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Simona Smrčková: Queen of Color

Hotelfotografie – ganz anders

Simona Smrčková inszenierte das Anybody Hotel in Brünn für eine Kampagne. Zehn Zimmer, inspiriert von Kultfilmen, wurden zu lebendigen Kulissen. Christoph Künne hat mit ihr vor Ort über ihre Arbeit gesprochen.

Ich stehe im Flur des Anybody Hotels im tschechischen Brünn, umgeben von einer Atmosphäre, die mich sofort in ihren Bann zieht. Die Wände scheinen in satten Farben zu pulsieren, während kunstvoll arran­gierte Lampen gedämpftes Licht verbreiten. Es fühlt sich an, als wäre ich in einen surrealen Traum gelandet – oder besser gesagt, in zehn verschiedenen Träumen gleichzeitig.

Simona Smrčková, die Fotografin, deren Werke mich hierher geführt haben, empfängt mich mit einem verschmitzten Lächeln. „Willkommen in meiner Welt der Farben und Geschichten“, sagt sie und führt mich durch den Korridor. Jede Tür, an der wir vorbeikommen, verspricht ein neues Abenteuer, eine neue Filmszene, in der die Gäste die Hauptrolle spielen können.

Von der Leinwand zum Objektiv

Simonas Weg zur Fotografie war alles andere als gradlinig. „Ich habe zunächst Konzeptkunst studiert und bin dann zur Bildenden Kunst mit Schwerpunkt Malerei gewechselt“, erzählt sie, während wir das erste Zimmer betreten. Die Wände sind in einem intensiven Blau gestrichen, das an den Himmel in Van Goghs „Sternen­nacht“ erinnert. „Die Fotografie fand ich anfangs eher langweilig – zu viel Technik, die meiner intuitiven ­Arbeitsweise im Weg stand.“

Es war die Hochzeitsfotografie, die Simona schließlich zur Kamera brachte – wenn auch zunächst wider­willig. „Mein damaliger Freund verdiente sein Geld da­mit“, sagt sie mit einem Lachen. „Aber erst als ich die Möglichkeiten von Photoshop entdeckte, fing ich Feuer.

Die Prozesse erinnerten mich an die Malerei, und plötzlich hatte ich eine neue Leinwand gefunden.“

Eine Bühne für jeden Gast

Wir betreten ein Zimmer, das aus einem Wes-Anderson-Film entsprungen scheint. Pastellfarben dominieren, geometrische Muster an den Wänden spielen mit der Perspektive. „Das Konzept des Hotels ist einzigartig“, erklärt Simona. „Jedes der zehn Zimmer zitiert Elemente eines bekannten Films. Die Gäste sind eingeladen, sich selbst zu inszenieren oder von den Film­motiven ­inspirierte Rollen zu ­spielen.“

Der Besitzer des Hotels, ein Psychologe, hatte Simona kontaktiert, nachdem er einen Preis bei der Online-Plattform Amazing Places gewonnen hatte. „Er erwartete mehr mediales Interesse und fragte, ob ich sein Hotelzimmer-Konzept foto­grafieren könnte“, erinnert sich ­Simona. „Normalerweise mache ich solche kommerziellen Projekte nicht, aber hier stimmte einfach alles – die Räume waren wie für meine freien Arbeiten geschaffen.“

Die Kunst der Improvisation

Simonas Hintergrund in der bilden­den Kunst und ihre durch viele Hoch­zeitsaufträge erworbene Fähigkeit, mit dem Vorhandenen Kreatives zu schaffen, erwiesen sich als perfekte Grundlage für dieses Projekt. „Oft sind weder die Locations von Hochzeiten optisch besonders interessant, noch sind die Hochzeitspaare große Schönheiten“, schmunzelt sie. „Da hilft die Fähigkeit, künstlerisch zu improvisieren, damit am Ende alle mit den Bildern glücklich sind.“

Sie erzählt von einem Shooting mit einem bildschönen Ehepaar in einer atemberaubenden Umgebung. „Die nächsten Kunden wollten ihre Hochzeitsbilder auch in dem Stil – in der irrigen Annahme, all die Schönheit sei Photoshops Werk“, ­erinnert sie sich schmunzelnd.

Farben als Inspiration

Wir betreten ein Zimmer, das in warmen Rottönen gehalten ist. „Meine freien Projekte fangen meist mit einer Farbidee an“, erklärt Simona. „Die Farbe ist der erste Input, meine Bildideen und die Geschichten ergeben sich dann daraus.“

Für das Anybody Hotel-Projekt plante Simona alles bis ins Detail. „Ich hatte Listen und viele Bilder bereits im Kopf, als wir mit dem Fotografieren begannen“, sagt sie. „Ich recherchierte viel zu den Filmen, ihren Kontexten und dem typischen Licht.“ Trotz der akribischen Planung ist Simonas Arbeitsweise am Set dynamisch und intuitiv. „Ich mag keine Stative und arbeite nicht gern mit Blitzlampen“, erklärt sie. „Beides ist schwerfällig und stört die Atmosphäre.“ Stattdessen setzt sie auf kleine RGB-Dauerlichtleuchten in den Händen mehrerer Assistenten, die sie im Raum dirigiert.

„Ich ziehe es vor, die Motive während des szenischen Spielens zu entwickeln“, fügt sie hinzu. „So bekomme ich mehr Dynamik ins Bild.“

Für das Anybody Hotel-Projekt buchte sie einen Schauspieler und ein weibliches Fotomodell, die in allen Bildern auftauchen. „Sie suggerieren dem Betrachter: In jedem Raum kannst du deine Persönlichkeit verändern.“

Ein Traum in Farbe

Als wir unseren Rundgang beenden, fühle ich mich, als hätte ich eine Reise durch Zeit und Raum unternommen. Jedes Zimmer erzählt seine eigene Geschichte.

Simona lächelt, als sie die Tür hinter uns schließt. „Das ist die Magie des Anybody Hotels“, sagt sie. „Hier kann jeder sein, wer er sein möchte – wenn auch nur für eine Nacht.“ Ich werfe einen letzten Blick auf den Flur. Hinter allen Türen wartet ein anderes Abenteuer, eine Zitaten­sammlung aus der Welt der ­Kinematografie. Simonas Bilder, die man alle auf der Hotelwebsite (www.anybody.cz) bestaunen kann, vermitteln davon einen sehr bildhaften Eindruck.


Simona Smrčková

… studierte zunächst Konzepkunst und wechselte dann zur Bildenden Kunst mit Schwerpunkt Malerei. Nach dem Studium suchte sie einen Broterwerb und kam durch ihren damaligen Freund zur Hochzeitsfotografie. Fotografie hatte sie auch studiert, fand das Medium aber immer eher langweilig, was vor allem an der für sie nervigen Technik lag, die ihrer intuitiven Arbeitsweise im Wege stand.

Mehr: www.simsfoto.com

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