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Photoshop-Festival geht zu Ende

Photoshop-Festival

Photoshop-Festival | Foto und Montage: Doc Baumann

Photoshop-Festival? Welches Photoshop-Festival? Nie davon gehört! Dabei kennen Sie es bestens, und wenn Sie nachher zur Bundestagswahl gehen – oder vielleicht schon nach dem Ankreuzen des Stimmzettels zurück sind –, haben Sie sich sogar aktiv daran beteiligt. Das Wort zum (Wahl-) Sonntag von Doc Baumann.

Wenn heute Abend die Parteivorsitzenden danach gefragt werden, warum sie so gut oder so schlecht abgeschnitten haben, werden sie antworten: „Bitte erlauben Sie mir, dass ich – bevor ich Ihre Frage beantworte – zunächst all denen ausdrücklich danke, die sich mit bewunderungswürdiger Energie im Wahlkampf für uns engagiert haben.“ Und so weiter und so fort.

Man kennt das aus zurückliegenden Wahlen. Ein besonders wichtiger Wahlhelfer jedoch, der ganz unparteilich allen unter die Arme greift, wird nie erwähnt. Das ist traurig, unfair und lieblos. Schließlich verdanken die Kandidatinnen und Kandidaten ganz persönlich ihm einen großen Teil ihres Erfolgs. Viele Stimmen wären ohne ihn an andere Bewerber gegangen. Sein Name: Photoshop.

Wir alle wissen, wie die Gesichter auf den Plakaten und Broschüren eigentlich aussehen. Genau genommen wissen wir nicht einmal das, denn was wir im Fernsehen zu sehen bekommen, ist auch nur das Arbeitsergebnis professioneller Visagistinnen. Eine Chance auf die ungeschminkte Wahrheit hätten wir vielleicht als Zuhörer einer Wahlkampfveranstaltung unter freiem Himmel nach einem heftigen Platzregen. Aber da ständen wir dann wahrscheinlich so weit hinten, dass wir wieder nichts erkennen können.

Es läuft in der Politik wohl wie im Profi-Sport: Wenn fast alle dopen, hat man keine reale Chance aufs Siegertreppchen, wenn man nicht mitzieht. Wenn einige Kandidat/innen digital glattgebügelt von den Plakatwänden lächeln, faltenfrei, ohne Hautunreinheiten oder sonst irgendetwas, das das ästhetische Ideal ankratzen könnte, bleibt den anderen irgendwann kaum etwas anderes übrig, als ebenfalls die Digitalretusche über sich ergehen zu lassen.

Und so ist Wahlkampf längst weltweit zu einem Photoshop-Festival geworden, bei dem nicht nur – vorgeblich oder tatsächlich – russische oder andere Hacker die Ergebnisse zu manipulieren versuchen – die digitale Manipulation durch Photoshop ist inzwischen selbstverständlich geworden und muss sich kaum noch wegen damit einhergehender Peinlichkeit verbergen. Wenn’s doch alle machen …

Kein Wunder, dass auf diese Weise immer mehr ihr Gesicht verlieren und das Ganze mitunter kaum noch von Produktwerbung zu unterscheiden ist. So habe ich mich lange gewundert, warum überall auf Großwandplakaten eine Oberhemdenwerbung mit einem dynamischen jungen Mann zu sehen ist, ohne dass der Hersteller dort auch sein Markenzeichen platziert. Bis ich irgendwann mal an der Ampel Zeit hatte, den Text zu lesen und feststellte, dass es um die FDP geht.


Keine Wahlempfehlung


Obwohl ich sehr genau weiß, was ich wählen werde und warum, werde ich mich hüten, hier eine Wahlempfehlung abzugeben. Ich kann Ihnen nur verraten, dass ich gewiss nicht die AfD wählen werde, deren Programmpunkte allen meinen Ansichten und Werten zuwiderlaufen und zum Teil auch noch auf sachlich falschen Behauptungen beruhen.

Dennoch möchte ich Ihnen etwas gestehen: Als ich das sogenannte TV-Duell zwischen Merkel und Schultz angesehen hatte, hatte ich jenseits aller politischen Differenzen das angenehme Gefühl, in einem Land zu leben, in dem sich die Spitzenkandidaten der beiden größten Parteien über bestimmte grundlegende Werte einig sind und gewisse Entwicklungen – außen- und innenpolitisch – in ähnlicher Weise sehen.

Man schaue nur in der Welt herum und stelle sich vor, man habe den Wahltag verschlafen, erwache am nächsten Morgen und erfahre aus der Zeitung, dass man plötzlich in einem fremden Land lebt, wie es rund der Hälfte der Bevölkerung in den USA, in der Türkei, Ungarn oder Polen ergangen sein wird. Ein Alptraum, schnell zurück ins Bett und die Decke übern Kopf. Und beim nächsten Aufstehen merken, dass der Alptraum noch immer nicht vorbei ist und man die nächsten Jahre unter Bedingungen wird leben müssen, die man nie für möglich gehalten hätte.

Vielleicht war meine Empfindung nach dem TV-Duell auch ein Anflug von Altersmilde, aber das Gefühl habe ich abgeschwächt noch immer. Andererseits wurde mir schnell klar, dass es hier vor allem um Wahlkampf geht, um das Gewinnen von Wählerstimmen. (Aber immerhin: Man rechnet damit, dass diese Aussagen geteilt werden – im ursprünglichen Sinne, nicht auf Facebook.) Doch die alltägliche Wirklichkeit in dem Lande, „in dem wir gut und gerne leben“ und uns nach „sozialer Gerechtigkeit“ sehnen, ist allzu oft eine ganz andere. Die Liste der politischen Entscheidungen, die den im Duell vorgetragenen Absichtserklärungen zuwiderläuft, ist schier endlos –  im Bund und in den Ländern von Regierungen entschieden, in denen die beiden großen Parteien federführend sind. Und dort, wo kleinere Parteien mitregieren, sieht es unterm Strich oft auch nicht viel besser aus.

Eines immerhin werde ich Ihnen  verraten: Ich werde das tun, was ich schon immer gemacht habe, seit ich wahlberechtigt bin: Meine Erst- und Zweitstimme splitten und meine Erststimme zähneknischend und taktisch der Partei geben, die ich für das geringere Übel halte und deren Kandidat/in im Wahlkreis eine realistische Chance hat. Freuen werde ich mich am Wahlabend über das Ergebnis sowieso nicht – nur in unterschiedlichem Grade, je nach Ausgang, ärgern.

Nach Abschluss des Photoshop-Festivals dürfen sich die Retuscheure dann wieder Erfreulicherem zuwenden.

 

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