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Kunst: Wollen und Können

Ein frühes Kindheitserlebnis des Doktor Baumann

 

Wollen und Können
Zeichnung von Doc Baumann aus dem Jahr 1955, im Alter von fünf Jahren. Bei solchen Zeichnungen fiel ihm die Kluft zwischen Wollen und Können nicht auf.

 Kennen Sie dieses Gefühl: Sie haben eine Bildidee im Kopf, aber es gelingt Ihnen einfach nicht, sie so umzusetzen, wie sie in Ihrer Vorstellung aussieht? Ob das nun an den gestalterischen Fertigkeiten liegt oder an ihrer technischen Umsetzung, die Diskrepanz zwischen Wollen und Können ist in solchen Fällen nicht zu leugnen. Doc Baumann erzählt Ihnen heute davon, wie ihn dieses Gefühl zum ersten Mal in seinem Leben überfiel.

Immer wieder erlebe ich es, dass ich ein Tutorial für DOCMA vorbereite, stundenlang nach dem geeigneten Ausgangsmaterial suche, alles fertig mache – und am nächsten Tag beim erneuten Draufschauen zu dem Ergebnis komme: So geht das nicht, das kommt nicht rüber – also alles noch mal von vorn. Manchmal ist es nur ein einziges Element in einem ansonsten gelungenen Bild, das – mit etwas zeitlichem Abstand betrachtet – einfach falsch aussieht und alles kaputt macht.

Im Unterschied zu den traditionellen malerischen, grafischen oder fotografischen Verfahren ist es bei der Bildbearbeitung zumindest technisch nicht weiter schwierig, sich genau dieses störende Element vorzunehmen und es nachzubessern. Oft wird es dabei leider nicht besser, sondern noch schlechter. Ich erinnere mich an eine Montage, bei der ich den Mund ersetzt hatte, und am nächsten Tag sprang er mich geradezu an, so einmontiert und falsch sah er aus. Ich suchte nach anderen Mündern, ich malte und retuschierte, ich arbeitete mit „Verflüssigen“ und „Formgitter“; nichts half. Was heute noch annehmbar erschien, brachte mich am Tag danach nur zu resigniertem Stöhnen. Der Abgrund zwischen Wollen und Können hatte sich wieder einmal aufgetan.

In meiner Jugend brachte mich der Satz (den ich später während meines Kunststudiums immer mal wieder hörte) zum herzhaftem Lachen: „Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst hieße sie nämlich Wunst!“ Heute nur noch zum Schmunzeln, höchstens. Übrigens ist es ja nicht so, dass einem das nur bei sich selbst so geht, mit eigenen Bildern. Ob in Museen und Galerien, beim Durchblättern von Bildbänden oder bei den Jury-Sitzungen zum DOCMA-Award: Es gibt störende, unpassende, geradezu falsche Elemente, die einem sofort ins Auge springen, und die sich nicht ignorieren lassen, sondern mitunter ein ganzes Werk entwerten. Das ist übrigens nicht nur bei hoher oder auch niedrigerer Kunst so (was auch immer das ist), sondern bei allen Bildern. Selbst bei einem ganz und gar unbearbeiteten Foto kann es Bereiche geben, die – obwohl in der aufgenommenen Szene real vorhanden – zum auffälligen Störfaktor werden.


Wollen und nicht können: Mein Ur-Erlebnis


Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich mit diesem Gefühl des Versagens konfrontiert, als ich fünf Jahre alt war. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich damals nach einer Mandeloperation im Krankenhaus lag. Ich zeichnete gern und viel; einige bekritzelte Zettelchen, von Mutter oder Großmutter mit datiertem Kommentar versehen, fand ich Jahrzehnte später in einer alten Zigarrenkiste wieder. Ich erinnere mich sogar noch daran, wie ich eines dieser Werke – auf der Rückseite eines Arbeitsamts-Formulars – im Büro meines Vaters auf dem Fensterbrett zeichnete.

Wollen und Können
Wollen und Können: Eine der ersten Zeichnungen von Doc Baumann im Alter von drei Jahren: Porträt seiner Großmutter

Ich lag also in mit schmerzendem Hals in meinem Krankenhausbett. Das von der Krankenschwester versprochene Eis zur Linderung erwies sich als genau das: zu kleinen Bröckchen zermahlenes gefrorenes Wasser. Die erste Enttäuschung dieses Tages.

Meine Mutter hatte mir einen kleinen Papierstapel mitgebracht, die leeren Rückseiten von Arbeitsberichten eines Architekturbüros aus der Vorkriegszeit, dazu einen Bleistift. So konnte ich hier wenigstens meinem geliebten Zeichnen nachgehen. Meine Ergebnisse waren meilenweit von einer naturalistischen Darstellung entfernt, aber das fiel mir weder auf noch störte es mich.

Wollen und Können
Wollen und Können: Straßenszene mit Schaufenster von Doc Bauman aus dem Jahr 1955 – so zeichnete er damals, als ihn die große Enttäuschung überfiel

Und dann kam mir ein Bild in den Kopf, warum auch immer: Ein Bauarbeiter in einem weißen Arbeitsanzug, der ein Brett auf der Schulter trägt. Woher auch immer diese Vorstellung aufstieg, den wollte ich jetzt zeichnen. Ich begann also, die Umrisslinien aufs Papier zu bringen, die in meiner Vorstellung so klar und einfach erschienen. Aber es gelang mir einfach nicht. Ich versuchte es erneut, und wieder war die Kluft zwischen Wollen und Können unüberbrückbar. Ich empfand eine zunehmende Enttäuschung über mich selbst, gepaart mit Wut, Ärger, Traurigkeit. Es wurde einfach nichts. Irgendwann brach ich in Tränen aus und legte Papier und Bleistift frustriert zur Seite.

Jahrzehnte später erlebte ich etwas Vergleichbares. Ein Schlaganfall hatte meinen rechten Arm und vor allem meine rechte Hand lahmgelegt. Die ersten Tage tat sich gar nichts, trotz aller mentalen Anstrengungen. Irgendwann zuckte der Zeigefinger ein paar Millimeter. In den folgenden Wochen verbesserte sich der Zustand immer weiter. Dennoch gelang es mir sehr lange nicht, eine gerade Linie zu zeichnen, lesbar zu schreiben oder gar meine Unterschrift aufs Papier zu bringen. Die geistigen Bilder des Gewollten waren stets vorhanden – das Gezeichnete jedoch hatte nicht viel mit ihnen zu tun.


An das enttäuschende Erlebnis aus meiner Kindheit dachte ich in großen zeitlichen Abständen immer wieder einmal, wobei das, was hängengeblieben war, vor allem jenes tief empfundene Gefühl des Versagens war, Wollen und Können nicht in Übereinstimmung zu bringen.

1996 flog ich nach New York, um mir für die Recherchen zu meinem Roman im Museum of Art den „Großen Kelch von Antiochia“ anzuschauen (um ehrlich zu sein, eigentlich deshalb, weil ich eine Frau besuchen wollte, in die ich mich Hals über Kopf verknallt hatte, als ich sie ein paar Monate zuvor als Model in Florida fotografiert hatte).

Da ich nun schon einmal in diesem berühmten Museum war, besuchte ich natürlich auch andere Abteilungen. Als ich einen der Säle betrat und umherschaute, blieb mein Blick wie gebannt an einem großen Gemälde hängen. Mit eiligen Schritten ging ich darauf zu. Eine Straßenszene. Und da war er: der Bauarbeiter im weißen Anzug mit dem Brett über der Schulter, in einem Gemälde von Balthus aus dem Jahr 1933 „La Rue“.

Ich habe bis heute keine Ahnung, wo ich es als Fünfjähriger gesehen haben könnte. 1955 fand zwar in meiner Heimatstadt Kassel die erste documenta-Ausstellung statt, aber zwischen Giacomo Balla und Eduard Bargheer taucht in der Künstlerliste kein Balthus auf. Und nun stand ich ihm leibhaftig gegenüber: meinem Brett-Träger, der frühen Quelle tiefempfundener Enttäuschung über die Kluft zwischen Wollen und Können.

A Picture of the Artist as a very Young Man: Doc Baumann 1955 – damals noch ohne „Doc“
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Hans D. Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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6 Kommentare

  1. Lieber Doc Baumann,
    der Satz „Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst hieße sie nämlich Wunst!“ stammt übrigens von dem großen Münchner Komiker und Volksphilosophen Karl Valentin ca. 1920. Zu Ihrem Artikel passt auch noch ein weiterer Spruch von Karl Valentin: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“.
    herzliche Grüße aus der Valentin-Stadt München
    Herbert Becke
    http://www.derbecke.de

  2. Lieber Doc, du hast wenigtens noch ein paar deiner Kritzelein. Meine sind alle verschwunden. Was ich sehr bedauere. Denn als kleines Mädchen habe ich alltägliche Szenen unseres Dorflebens festgehalten. Auf der Rückseite abgerissener Blätter vom Tageskalender.
    Wer und warum meine Kunstwerkchen vernichtet hat, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise war ich es sogar selber. Als Teenager. In diesem Alter schätzt man die eigenen Kinderkreationen nicht mehr …
    Heute habe ich die eine oder andere Zeichnung nur noch im Kopf und sonst nirgendwo. Schade!
    Herzliche Grüße vom Ammersee – Renate

  3. Michael Slezak
    Ich habe Dutzende dieser kleinen Gemälde meines Ziehsohnes, erstellt bis etwa zu seinem fünften Lebensjahr, gesammelt und aufgehoben. Schon damals haben sie mich fasziniert und erfreuen mich heute noch. Er selbst, allerdings, steht seinen frühen Werken eher distanziert gegenüber …
    Danke für den schönen Artikel!

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