Wer erklärt, verliert – oder warum wir auch selbst schuld sind, wenn wir für dumm verkauft werden
Mein Rant zum Jahreswechsel
An dieser Stelle ging es mir schon oft darum, Kamerafeatures zu erklären, weil die Hersteller selbst so etwas versäumen. Aber warum ist das immer wieder nötig? Oder ist es in Wirklichkeit gar nicht nötig, weil es niemand so genau wissen will?

Vor Kurzem hatte ich hier die Methode des Dual Gain Output (DGO) beschrieben, der die Panasonic S1 II und Sony Alpha 7 V ihren hohen Dynamikumfang bei niedrigen ISO-Werten verdanken. Weder Panasonic noch Sony hatten ein Wort darüber verloren, obwohl darin doch ein bemerkenswerter Produktvorteil dieser Kameramodelle besteht. Sony bewirbt stattdessen einen Dynamikumfang von 16 EV, was ein fantastischer Wert wäre – nur ist er frei erfunden und wird in der Praxis weit verfehlt. Warum werben Hersteller lieber mit märchenhaft großen Zahlen, als dass sie ihren tatsächlich erreichten technischen Durchbruch feiern, der doch eindrucksvoll genug ist? Selbst wenn er sich nur bei ISO-Werten nahe der Grundempfindlichkeit und nur mit dem mechanischen Verschluss realisieren lässt.
Das sind keine Einzelfälle. Schon die ein paar Jahre ältere Technik des Dual Conversion Gain (DCG), mit der Sensoren bei höheren ISO-Werten eine höhere Spannung aus derselben gesammelten elektrischen Ladung herausholen, wurde von den Kameraherstellern nahezu geheimgehalten, obwohl sie doch einen sichtbaren Qualitätssprung im höheren ISO-Bereich brachte. Bis heute wird auch nirgendwo der Umschaltpunkt dokumentiert, an dem der Sensor vom niedrigen auf den hohen Conversion Gain umschaltet, was für Fotografen wichtig zu wissen wäre. So muss man immer noch die Messwerte von Photons to Photos konsultieren und nachschauen, bei welchem ISO-Wert der Dynamikumfang um rund eine Blendenstufe nach oben springt, obwohl er ansonsten zu den größeren ISO-Werten hin sinkt. Allein der Sensorhersteller und DCG-Erfinder Aptina hat ein aufschlussreiches (aber für die meisten Fotografen wohl unverständliches) White Paper dazu veröffentlicht, nicht jedoch Sony, die eine Lizenz für dieses Verfahren erworben haben. Heutzutage arbeiten fast alle Kamerahersteller mit DCG, aber keiner redet darüber.
Ähnlich sieht es bei Fujis Lens Modulation Optimizer (LMO) aus, hinter dem ein Dekonvolutionsverfahren zur Verringerung der Beugungsunschärfe steht. Lieber ließ man Kritiker unken, das sei mal wieder nur Technobabble aus dem Marketing, als dass man erklärt hätte, was dabei geschieht. Oder bei Canons Dual-Pixel-Raw-Format, mit dem man (in Grenzen) die Schärfenebene verlagern oder störende unscharfe Motive zur Seite schieben kann.
Als Fachjournalisten würden wir ja gerne die Aufgabe übernehmen, solche Features allgemeinverständlich zu erklären, aber dazu müssten wir erst einmal selbst die technischen Grundlagen verstehen. Doch wenn wir um ein erklärendes White Paper betteln, lässt man uns auflaufen. So bleibt meist nur die Methode des Reverse Engineering: Man überlegt sich, wie man selbst vorgehen würde, um das beobachtete Ergebnis zu erzielen, und mit etwas Glück und dem nötigen Fachwissen rät man richtig.
Es hat den Anschein, als läge ein Tabu auf der Erklärung technischer Zusammenhänge, und tatsächlich verhält es sich genau so. Wer erklärt, verliert; das entspringt keiner Paranoia der Hersteller, sondern ist ein reales Problem. Und das Erklärungstabu besteht nahezu universell, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik und manchmal sogar im alltäglichen Leben.
„Schatz, es ist nicht das, wonach es aussieht; lass es mich erklären“ – das klingt nach einer Ausflucht und ist vermutlich auch eine, aber in den meisten Fällen sind Erklärungen nützlich und helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Nur ist die Psychologie des Menschen leider nicht so beschaffen, dass wir das durchweg anerkennen würden. Weit öfter gelten uns Erklärungen als Zeichen der Schwäche: Wer etwas erklären muss, scheint es nötig zu haben.
Wenn wir eine Erklärung bräuchten, hätten wir ja etwas nicht verstanden, das einem anderen völlig klar ist. Erklärungen zu akzeptieren bedeutete, unser Unwissen und Unterlegenheit einzugestehen, und sei es nur in diesem Punkt. Da erscheint es bequemer, die Erklärung zurückzuweisen, und so erntet der wohlmeinende Erklärbär keinen Dank; vielmehr unterstellen wir ihm Überheblichkeit, weil er es besser wissen will.
Einfache Parolen, so irreführend oder schlicht falsch sie sein mögen, finden Akzeptanz, schon weil sie unmittelbar eingängig sind. Wann immer wir etwas zu verstehen meinen, scheinen wir intellektuell auf der Höhe zu sein, und das ist eine befriedigendere Erfahrung als die, sich freiwillig in die Rolle eines Schülers begeben zu müssen, um etwas Neues zu lernen. Wir haben es mit einer Variante des Dunning-Kruger-Effekts zu tun: Die meisten Menschen glauben, bereits schlau genug zu sein, um die Welt zu verstehen, und keiner Belehrung mehr zu bedürfen.
Politiker, die ihre Positionen argumentativ zu begründen versuchen, erwecken eben dadurch Zweifel, während Populisten mit ihren simplen, immer wieder eingehämmerten Parolen Vertrauen entgegen gebracht wird: Das scheinen schließlich Leute zu sein, die sich ihrer Sache sicher sind. Ein Alpha-Männchen unterstreicht seinen Status, indem es klar die Richtung vorgibt. Wer Alternativen in Erwägung zieht, abwägt, einen Vorschlag begründet, ohne dessen ebenso vorhandene Nachteile zu verschweigen, und lediglich als besten Kompromiss empfiehlt, beweist damit nur seinen niedrigeren Status. In Talkshows ist ein solcher Politiker chancenlos, denn er wird unweigerlich unterbrochen, bevor er auch nur einen Gedankengang zu Ende bringen konnte. Talkmaster, die provokativ komplexe Fragen stellen, wissen komplexe Antworten keineswegs zu schätzen. Intelligenz, Wissen und Ehrlichkeit gelten auch beim Publikum nicht als wünschenswerte Eigenschaften, sondern als letzte Zuflucht derjenigen, denen es an der Authorität der Alphas mangelt.
Wenn also hohle Werbeparolen auf uns einprasseln, während wir mit nützlichen Informationen kurz gehalten werden, hat das denselben Grund wie der Aufstieg populistischer Parteien, die uns doch an der Nase herumführen: Wir haben es so gewollt.





