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KI-Foto-Assistenten: Einfach nur noch auslösen?

Auf der innovativen Plattform Kickstarter bin ich über ein Kamerazubehör namens Arsenal gestolpert. Dabei handelt es sich um ein Gerät für Canon-, Sony-, Nikon- und Fuji-Kameras (Alle unterstützten Modelle), das es dank KI-Unterstützung jedem Fotografen ermöglichen soll, unter allen Bedingungen, das Beste aus der eigenen DSLR oder spiegellosen Systemkamera zu holen. Muss sich der Anwender damit bald gar nicht mehr mit Blende, Verschlusszeit, ISO, Fokus & Hyperfokaldistanz, Belichtungsreihen und Fokusstacks auseinandersetzen, sondern einfach nur den digitalen KI-Foto-Assistenten auf die Kamera schrauben und per Smartphone auslösen?

KI-Foto-Assistenten

Arsenal verspricht, dem Fotografen all die lästigen Einstellungen abzunehmen, die er für ein optimales Foto benötigt. Abbildung: witharsenal.com


KI-Foto-Assistenten: Ein Joke?


Als ich den Anfang des Promovideos gesehen hatte, hielt ich den KI-Assistenten Arsenal kurz für einen Aprillscherz. Dort wird nämlich das Einfachste überhaupt durch das Gerät eingestellt, für das jede Kamera heutzutage bereits ausreichend Automatiken an Bord hat: Blende, Verschlusszeit und ISO. Und der Fokus natürlich.

Der Zusammenhang und die Auswirkung dieser drei Werte sollten für jeden, der schon etwas länger fotografiert eigentlich sonnenklar sein: Mit der Blende beeinflusst man die Schärfentiefe (aber auch die Abbildungsleistung eines Objektivs). Die Verschlusszeit lässt bewegte Elemente verwischen oder einfrieren. Und mit der ISO-Stellschraube kann man bei wenig Licht die Empfindlichkeit der Kamera hochschrauben, um überhaupt das gewünschte Bild (wenn es dunkel ist oder sich Elemente schnell bewegen) machen zu können – was mit erhöhtem Rauschen erkauft. Alle drei Parameter und auch den Fokus kann man manuell einstellen oder sich von der Kamera dabei mehr (beispielsweise P-Modus + Autofokus) oder weniger (zum Beispiel A-Modus und Fokus-Peaking beim manuellen fokussieren) helfen lassen.


KI-Foto-Assistenten: Kein Joke.


Letztlich geht es – rein technisch – nun darum, für jedes Motiv den besten Kompromiss zwischen Blende, Verschlusszeit und ISO zu finden, sowie möglichst viel oder möglichst wenig ( = nur das Motiv) scharf zu bekommen.

Offensichtlich sind davon viele Leute überfordert oder sie interessieren sich für die Zusammenhänge schlicht nicht.

Anders kann ich mir nicht erklären, dass Kompaktkameras teilweise schon mehr Motivprogramme, als manche Bücher Seiten haben, aufweisen. Da gibt es welche für Personen, Personen im Gegenlicht, Personen bei Sonnenuntergang, Kinder, Berge, Seen, Tiere – am besten getrennt nach Hunden und Katzen – und so weiter.

KI-Foto-Assistenten

Mein Pocket-Kamera hat ungezählte Motiv-Programme für Gelegenheitsfotos. Foto: Handyknipsbild 😉

Offensichtlich besteht also ein Bedarf an möglichst einfachen Automatiken, für die keinerlei Lernbedarf vorausgesetzt werden soll. In diese Kerbe schlägt offensichtlich auch das Arsenal-Gerät, denn das Crowdfunding-Projekt war bei einem Zielbetrag von 50000 $ im Handumdrehen bei den inzwischen fast schon drei Millionen Dollar! Und die ersten Geräte wurden schon an die Frühbesteller ausgeliefert.


KI-Foto-Assistenten: Sinnvoll?


Nachdem ich mir das Promovideo weiterangesehen hatte, war klar, dass das Gerät noch mehr Funktionen als eine reine Motiverkennung mit automatischer Anpassung der Kamera-Parameter hat. Es hilft beim Optimieren von Fotoserien für Szenen mit hohem Kontrast, für das Fokus-Stacking, für Langzeitbelichtungen und Timeplapses – alles ganz nett, ja. Vieles nehmen einem die aktuellen Kameras aber auch ohne dieses Gerät bereits ganz ohne Motivprogramme ab: Augen-/Gesichtserkennung, Belichtungsautomatiken, Intervallaufnahmen, HDR und so weiter. Meine derzeitige D850 hat auch einen Focus-Stacking-Modus on board. All das lässt sich schnell und unkompliziert und bei manchen Kameras auch schon per App einstellen, wie es Arsenal auch ermöglicht. Dafür braucht man den KI-Assistenten also nicht wirklich (mir gefällt aber dafür die Oberfläche der App und die offensichtlich schnelle Verbindung zur Kamera (zu Nikons rudimentärer SnapBridge-App sag ich jetzt mal lieber nix).

Damit steht und fällt alles mit der versprochenen Fähigkeit der KI, die erkannte Szene anhand der für das Machine Learning ausgewerteten Bilder zu optimieren. Wird das gut funktionieren? Entsprechen dann die Einstellungen wirklich dem, was dem Fotografen gerade vorschwebt?

Die letzte Frage ist doch das Entscheidende: Will ich wirklich Fotos machen, wie sie zu Tausenden bereits in den zugrundeliegenden Bilddatenbanken schlummern? Dann wird der KI-Foto-Assistent wahrscheinlich sehr oft die richtigen Einstellungen wählen. Aber er kann dem kreativen Fotografen nicht in den Kopf schauen. Vorerst bleiben KI-Foto-Assistenten deshalb wohl eher ein möglicherweise nützliches Hilfsmittel – das ich aber im Auge behalten werde.

Beste Grüße,

Olaf

Olaf Giermann

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  1. frank.ho

    Hallo

    spannend ist an Arsenal, dass sich auch „betagte“ Kameras mit aktuellen Features nachrüsten lassen.
    Gaaaanz neu und suuuper innovativ bei der Nikon D850 ist ja die Focus-Stacking Möglichkeit, genauso wie bei der neuen Firmware der Fujis. Bei Canon brauchte man dafür (nur bei den möglichen Modellen) die gehackte Firmware Magic-Lantern, ob Sony da überhaupt was bietet hab ich gerade nicht auf dem Schirm.

    Dieser schon ältere Hut ist bei Arsenal mit allen verfügbaren, auch älteren, Modellen möglich.
    Schaut man sich die Liste an, dann kann das eine Alternative zu einem Kameraneukauf sein.
    https://witharsenal.com/supported-cameras

    Den Hammersucher der D850 gibts natürlich nicht von Arsenal….

    Grüsse
    Frank

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