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Fotoprojekt mit Gänsehaut

Für das Fotoprojekt „Im letzten Hemd“ haben sich 50 Menschen mit der Frage beschäftigt, was sie auf ihrer eigenen Beerdigung anziehen. Der Fotograf Thomas Balzer Co-Founder der Künstlergruppe Gotensieben portraitierte alle Teilnehmer aufgebahrt im selbstgewählten letzten Hemd. Das Fotoprojekt „Im Letzten Hemd“, so Thomas Balzer, setzt einen bildmächtigen Kontrapunkt zu den allgegenwärtigen „Selfies“. Das Totenhemd des 21. Jahrhunderts konkurriert mit einer Flut von Bildern und Botschaften. Eine der wesentlichen Lehren für das Leben kann jeder von uns am besten aus der Begegnung mit der Endlichkeit ziehen: Nur in der Limitierung erschließen sich Werte. Das gilt auch für den Wert – und damit am Ende für die Qualität – des Lebens.

Das Fotokunstprojekt „Im Letzten Hemd“ wurde inspiriert und initiiert von Hanna Thiele-Roth und David Roth. Die Geschwister sind Geschäftsführer des Bestattungshauses Pütz-Roth in Bergisch Gladbach. Das Bestattungshaus Pütz-Roth wurde von Fritz Roth gegründet, der bundesweit mit seinen Aktionen für einen besseren Umgang mit Tod und Trauer immer wieder für Aufsehen gesorgt hat.

Als wir auf das Fotoprojekt aufmerksam wurden, bekamen wir Gänsehaut. Wir empfanden es auf den ersten Blick zunächst als makaber, sein „letztes“ Hemd überzuziehen, sich in einen Sarg zu legen und fotografiert zu werden. Auf den zweiten Blick aber ist dies ein mutiges Fotoprojekt vor dem wir inzwischen auch den Hut ziehen. Tiefgang ist angesagt, der für uns unter die Haut geht. Man muss sich intensiv mit dem Tod – auch dem eigenen – auseinandersetzen. Wer macht das schon gern, schieben wir doch den Gedanken an den (eigenen) Tod im Alltag am liebsten ganz weit weg. Wird dann auch noch, wie in diesem Fotoprojekt geschehen, der Tod visuell in einem einzigartigen Bild festgehalten, dann geht das an die Substanz. Der Tod des eigenen Ichs bekommt dann ein greifbares Gesicht. Das rüttelt auf und ob wir selbst die Stärke gehabt hätten, an diesem Projekt teilzunehmen, wissen wir nicht. Selbst die Bestatterin Hanna Roth, die tagtäglich mit dem Tod zu tun hat, ist beim Anblick ihrer Fotografie, wie sie im Sarg liegt, erschrocken. „Mit dem weißen Licht sehe ich tatsächlich aus wie tot“ so Roth. Ihr Foto hat sie daran erinnert, dass sie endlich ist und dass jeder Tag ein Geschenk ist, den man nutzen sollte.

Uns fällt die Betrachtung der Aufnahmen aus dem Fotoprojekt „Im letzten Hemd“ schwer – möglicherweise hängt dies damit zusammen, weil auch wir die Auseinandersetzung mit dem Tod scheuen. Ihn dann auch noch in inszenierten Aufnahmen, die so real wirken, vor Augen geführt zu bekommen, ist herausfordernd aber auch wichtig.

Fotoausstellung „Im letzten Hemd“

18.06. – 30.07.2016

Kunsthalle Ludwig
Königsteiner Straße 61a
65929 Frankfurt/Main

Weitere Infos und Termine unter www.im-letzten-hemd.de

Quelle: www.prophoto-online.de

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