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Der Feind des Volkes

Feind des Volkes – Hand anlegen, aber richtig

Feind des Volkes
Feind des Volkes Jim Acosta? Handkantenschlag? Nein, eine Video-Fälschung. Acostas angebliches Handanlegen bei einer Assistentin des Weißen Hauses – tatsächlich eine zufällige Berührung – kann kaum mithalten mit der Aufforderung des Präsidenten: Grab them by the pussy! / Foto Frau: Christian Schwier – Adobe Stock, Montage: Doc Baumann

Ein Video aus einer Pressekonferenz des US-Präsidenten zeigt, wie ein Reporter eine Assistentin des Weißen Hauses schlägt. Ein guter Grund, dem aggressiven CNN-Journalisten die Akkreditierung zu entziehen, wie Trumps Pressesprecherin verkündete. Trump bezeichnete ihn als „Feind des Volkes“. Dumm nur, dass sich das Video nach Untersuchungen mehrerer Experten als Fälschung entpuppte. Und überhaupt: Kann denn „Hand anlegen“ in diesem Umfeld wirklich ein Vorwurf sein? Doc Baumann meint: Der Präsident hätte dem frechen Reporter vielleicht Nachhilfe geben sollen, wie man das bei Frauen „richtig“ macht.

Man kann Trump mögen oder nicht. Aber wo er recht hat, hat er recht: Wer Fake News verbreitet, ist ein Feind des Volkes. Und da sage noch einer, dieser Mann sei unfähig zu Selbstkritik!

Was machen Schnitt-Techniker bei einem Spielfilm, um Autos scheinbar mit irrwitziger Geschwindigkeit über den Asphalt rasen zu lassen? Sie lassen die Sequenz einfach schneller ablaufen, wenden also eine Art Zeitraffer an. Umgekehrt, wenn es etwas gemächlicher zugehen soll, als das bei normalen Aktionen der Fall ist, nutzen sie leichte Zeitlupeneffekte.

Auf diese Weise lässt sich eine normale Bewegung als aggressiver Schlag darstellen. Bildfälschung also mal nicht mit Photoshop, sondern mit ganz einfacher Schnitttechnik. Wer schlägt und schubst, ist böse. Wer böse ist, darf nicht mehr an Pressekonferenzen teilnehmen. Und Hand anlegen an Assistentinnen des Weißen Hauses geht schon gar nicht. Mit hartnäckigen Fragen zu Russland-Kontakten des Präsidenten hat das alles natürlich nichts zu tun.

Was war geschehen? Der US-Präsident hatte am 7. November 2018 zur Pressekonferenz geladen. Und wieder begnügten sich einige Medienvertreter nicht mit jubelnder Hofberichterstattung, sondern wagten es, unangenehme Fragen zu stellen. So wollte Jim Acosta von CNN zunächst wissen, wie Trump dazu komme, die viele hundert Kilometer entfernten Flüchtlinge in Mexiko in seinem Wahlkampf als Invasion zu bezeichnen. Der gab keine Antwort, und als Acosta weiter fragte, ob Trump – angesichts der neuen Demokraten-Mehrheit im Repräsentantenhaus – Befürchtungen wegen der Russland-Untersuchung zur Wahlbeeinflussung habe, entgegnete der nur hilflos: „Es ist genug, es ist genug!“

Auf Anordnung Trumps nahm eine Assistentin dem Reporter, der weiter nachfragen wollte und angesichts dieser Bevormundung kurz zögerte, das Mikrofon aus der Hand. In diesem Zusammenhang berührte er sie tatsächlich kurz versehentlich am Arm, worauf er sie unmittelbar mit einem „Sorry, Ma’am“ um Verzeihung bat.Trump kommentierte seine Fragen mit den Worten: „Sie sind eine unhöfliche, schreckliche Person … wenn Sie Fake News verbreiten, wie CNN das häufig macht, dann sind Sie der Feind des Volkes!“

Nochmal zum Mitschreiben: Wer Fake News verbreitet, ist ein Feind des Volkes. Das ist doch mal eine klare – und ausnahmsweise wahre – Aussage.

Um den – angeblich vorübergehenden? – Entzug der Akkreditierung Acostas zu Pressekonferenzen zu rechtfertigen, verwies Trumps Pressesprecherin Sarah Sanders auf ein Video des Vorfalls, das deutlich einen Handkantenschlag des Reporters auf den Arm der White-House-Assistentin zeigt. „Placing hands on a young woman“ nannte sie das.

Das Problem: Dieses Video ist nicht die Originalfassung. Es ist zwar frame-genau gleich lang wie diese – aber nur, weil die kurze Szene des angeblichen „Handkantenschlags“ verkürzt wurde und dafür an der Stelle des Kontakts Hand-Arm ein Frame mehrfach wiederholt wurde, um die Gesamtlänge beizubehalten. Eine Analyse mit deutschen Untertiteln des verfälschenden Schnitts durch einen Video-Experten finden Sie hier.

Bemerkenswert ist auch die Quelle des verfälschten Videos. Es stammt von dem Rechtsradikalen Paul Joseph Watson, der sie auf seiner Fake-News-Website Infowars verbreitete. Interessant, dass die Pressesprecherin des US-Präsidenten auf solches Material zugreift, statt auf die offiziellen Aufnahmen der Szene, die von vielen Kameras gefilmt wurde (nur eben ohne jenen „Handkantenschlag“ zu zeigen).

Wenn das Stellen unangenehmer Fragen zum Entzug der Akkreditierung eines Journalisten führt – was sind dann die Konsequenzen für diejenige, die für die Verbreitung dieser Fälschung verantwortlich ist, die Fake-News-Lady? Oder, mit den Worten Trumps, den Feind des Volkes?


Besonders delikat an dem Vorfall ist allerdings, neben der Fälschung, die Begründung für die Strafaktion. „Placing hands on a young woman“ ist im Weißen Haus ja nun spätestens seit Bill Clinton nichts Ungewöhnliches. Und das bloße Handanlegen kann gerade diesem Präsidenten nicht besonders anstößig erschienen sein – also muss es wohl eher die Stelle des weiblichen Körpers gewesen sein, an der es geschah. Wir alle erinnern uns an Trumps Satz: „Grab them by the pussy!“

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Hans D. Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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