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Gnadenlose DOCMA-Award-Jury?

Gnadenlose DOCMA-Award-Jury

Gnadenlose DOCMA-Award-Jury? / Foto: Christoph Künne

Weit über tausend Werke wurden auch 2017 wieder zum DOCMA Award eingereicht. Übrig bleiben davon am Ende ein paar preisgekrönte Bilder und weitere zwei, drei Dutzend, die bei der Award-Ausstellung präsentiert werden. Arbeiten, die das eine Jury-Mitglied ganz weit vorn ansiedeln würde, fallen dem gesenkten Daumen seiner Kolleg/innen zum Opfer. Die Ergebnisse zahlloser Arbeitsstunden wandern so in Sekundenschnelle auf den Stapel der Ausdrucke, die es nicht in die nächste Runde geschafft haben. Ist hier eine gnadenlose DOCMA-Award-Jury am Werk?

Ina Künne, die Geschäftsführerin der docmatischen Verlagsgesellschaft, hält ein eingereichtes Bild in die Höhe. Die 15 Jurymitglieder schauen es sich an. Kein Arm schnellt in die Höhe. Nach ein paar Sekunden ist klar: Das Werk hat keine Chance auf einen vorderen Platz. Nicht einmal bis zur nächsten Runde wird es kommen. Der Ausdruck landet – bedruckte Seite nach unten – auf dem wachsenden Stapel der ausgesonderten Einreichungen.

Ist das gerecht? Der Montage war anzusehen, dass sich da jemand viel Mühe gegeben hatte. Da steckten sicherlich etliche Tage Arbeit drin. Und nun ist es in wenigen Augenblicken rausgeflogen. Daumen runter, wie wir das aus antiken Gladiatorenkämpfen im römischen Kolosseum kennen – zumindest aus dem Kino. Oder die zeitgenössische Trump-Variante: You are fired!


Die DOCMA-Award-Jury


Wie läuft eine Jurysitzung zum DOCMA Award überhaupt ab? Im Vorfeld werden die hochgeladenen Bilder von unserem Grafiker auf ein einheitliches Format gebracht. Auf dem etwa DIN A3 großen Ausdruck steht außerdem noch der Bildtitel (in diesem Jahr also die Super-Short-Story, die es ins Bild umzusetzen galt) sowie die anonymisierte Teilnehmernummer. Niemand in der Jury weiß, wer sich hinter dieser Nummer verbirgt; lediglich die Selbsteinstufung in eine der drei Kategorien „Lehrling“. „Geselle“ und „Meister“ ist durch einen entsprechenden Buchstaben ablesbar. Das ist auch deshalb wichtig, weil diese drei Kategorien jeweils separat bewertet werden.

Es gibt pro Kategorie vier Durchgänge: In die nächste Runde gelangt, wer im ersten Durchgang mindestens eine Stimme bekommt; danach sind es drei, dann acht Stimmen. In der letzten Runde wird dann ausgiebig diskutiert. Was ist gut gelöst, welche Mängel gibt es, ist die kurze Geschichte überzeugend umgesetzt worden?

Für ihre Bewertungen hat die Jury etwas mehr als einen Tag Zeit. Sie setzt sich zusammen aus Vertretern der Sponsoren, der DOCMA-Redaktion sowie Künstlern. Man trifft sich am Tag eins in Schloss Rauischholzhausen, dem Gästehaus der Universität Gießen, und tagt nach dem Mittagessen bis zum Abend. Bis dahin sind pro Teilnehmerkategorie noch etwa ein bis zwei Dutzend Werke übrig geblieben. Die werden am Vormittag des zweiten Tages ausführlich diskutiert, am Ende schließlich durch Abstimmung in eine Reihenfolge gebracht. Jedes Jury-Mitglied hat dann zehn Stimmen, die es frei verteilen kann: Zehn auf ein Bild, oder fünf auf dieses, drei auf jenes, je eins auf zwei weitere … das steht jedem frei. Fast alle entscheiden sich für die zweite Variante.


Gnadenlose DOCMA-Award-Jury? Die Bewertung


Aus dem einleitenden Text könnte man unzutreffend schließen, die Jury bekäme jedes Werk nur ein paar Sekunden lang zu Gesicht. Das ist natürlich nicht der Fall. Denn zuvor liegen die Bilder für jede Runde und Kategorie rund eine halbe Stunde auf langen Tischen aus. Die Jury-Mitglieder gehen langsam umher, schauen sich jede Einreichung ausgiebig an, lesen den Text dazu. Erste Diskussionen kommen auf: Hast du das gesehen? Das stimmt wohl nicht so ganz in dieser Montage! Hatten wir das Bild nicht bereits als Einreichung beim vorigen Award? Ach, dieses Detail hatte ich völlig übersehen – danke für deinen Hinweis. Toll gelöst!

Die scheinbar so gnadenlose DOCMA-Award-Jury ist gar keine. Ihre Meinung haben sich die Mitglieder bereits zuvor auf ihrem Rundgang gebildet. Am Ende der Runde wird nur noch abgestimmt. Was nach liebloser Hau-ruck-Entscheidung aussieht, ist tatsächlich das Resultat ausgiebiger Betrachtung und Abwägung.

Aber wie kann es dann passieren, dass ein Bild, das in der Vorrunde noch drei Fürsprecher hatte, in der nächsten völlig leer ausgeht? Haben die Juroren in dieser kurzen Zeit ihre Meinung geändert? In gewisser Weise ja, denn nun haben sie sich viel Zeit dafür genommen, auch die anderen Werke zu begutachten. Sie entdecken jetzt im Vergleich deutlichere Qualitätsunterschiede, sowohl in technischer wie in konzeptueller Hinsicht. Ästhetik, Komposition, treffende Umsetzung des Themas, Reduktion auf das Wesentliche. Dass man sich zuvor für ein bestimmtes Bild ausgesprochen hat und nun nicht mehr, macht es als solches nicht schlechter – aber es hat gemessen an der Qualität der besseren nun leider keine Chancen mehr.

(Übrigens ist diese Vorgehensweise, die Bilder auszulegen, weitaus sinnvoller und fairer als die vieler Fotowettbewerbe, bei denen die Einreichungen nacheinander mit dem Beamer an die Wand geworfen werden. Dabei können die Juroren weder die Zeit bestimmen, wie lange sie ein Bild betrachten möchten, noch Werke miteinander vergleichen.)


Die Einsendungen


Der DOCMA Award, vor anderthalb Jahrzehnten ins Leben gerufen zur Förderung der digitalen Bildbearbeitung, ist längst eine anerkannte Institution. Viele Gewinner sind heute bekannte Grafiker und Fotografen, nicht zuletzt wegen der PR, der Ausstellungen und der Präsenz des Awards in den Medien. Sogar die Tagesschau berichtete über frühere Ausstellungseröffnungen.

Dass dieser Wettbewerb immer wieder stattfinden kann, verdankt sich der Bereitschaft unserer Sponsoren, ihn zu unterstützen und wertvolle Gewinnprämien zur Verfügung zu stellen – sowie im Übrigen auch der Arbeit der Docmatiker, davor, dabei und danach alles zu organisieren. Vor allem aber ist den zahllosen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu danken, die sich immer wieder die Mühe (und natürlich auch den Spaß) machen, das vorgegebene Thema in Bilder umzusetzen.

Da kann einem schon mal das Herz bluten, wenn man als Jury-Mitglied in den ersten Runden ein paar Favoriten entdeckt, bei denen man sicher ist, dass sie das Potenzial für einen der ersten Plätze haben – und dann erleben muss, dass man mit dieser Einschätzung ganz oder weitgehend allein ist. Zack – da landet es auf dem Stapel der Chancenlosen!

Man ahnt, wie viel Arbeit der Einsender in das Werk gesteckt hat, wie viele Überlegungen, das Thema angemessen zu visualisieren. Trotzdem hat es nicht gereicht, um mehr als ein, zwei Juroren zu überzeugen. Ein Jammer! Aber anders geht es praktisch nun mal nicht – leider!


Und nun noch ein wenig Kritik


Allerdings kann man das Ganze auch anders sehen: Rund zwei Drittel der Einsendungen scheiden schon in der ersten Runde aus, weil bereits ohne eingehende Vergleiche mit der durchschnittlichen Qualität auf den ersten Blick klar ist: Nicht gut genug.

In der zweiten Runde sind es dann noch einmal geschätzt weitere zwei Drittel. Das Beste, was sich über viele dieser Einsendungen sagen lässt, ist, dass ihre Schöpfer bemerkenswerten Mut aufgebracht haben, sich mit solchen Bildern zu bewerben. Nun könnte man zu Recht sagen: Wir haben doch alle mal klein angefangen. Seid nicht so arrogant und gebt auch solchen Leuten eine Chance! Nun ja – das wäre völlig in Ordnung so, hätten sich die Einsender/innen dieser Werke in die Kategorie „Lehrling“ eingestuft (obwohl es auch dort nicht ganz ohne Mindestanforderungen geht). Aber wesentlich mehr hielten sich für fortgeschrittene „Gesellen“ und nicht wenige sogar für „Meister“.

Bei einem großen Teil davon musste die Jury folgenden Eindruck gewinnen: Da hat jemand ein beliebiges, unbearbeitetes Foto genommen, ohne jeden Bezug zum vorgegebenen Thema, und sich gesagt: Könnte ich ja mal einreichen. Kostet ja nix. (Was wohl auch ein Grund dafür ist, dass so viele Wettbewerbe – anders als wir – eine Teilnahmegebühr verlangen.)

Wir würden ja gern – falls Sie das nicht glauben sollten und dennoch der Meinung wären, hier sei eine gnadenlose DOCMA-Award-Jury am Werk gewesen – mal eine Auswahl solcher Werke im Heft oder im Web vorstellen. Aber entweder müssten wir die Namen der Einsender darunter schreiben (und das hätte dann eher den Charakter eines öffentlichen Prangers) oder wir lassen ihn weg (und das verstößt gegen das Urheberrecht). Es geht also so oder so nicht.

Der Jury (und unserem Sponsor, der die Ausdrucke für die Jury anfertigt) kostet diese Menge ungeeigneter Bilder viel Zeit und Geld. Was in der ersten Runde nicht wenigstens einen einzigen Fürsprecher findet, ist tatsächlich nicht sonderlich überzeugend – glauben Sie’s mir!

Dennoch sollten Sie sich nicht davon abhalten lassen, beim nächsten Award auch dann mitzumachen, wenn Sie nicht ganz sicher sind, ob Ihr Werk eine echte Chance hat. Aber schauen Sie es sich vor dem Absenden noch mal mit kritischem Abstand an und fragen Sie auch ein paar ehrliche (und gnadenlose) Leute aus Ihrem Freundeskreis, was die dazu meinen. Und überlegen Sie sich, sofern Sie noch nicht so viel Erfahrung mit Bildern gesammelt haben, ob „Lehrling“ nicht doch die angemessenere Kategorie wäre als „Geselle“ oder gar „Meister“.

Bis zur Ausstellungseröffnung am 27. September 2017 im Frankfurter Museum für Kommunikation bleibt es übrigens geheim, wer mit welchem Bild welchen Platz errungen hat. Aber das eine kann ich Ihnen jetzt schon verraten: Der diesmal zum ersten Mal gekürte (und mit einem zusätzlichen Barpreis in Höhe von 5000 Euro gewürdigte) Gesamtsieger aller drei Kategorien stammt aus der Gruppe der … Lehrlinge.

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