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Starke Männer

Starke Männer
Grafik: Doc Baumann

Ich kann es – und will es – nicht nachvollziehen: Warum gibt es überall Menschen, die die Möglichkeiten demokratischer Beteiligung begeistert auf den Müll werfen, jubelnd auf eigene Rechte verzichten und sich nach einem starken Mann sehnen, der alles regelt?

Ich muss gleich mal wieder mit einer Warnung einsteigen: Im Folgenden geht es um Politik, nicht um Bildbearbeitung. Der kleinste gemeinsame Nenner wären „Mannsbilder“. Also bei mangelndem Interesse bitte nicht weiterlesen und hinterher über die verlorene Zeit schimpfen.

Klar, man könnte das sensibel mit Sozialisationsschäden zu erklären versuchen. Überstarker Vater, oder vielleicht auch das Gegenteil, das Fehlen eines solchen und daraus folgend die Sehnsucht nach Autorität und Leitung. Aber wer solche Probleme hat, sollte zum Psychiater gehen und seine Defizite nicht in der Wahlkabine austoben. So lange es eine solche noch gibt. Wer nach einem starken Mann ruft, nimmt ja nicht nur in Kauf, dass Wahlen abgeschafft werden, sondern arbeitet gezielt darauf hin.

Immanuel Kant beantwortete vor rund 230 Jahren die Frage danach, was Aufklärung sei, mit den Worten: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Nun muss man fairerweise zugestehen, dass nicht jede Unmündigkeit eine selbstverschuldete ist. Ich habe insgesamt über ein Jahr lang in den USA gelebt und dort mitbekommen, was die Menschen aus den allgemein zugänglichen Medien (TV-Nachrichten, Tageszeitungen) erfahren. Kurzgefasst: Dass es außerhalb des eigenen Landkreises oder jedenfalls außerhalb des Landes noch eine Welt gibt, kann man so erahnen – viel darüber lernen kann man dagegen nicht.

Natürlich gibt es andere Medien. Aber das Verlangen, sich auch aus denen zu informieren, muss erst einmal entstehen.


Starke Männer gegen Pressefreiheit


Noch gibt es in den USA eine freie Presse. Und indem sie ihre verfassungsmäßig garantierte Freiheit in die Tat umsetzt, wird sie für den neuen starken Mann Trump automatisch zum Feind. Man kann nicht unbeschwert lügen – oder treffender: auf die Wahrheit scheißen –, wenn einem das ständig vorgehalten wird und Faktenchecks das Gegenteil des Behaupteten belegen.

Anderswo gibt es keine freie Presse. In der Türkei etwa sitzen rund 150 Journalisten im Gefängnis, weil sie es gewagt haben, Machenschaften des dortigen starken Mannes aufzudecken und seine Pläne zu kritisieren. Erdogan lässt alle aus dem Weg räumen, die seiner angestrebten Alleinherrschaft im Weg stehen. In Polen und Ungarn ist es noch nicht ganz so schlimm, da laufen Repressionen erst mal noch über Entlassungen und Einschüchterung.

Da jeder auf Medien der einen oder anderen Art angewiesen ist, ist er ohne freie Presse gar nicht in der Lage, die nötigen Informationen zu erhalten, um eine unabhängige Sicht der Dinge zu entwickeln. Die Kantsche selbstverschuldete Unmündigkeit muss hier also zum Teil in Frage gestellt werden.

Wir sind ja nur eine kleine Fachzeitschrift für Bildbearbeitung, Fotografie und Photoshop. Unser Magazin käme gut über die Runden, ohne politisch Stellung zu beziehen. Ich schreibe hier und mitunter im Editorial des Heftes meine persönliche Meinung, auch zu politischen Fragen, aber mit unserem eigentlichen Schwerpunktthema könnten wir wohl selbst in der Türkei überleben und würden nicht ins Blickfeld Trumps geraten, wenn wir in den USA erschienen.

Dennoch sind alle Journalisten, die entlassen, eingeschüchtert, beschimpft, verleumdet, verhaftet und nicht selten auch ermordet werden, unsere Kollegen – nicht nur Deniz Yücel. Wir spielen zwar in einer anderen Liga, aber wir sind Teil der Medienlandschaft. Und spätestens dann, wenn wir einmal eine gefälschte Bildmontage entlarven müssten, mit der Politiker repressive Maßnahmen begründen möchten, gerieten auch wir unter entsprechenden staatlichen Rahmenbedingungen ins Fadenkreuz.

Man kann, darf und muss Medien wegen falscher Nachrichten kritisieren. Das dürfen auch Trump, Erdogan und Co. Aber es reicht nicht, den Vorwurf erlogener Fake News schlicht umzudrehen und entgegen erwiesener Fakten unangenehme Wahrheiten als Lügen anzuprangern. Und ihre Anhänger unterstützen begeistert die Abschaffung der Pressefreiheit, um sich selbst der Möglichkeit zu berauben, kritische Informationen zur Kenntnis nehmen zu können.


Wer braucht starke Männer?


Doch zurück zu den starken Männern. Gegen wen sollen die ihre Stärke ausspielen – gegen welche Kräfte, angesichts derer eine demokratisch gewählte und kontrollierte Regierung zu schwach wäre? Wie können Menschen den Wunsch haben, eigene Rechte aufzugeben, damit der starke Mann irgendwas umsetzen kann? Selbst, wenn der dann Vorstellungen kompromisslos durchsetzt, die der jeweilige Wähler hat – warum dann nicht demokratisch kontrolliert, wenn er doch die Mehrheit der Wähler hinter sich hätte?

Interessant im Falle Erdogan ist ja der pseudodemokratische Weg zur Alleinherrschaft. Nicht über einen Staatsstreich, sondern vom Volk so gewollt. (Lässt man mal außer Acht, dass das Volk nur noch mit solchen Informationen versorgt wird, die diesen Weg nahelegen, während die anderen Medien dicht gemacht wurden und die Journalisten im Knast sitzen.) Käme er damit durch, könnte er sich darauf berufen, er habe lediglich seine Bereitschaft bekundet – gerufen aber habe ihn das Volk.

Ebenfalls bemerkenswert: Das kurzfristige Interesse an autokratischer Sultansmacht wird in der Verfassung festgeschrieben – aber haben sich die darob Jubelnden schon mal Gedanken darüber gemacht, dass dereinst zum Beispiel ein linker, islamkritischer und kurdenfreundlicher Kemalist an die Regierung kommen könnte, der sich auf die durchgepeitschten, nun verfassungsmäßigen Herrschaftsrechte berufen könnte und am Parlament vorbei, das sich dann ja erfolgreich selbst entmachtet hätte, auf dem Wege von präsidialen Erlassen seine Macht ausüben würde?

Was bringt Türken, die in Deutschland leben und lange Jahre Erfahrungen mit unserer – gewiss verbesserungsbedürftigen – Demokratie gemacht haben, dazu, den hierzulande auftretenden Verfechtern des erdoganschen Ermächtigungsgesetzes zuzujubeln? Sie nehmen gleichzeitig die hier gewährleistete Freiheit der politischen Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit in Anspruch und stimmen dafür, dass eben jene in ihrem eigenen Land abgeschafft werden. Versuche mal einer, das Kant zu erklären!


Starke Männer und ihre Schwächen


Wehe, solchen starken Männern wird irgendetwas in den Weg gelegt, das ihren Vorstellungen zuwiderläuft. Trump muss sich damit auseinandersetzen, ob er will oder nicht, dass verschiedene Männer seines Stabes zu Wahlkampfzeiten Kontakte zu Russland hatten. Das muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass sie dabei die einhellig von den US-Geheimdiensten Russland zugeordneten politischen Einflüsse über das Web zugunsten der Republikaner besprochen haben – die Möglichkeit jedoch besteht und muss geklärt werden. Doch was tut der Herr Präsident? Er ruft ebendiese Geheimdienste (denen er noch kurz zuvor Lügenkampagnen unterstellt hatte) zu Hilfe und klagt, in seinem Land herrschten ja schon Zustände wie in Nazi-Deutschland. No, Sir – noch nicht! Aber Sie werden das schon schaffen, mit den Möglichkeiten eines zeitgemäßen, weichgespülten Faschismus.

Nazi-Zustände entdeckt auch Erdogan; freilich nicht im eigenen Land, wo die Gefängnisse überquellen, missliebige Beamten entlassen und verhaftet werden, die Medien gleichgeschaltet sind und er selbst auf dem Weg zum Autokraten ist, sondern hier in Deutschland, wenn er für seine Propaganda nicht bereitwillig die Bühne überlassen bekommt, die er zu Hause all denen verweigert, die seinem Machthunger im Wege stehen.

Als Deutscher ist man vielleicht angesichts der nationalen Vergangenheit ein wenig sensibler, aber was Alleinherrscher anrichten, sollte man auch anderswo mitbekommen haben. Ich verstehe weder die einen noch die anderen. Nicht die Möchtegern-Diktatoren, die glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben (woran man zweifeln muss, wenn sie mit Lügen und Gewalt untermauert werden muss) – schon gar nicht aber jene, die sie wählen und sich damit ohne Not in die selbstverschuldete Unmündigkeit begeben.

 

Vielleicht – ein trauriger und egoistischer Gedanke – haben diese rückwärts gerichteten Entwicklungen im Osten und Westen für unser eigenes Land ja wenigstens einen Vorteil: Dass die Wählerinnen und Wähler in Deutschland merken, wohin die Reise ginge, wenn politische Kräfte mit solchen Programmen an die Macht kämen.

 

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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6 Kommentare

  1. Guten Morgen Doc,
    danke für den guten und umfassenden Kommentar – der gehört eigentlich als Leitartikel in jede relevante Zeitung. Die starken Ego-Männer und ihr „Nach mir die Sintflut“ – ein einziger Aberwitz. Und ja – auch diese Männer sind sterblich und hinterlassen dann ein Land mit einer Verfassung, die jedem radikalen Arsch legale Mittel in die Hand gibt, bei einer Regierungsübernahme tun und lassen zu können was er will. Ohne Kontrolle. Ohne Konsequenzen. Nach dem Gesetz. Der Gedanke ist einfach furchtbar (Bürgerkriege möglich und wahrscheinlich). Und die Geschichte gibt doch nun wirklich genug Beispiele, das eine Katastrophe immer lauert, das das Recht nur noch Recht des Stärkeren wird und das die Schreihälse, Demagogen und guten Redner jeglichen Menschenverstand ausradieren. Auf Netflix gibt es seit kurzem die sehr interessante Doku „Hitler – eine Karriere“ von 1977 – ein Lehrstück in Sachen Aufstieg aus dem Nichts zum geliebten, starken Mann. Die Parallelen zu heutigen Entwicklungen sind erschreckend – es gruselt einen förmlich.

  2. Hallo Doc Baumann,
    ich freue mich jedes mal, wenn ich die DOCMA bekomme. Würden deine persönlichen Ansichten fehlen, ginge mir auf jeden Fall etwas ab. Kleine Fachzeitschrift hin oder her, es ist eure Plattform in der ihr über den Tellerrand schauen könnt und das auch schreiben dürft. Bleibt bei euren kritischen Ansichten und helft so auch mit an die Presse- und Meinungsfreiheit zu erinnern und diese zu erhalten. Deshalb weiter so!

  3. „Vielleicht – ein trauriger und egoistischer Gedanke – haben diese rückwärts gerichteten Entwicklungen im Osten und Westen für unser eigenes Land ja wenigstens einen Vorteil: Dass die Wählerinnen und Wähler in Deutschland merken, wohin die Reise ginge, wenn politische Kräfte mit solchen Programmen an die Macht kämen.“
    …..
    Naja, die Deutschen werden ja mittels RTL und BILD schon längere Zeit eingeschwungen. Wer glaubt, dass unsere Vergangenheit vor zukünftiger Torheit schützte, irrt – Siehe PEGIDA und Consorten. Das Einzige, was uns noch fehlt, ist doch der Rufer, der starke Mann auf der Bühne.
    Die Annahme oder (schwächliche) Hoffnung, ein neuer Hitler wäre bei uns nicht möglich, ist einfach nur naiv.
    99 % der Bevölkerung wissen nicht einmal, wer Emmanuel Kant war und erst recht nicht, was er uns hinterlassen hat.
    Und vor (echter) Aufklärung haben die meisten regelrecht Angst, weil diese dazu führte, dass das lustige und simple, weil ignorante, Leben ein Ende hätte oder wenigsten das Risiko dafür birgt.
    Es gibt dazu ein sehr passendes Filmzitat (beachtlicherweise eines sehr guten deutschen Films): »Die Freiheit ist ein Geschenk, dass sich nicht jeder gern machen lässt.«
    Luzi (Paula Beer) im Film »Das Finstere Tal«

  4. Hallo Doc, Ihren Artikel habe ich mit großen Interesse gelesen. Vieles kann ich nur unterstreichen! Danke für diese Worte. Mit sorgenvollen Gedanken – aber mit herzlichen Grüßen Klaus May

  5. Lieber Herr Baumann,
    gern würde ich Ihrem Beitrag uneingeschränkt Beifall zollen. Aber…
    Der von mir sehr geschätzte Kabarettist Georg Schramm brachte im Laufe und – vor allem – gegen Ende seiner Karriere gern folgendes Zitat:
    „(Aber) die vollends aufgeklärte Erde erstrahlt im Lichte triumphalen Unheils.“
    Dieses Zitat findet sich in der um 1947(!) von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verfassten Schriftensammlung: „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“.
    Diesen Text kennen wahrscheinlich nicht nur nicht 99% der Menschen, wie in Bezug auf Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von 1784 von augenblickpunkt.de gemutmaßt, sondern vermutlich nicht einmal 99,99%. Damit möchte ich nicht als arroganter Besserwisser erscheinen. Ich habe die Sprache der beiden Philosophen in vielen Passagen nicht verstanden. Und das ist mir wirklich arg. Ich tät es gern.
    Aber, den wirtschaftlichen Vorsprung, den wir, die westliche Welt, seit Beginn der Industrialisierung halten und ausbauen und militärisch gesichert haben, hatte und hat seinen Preis: Kolonialisierung, Hitlerfaschismus, Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, Korea- und Vietnamkrieg, Massaker in Runda/Burundi, ….
    In seinem Buch „Wer regiert die Welt?: Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“ entwickelt Ian Morris ein Bild der Menschheitsgeschichte, deren Wesen er als ein stetes Massaker, angerichtet von wechselnden Machtzentren beschreibt. Die Phasen der Ruhe und des Wohlstands erscheinen als Inseln im historischen Gemetzel und als Privileg der jeweils Überlegenen. Aber eben nicht Besseren.
    Das macht mich traurig, immer wieder und immer mehr.
    Abschließend noch mal ein Zitat aus „Dialektik der Aufklärung – Adorno/Horkheimer 1947, S.36“:
    „Der technische Prozess, zu dem das Subjekt nach seiner Tilgung aus dem Bewußtsein sich versachlicht hat, ist frei von der Vieldeutigkeit
    des mythischen Denkens wie von allem Bedeuten überhaupt, weil Vernunft selbst zum bloßen Hilfsmittel der allumfassenden Wirtschaftsapparatur wurde. Sie dient als allgemeines Werkzeug, das zur Verfertigung aller anderen Werzeuge taugt, starr zweckgerichtet, verhängnisvoll wie das genau berechnete Hantieren in der materiellen Produktion, dessen Resultat für die Menschen jeder Berechnung sich entzieht. Endlich hat sich ihr alter Ehrgeiz, reines Organ der Zwecke zu sein, erfüllt.“
    In dem Maße, wie wir unsere moralischen Werte anderen abverlangen, müssen wir uns wohl unserer eigenen Vergehen schämen. Was bleibt, ist das Gemetzel, vor der Ruhe oder danach – sehr, sehr traurig!
    Manfred Sickmann

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