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Beauty-Face-Modus: Ein-Klick-Selbstoptimierung

Samsung bietet eine Kamera-App mit Beauty-Face-Modus an. Hurra! Sie formt Porträtfotos mit einem Klick nach dem gängigen Schönheitsideal. Man kann sich das etwa wie bei der automatischen Rechtschreibkontrolle vorstellen: Was nicht der Norm entspricht, wird korrigiert. Doc Baumann versucht, sich die Zukunft der Fotografie mit eingebauten Perfektionierungs-Algorithmen vorzustellen.

Beauty-Face-Modus: Schönheitsideal heute

Porträt-Gemälde: Rembrandt 1632 (Getty Museum LA) / „Optimierung“: Doc Baumann

Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Perfektionierung künftiger Fotoapparate darin bestehen würde, automatisch HDR-Reihen aufzunehmen und aus den Teilbildern eine Gesamtaufnahme mit breitem Kontrastumfang zu berechnen. Keine ausgefressenen Lichter mehr, keine zugelaufenen Tiefen. Alles wunderbar ausgewogen und detailgenau durchzeichnet. Aber da sich das Bildermachen zunehmend von der Kamera auf das Smartphone verlagert, bietet sich angesichts dessen Rechenpower an, statt fotografisch sinnvoller Features massentaugliche Spielereien zu programmieren, mit denen sich bevorzugt das wichtigste Objekt im Universum verschönern lässt: ICH! (Ich meine natürlich nicht mich, sondern die Fotografierenden.)

Den unnötigen Neuheiten dieser Welt begegne ich zum ersten Mal oft auf der Piazza di Spagna in Rom, am Fuß der Spanischen Treppe. Vor ein paar Jahren liefern die Verkäufer dort plötzlich mit merkwürdigen Teleskopstäben herum, die am oberen Ende in einer Art Zwille endeten. Ich vermutete damals (weil das ebenfalls zum Angebot der fliegenden Händler gehörte), das sei eine Art Abschussapparatur, mit deren Hilfe man leuchtende Objekte in die Luft schießen könnte, die danach hubschrauberartig zu Boden torkelten.

Gelegentlich gibt es dort halbherzige Razzien. Dann kommen ein paar Polizisten angelaufen, um den Händlern ihr Handwerk zu legen. Bis auf Ausnahmefälle ist das völlig vergeblich, denn eine weitere Funktion von Smartphones besteht darin, dass schmierestehende Kollegen warnende Anrufe absetzen, woraufhin alle Waren in Sekundenschnelle in Decken gepackt werden und die Händler in rekordverdächtiger Eile in den dunklen Gassen der Umgebung verschwinden.

Im Nachhinein habe ich mir oft gewünscht, die Beamten hätten alle Waren beschlagnahmt und vernichtet, und die Welt hätte nie etwas von der Existenz dieser Teleskopstöcke erfahren. Denn diese erwiesen sich bald als eine der Plagen des 21. Jahrhunderts und waren keineswegs Abschussgeräte für Minihubschrauber, sondern natürlich Selfie-Sticks.


Selfies sind zwar überflüssig, haben aber wenigstens einen gewissen Belegcharakter


Selbstporträts sind nichts Neues – es gibt sie seit Jahrhunderten. Auch Kameraherstellern ist das grundlegende Bedürfnis nicht unbekannt, mitunter die eigene Person zum Objekt eines Fotos zu machen, was sich am Selbstauslöser zeigt. Aber die narzisstische Manie, sich der eigenen Existenz dauernd durch deren fotografische Dokumentation zu vergewissern und dieses tiefgreifende Erlebnis umgehend mit dem Rest der Social-Media-Gemeinde teilen zu müssen, sagt wohl mehr über die Selfie-Produzenten aus, als ihnen lieb sein kann.

Nun waren diese Aufnahmen bisher in der Regel – sofern nicht manipuliert – immerhin noch eine Dokumentation der Anwesenheit von X am Ort Y zum Zeitpunkt Z. Ob das irgendwen interessiert (oder interessieren sollte), ist zweitrangig. Dank Mobil-Flatrates lassen sich die Server so prächtig zumüllen. Die Fotos sind zwar überflüssig, haben aber wenigstens noch einen gewissen Belegcharakter. Das ist nun dank der Samsung-App endgültig vorbei. (Wobei die Firma nicht die einzige ist, die die Menschheit mit solchen Produkten beglückt.) Noch muss man den „Beauty-Face-Modus“ mühsam aufrufen; es wird aber nicht lange dauern, bis man in den Vorgaben wählen kann, dass grundsätzlich jedes Foto mit diesen Algorithmen optimiert wird.

Wobei „optimiert“ bedeutet, dass am Ende alle fast gleich aussehen. König Heinrich VIII. war ziemlich enttäuscht, als er seine Braut Anna von Kleve das erste Mal leibhaftig erblickte. Er hatte seine Heiratsentscheidung zuvor nur auf der Grundlage eines Gemälde-Porträts von Hans Holbein d.J. getroffen. Man kann sich die künftigen Tragödien, Tragikomödien und Frustrationen vorstellen, wenn sich Menschen zu einem ersten Date verabreden und vom jeweils anderen nur die per App glattgebügelte Beauty-Face-Variante kennen. Da dürften einige Tränen fließen und Persönlichkeiten zerrüttet werden.


Bedauernswerte Menschen, von denen man zuvor nur ihre im Beauty-Face-Modus optimierte Version gesehen hat


Ich versuche mir vorzustellen, was geschehen mag, wenn man vor einem Museumsbesuch vergisst, die Voreinstellungen des Smartphones zu ändern und etwa im Getty Museum in Los Angeles Rembrandts Mädchenporträt von 1632 fotografiert. Mit dem Ergebnis (siehe Illustration oben) ließe sich unter streng kunsthistorischen Kriterien jedenfalls nicht mehr viel anfangen. Sehr viel anders ist es mit den bedauernswerten Menschen auch nicht, von denen man zuvor nur ihre Beauty-Version gesehen hat.

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  1. OttoHeinz

    Ich finde es einer Fachzeitung wie DOCMA unwürdig sich über solche Apps zu ärgern. Und was die Selfie-Sticks anbetrifft, da möchte ich mit Paracelsus antworten: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.

  2. Misdemeanor

    Ich dagegen finde es amüsant. Hier ist man menschlich und die Gefühle, die beim Schreiben spürbar werden, sind für mich absolut nachvollziehbar. Vielleicht fehlt es Ihnen einfach an Empathie?

    • lillimax

      Danke!
      Es tut von Zeit zu Zeit gut, zu wissen, nicht alleine zu sein. Würde gerne in 100 Jahren noch einmal vorbei schauen, wenn das Dielektrikum der Nicht-Egomanen ausgestorben ist und Egomanen notwendigerweise nur noch auf Egomanen treffen. Nach der Mittelinitiale wird es dann noch den Doppelnamen für Selbstverheiratete geben, also Jens D. Schmitz-Schmitz. Eigenallergiker gibt es ja schließlich auch.

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