsentiert von Sebastian Lux (F. C. Gundlach Stiftung)

1958 fotografiert er Pelzmäntel vor der unscharfen Skyline von Manhattan (oben sehen wir ein Beispiel), aber wenige Jahre später hatte sich sein Stil gewandelt; mit einer vergrößerten Schärfentiefe bildete er auch Architektur im Hintergrund scharf ab und die Bildsprache verriet den Einfluss der Streetfotografie.

Gundlachs jahrelange Zusammenarbeit mit der Lufthansa – ein festes Engagement lehnte er ab, um seine Unabhängigkeit zu wahren – eröffnete ihm ungewohnte Möglichkeiten. Er verzichtete auf ein Honorar und ließ sich seine Arbeit stattdessen mit Freiflügen entgelten; danach waren die Reisekosten zu entlegenen Locations kein Hindernis mehr. So konnte er 1966 für Brigitte eine Fotostrecke mit Bademode vor den Pyramiden von Gizeh fotografieren – die Redaktion war erst irritiert, veröffentlichte die Bilder dann aber unter dem konsequent absurden Titel Den ganzen Tag am Strand. Vielleicht ahnten die Brigitte-Leserinnen aber auch gar nicht, wie weit es die Models von den Pyramiden zum nächsten Strand gehabt hätten.

1966: Den ganzen Tag am Strand (tatsächlich aber bei den Pyramiden in Gizeh). Dieses ikonische Motiv ist auch in eine der Betonwände von F. C. Gundlachs Mausoleum auf dem Friedhof Ohlsdorf gefräst.

Neben F.C. Gundlach als Fotografen gibt es den Sammler, der die Fotoszene sein ganzes Leben lang verfolgt hat und die Bedeutung vieler Newcomer wie Cindy Sherman, Nan Goldin oder Wolfgang Tillmans frühzeitig erkannt (und in seiner PPS. Galerie ausgestellt) hat. Das Bucerius Kunst Forum zeigt ihn auch von dieser Seite, dank der F. C. Gundlach Stiftung, die seine Sammlung verwaltet und immer neue Ausstellungen daraus kuratiert (derzeit sind die Möglichkeiten allerdings beschränkt, da die schon seit Jahren laufende Sanierung des Haus der Photographie in einer der Deichtorhallen noch immer nicht abgeschlossen ist). Gundlachs Interesse an Künstlern der Pop-Art und Op-Art spiegelt sich in seinen Fotos, die teils auch Kunstwerke direkt zitieren.

Gundlachs Faszination durch die Pop-Art eines Roy Lichtenstein (links, 1971) sowie die Op-Art (rechts, 1966) lässt sich auch in seinen Fotos erkennen. (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)

F. C. Gundlachs dritte Identität ist die des Unternehmers. Im Hamburger Feldstraßenbunker, in dem er seit 1956 ein Atelier hatte, gründete er zusammen mit dem New Yorker Thad McGar 1967 das Fotoservice-Unternehmen Creative Color (CC), das sich auf die Retusche spezialisierte: „Keiner macht es mir recht, dann mache ich es eben selber.“ 1971 folgte die Gründung des Professional Photo Service (PPS), zunächst als Dienstleister für die Filmentwicklung, der sein Angebot dann um Mietstudios, die Vermietung von Foto-Equipment und ein Ladengeschäft ausbaute und mit den PPS News auch ein Printmedium herausbrachte. Weiterhin kam die PPS. Galerie hinzu, die sich, damals noch unüblich in Deutschland, allein der Fotografie als Kunstform widmete.

In den PPS News gab es auch Cartoons für die Foto-Nerds der analogen Ära.

Man könnte es ironisch nennen, dass der ehemalige Flakhelfer F. C. Gundlach seinen beruflichen Mittelpunkt ausgerechnet in einem ehemaligen Flakbunker fand, einem monströsen grauen Betonbauwerk, das inzwischen allerdings begrünt wurde. In Stahlbeton fand Gundlach nach seinem Tod vor fünf Jahren auch die ewige Ruhe: Sein Mausoleum auf dem Ohlsdorfer Friedhof hatte er noch zu Lebzeiten entwerfen lassen und sich als Material ausdrücklich Beton gewünscht.

Mit der heutigen Ausstellungseröffnung legt das Bucerius Kunst Forum einen Frühstart hin, denn die Gundlach-Retrospektive ist ein Teil der neunten Triennale der Photographie Hamburg, die unter dem Motto Alliance Infinity Love – In the Face of the Other am 5. Juni beginnt. Am 6. Juni öffnet dann noch die Satelliten-Ausstellung We’ll Always Watch Together am Alten Wall 4, wenige Meter vom Bucerium Kunst Forum gelegen, in der Studenten und Studentinnen der Essener Folkwang Universität der Künste eigene Projekte präsentieren, die sich vor dem Hintergrund von F. C. Gundlachs Werk mit aktuellen Themen der Fotografie auseinandersetzen. Diese begleitende Ausstellung wird bei freiem Eintritt jeweils von Freitag bis Sonntag geöffnet sein. Freunde der Fotografie sollten Ihren Hamburg-Trip daher für den Juni oder Juli buchen – You’ll Never Watch Alone und We’ll Always Watch Together schließen erst nach dem 16. August, einige andere Ausstellungen der Triennale der Photographie nach dem 22. September.

1959: Liebespaar in Hamburgs River-Kasematten, einem Jazz-Club – eine inszenierte Reportage für Twen. (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)
1962: Berlin-Kreuzberg war schon in den 60ern eine hippe Location für Modeaufnahmen.
1963: Jet Age (© F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach)
1964: Kleider die ins Leben passen. Die Männer schauen zur Frau auf, aber sie sucht selbstbewusst die Kamera und damit den Blick des Betrachters.
2018: Anlässlich des 100. Jubiläums der Berliner Firma Schwarzkopf (Drei Wetter Taft) stellt Armin Morbach ein Motiv F. C. Gundlachs aus dem Jahre 1955 nach. 1955 stand die Berliner Mauer noch nicht, 2018 war sie schon längst wieder Geschichte, das Brandenburger Tor ist daher in beiden Fotos offen.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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