FotografieKI

KI macht Ansel Adams bunt! Skandal um 10.000-Dollar-Bild spaltet Fotokunst-Szene

Auf der AIPAD Photography Show in New York präsentierte die Danziger Gallery im Mai 2026 ein farbiges KI-Bild, das mit dem Prompt „Make a realistic color version of Ansel Adams‘ iconic ‚Moonrise Over Hernandez’“ erzeugt wurde für 10.000 Dollar. Die Adams-Stiftung erfuhr davon erst aus der Presse, forderte die sofortige Entfernung und wurde ignoriert. Während der Galerist auf das öffentliche Gut pocht und von einem „transformierenden neuen Werk“ spricht, wirft der Trust vor, Adams’ Namen und Bild für private Geschäfte ausgebeutet zu haben. Die Kunst-Szene diskutiert nun: Ist das noch Fotografie, oder schon die Entwertung eines ganzen Berufsstands durch KI und Promptografie?

Adams als Prüfstein: Wer ist der Urheber, wenn die KI den Pinsel schwingt?

Die Danziger Gallery, seit 1989 eine feste Größe im Manhattaner Fotokunstmarkt, hat mit ihrem KI-Experiment nicht nur die Adams-Stiftung, sondern auch die internationale Szene aufgeschreckt. Das Label am Werk verriet: Kein Künstlername, kein Hinweis auf menschliche Kreativität, nur der Prompt und der Name des Druckers. Die Adams-Stiftung betont: „Wir haben nicht autorisiert, gebilligt, zugestimmt oder nachgegeben.“ Sie sieht Adams’ Namen, Ruf und sein berühmtestes Bild „ausgebeutet, ohne einen menschlichen Urheber zu benennen“. Für die Stiftung geht es nicht um Technikfeindlichkeit, sondern um Urheber- und Persönlichkeitsrechte: „Das ist eine Frage der Rechte von Künstlern, der moralischen Rechte und des Respekts vor der menschlichen Würde. Niemand sollte auf dem Namen, dem Ruf und der Arbeit eines anderen für privaten Profit handeln – ohne Zustimmung und Offenheit.“

Der Galerist verteidigt sich mit dem Argument, das Original sei gemeinfrei und die KI-Fassung ein eigenständiges Werk. Nach öffentlicher Kritik entschuldigte er sich lediglich dafür, die Stiftung nicht vorab informiert zu haben. Pikant: Nach dem AIPAD-Auftritt soll Danziger weitere Fotografennachlässe für ein kommerzielles KI-Colorierungsprojekt angesprochen haben. Die Debatte ist damit längst keine Einzelgeschichte mehr, sondern ein Testfall für die Zukunft der Bildrechte.

Promptografie: Wenn der Mensch hinter dem Algorithmus verschwindet

Boris Eldagsen, der 2023 mit „Pseudomnesia: The Electrician“ einen Sony World Photography Award gewann und ablehnte, hat für diese neue Bildgattung den Begriff Promptografie geprägt: um KI-generierte Werke klar von der Fotografie zu unterscheiden. Für Eldagsen ist klar, dass KI-Bilder und klassische Fotografie sind nicht dasselbe. Sie sollten nicht in denselben Kategorien konkurrieren. Er fordert eine klare Trennung und Kennzeichnung, denn Fotografie bedeutet, Licht einzufangen und mit der Welt in Kontakt zu treten. Promptografie entsteht rein digital, getrieben von Algorithmen und Textbefehlen.

Die Frage nach der Urheberschaft wird zur Gretchenfrage: Gehört das Werk dem Promptgeber, dem Programmierer, der KI oder bleibt Adams als eigentlicher Schöpfer unsichtbar ausgebeutet? Die Dunkelkammerarbeit und die künstlerischen Entscheidungen werden auf einen Prompt und einen Druckvorgang reduziert. Was bleibt von der Handschrift des Fotografen, wenn die KI nur noch Adams’ Entscheidungen in eine neue Farbpalette übersetzt?

Bildwahrheit, Ethik und die neue Unsicherheit

Die Adams-Stiftung unterscheidet klar zwischen legalem und ethischem Recht: Nur weil ein Werk gemeinfrei ist, darf man es nicht automatisch für eigene Geschäfte nutzen. Schon gar nicht unter dem Namen des Originals. Die technische Kopie ist keine neue kreative Entscheidung, sondern eine Übersetzung von Adams’ Vision in ein anderes Medium. Die Stiftung sieht darin eine Verletzung der moralischen Rechte und fordert Offenheit und Zustimmung als Mindeststandard.

Auch international wächst der Druck: Der Deutsche Fotorat stellt klar, dass KI-Bilder keine Fotografien sind. Die EU verordnet ab 2026 maschinenlesbare Kennzeichnungen für KI-Inhalte. Technische Standards wie C2PA sollen Herkunft und Bearbeitung dokumentieren. Die Branche ringt um neue Regeln, während der Markt für KI-Adams-Bilder wächst und das Original zur bloßen Vorlage degradiert wird.

Adams, Adobe und die Grenzen der Inspiration

Nicht nur Galerien, auch Plattformen wie Adobe Stock geraten ins Visier. Seit August 2023 warnte die Adams-Stiftung vor KI-Bildern im Adams-Stil. Am 31. Mai 2024 platzte ihr der Kragen: „You are officially on our last nerve with this behavior.“ Adobe reagierte prompt, entfernte die Inhalte und sperrte den Nutzer. Die Stiftung bleibt dabei: „Wir widersprechen entschieden der unautorisierten Nutzung seines Namens zum Verkauf jeglicher Produkte, auch digitaler wie KI-Ausgaben.“ Adobe hatte solche Prompts ohnehin in den Nutzungsbedingungen untersagt.

Was bleibt von der Fotografie?

Ansel Adams selbst wusste um die Macht der Manipulation: „Dodging and burning are steps to take care of mistakes God made in establishing tonal relationships.“ Doch seine Dunkelkammer war ein Labor für Bildwahrheit, nicht für die industrielle Vervielfältigung. Sein berühmtes Diktum gilt heute mehr denn je: „There is nothing worse than a sharp image of a fuzzy concept.“ Die KI macht aus jedem Klassiker ein beliebig reproduzierbares Rohmaterial. Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Technik, sondern unser Umgang mit ihr und die Bereitschaft, Herkunft, Urheberschaft und Bildwahrheit immer wieder neu zu verhandeln.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"