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Wem gehören die Gewinne der KI? Die Tech-Konzerne, die Bürger und eine Idee, die Börsen erschüttert

Was wäre, wenn Alphabet, Meta oder Nvidia ihre Milliardenprofite künftig nicht nur an Aktionäre ausschütteten, sondern per Gesetz an jeden Bürger? Eine als „KI-Dividende“ bekannte Idee ließ jüngst eine ganze Börse abstürzen. Ein Gedankenspiel zwischen Gewinnbeteiligung, Lobbyisten-Albtraum und der alten Frage, wem der technologische Fortschritt eigentlich gehört.

Der Tag, an dem die Börse Schnappatmung bekam

Es war einer jener Tage, an denen die Nachrichtenlage so absurd wirkt, dass man einen Satiriker hinter der Kulisse vermutet. In Südkorea, bekannt für Disziplin und Innovationsfreude, genügte ein einziger Facebook-Post von Kim Yong-beom, dem Stabschef des südkoreanischen Präsidenten, um die Börse in den Keller zu schicken. Seine Idee: Die Gewinne der KI-Konzerne sollten nicht länger exklusiv bei Samsung und SK Hynix klimpern, sondern als Dividende an die gesamte Bevölkerung ausgeschüttet werden. Der KOSPI-Index rauschte um mehr als fünf Prozent nach unten, Investoren rieben sich die Augen, und irgendwo in Seoul dürfte mehr als ein Lobbyist hektisch nach dem Telefon gegriffen haben.

Man stelle sich vor, ein ähnlicher Vorschlag würde in Brüssel oder Washington auf den Tisch kommen. Ein EU-Kommissar eine KI-Dividende für alle fordert. Oder ein US-Senator, der erklärt, Alphabet, Apple, Meta und Amazon sollten ihre Rekordgewinne künftig mit jedem Bürger teilen. Die Vorstellung ist so verlockend wie verstörend und wirft Fragen auf, die weit über das Tagesgeschehen hinausgehen.

Vom Börsenbeben zum Bürgercheck: Was ein Gesetz dafür bräuchte

Was müsste passieren, damit aus dem Facebook-Post eines Beraters ein Gesetz wird, das tatsächlich Geld auf die Konten der Bürger spült? Die Antwort ist so ernüchternd wie juristisch trocken: Ein Richterspruch allein reicht nicht. Gerichte können bestehende Gesetze auslegen, aber keine neuen Umverteilungsmechanismen aus dem Hut zaubern.

In Deutschland bietet Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes zwar den bekannten Satz „Eigentum verpflichtet, sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen“, doch dieser Grundsatz schafft keine direkte Anspruchsgrundlage für Umverteilungsmaßnahmen. Er gibt dem Gesetzgeber Gestaltungsspielraum, verpflichtet ihn aber nicht zum Handeln; und jede Regelung müsste verhältnismäßig sein und einen gerechten Ausgleich zwischen Eigentümerinteressen und Gemeinwohl herstellen. In der EU schützt Artikel 17 der Grundrechtecharta das Eigentum und erlaubt Einschränkungen im Allgemeininteresse, während Artikel 34 soziale Sicherheit garantiert. Beide Artikel sind jedoch überwiegend als Grundsätze ausgestaltet und begründen keinen einklagbaren Anspruch auf eine KI-Dividende. In den USA müsste der Kongress ein Gesetz verabschieden, das entweder eine Sondersteuer auf Tech-Gewinne erhebt oder einen nationalen Wohlstandsfonds aufbaut. Die Verfassungsgerichte könnten danach prüfen, ob das Ganze mit dem Eigentumsschutz vereinbar ist. Ein juristisches Tauziehen, das vermutlich selbst die besten Anwälte altern ließe.

Von Ölquellen und Datenminen: Das Alaska-Modell als Maßstab

Die Idee, dass der Reichtum einer Nation nicht nur wenigen gehören sollte, ist nicht neu. Seit 1976 existiert in Alaska der Permanent Fund, gegründet durch eine Verfassungsänderung: Einnahmen aus staatlichen Öl-Royalties fließen in einen Investmentfonds, dessen Erträge seit 1982 jährlich als Dividende an alle berechtigten Einwohner ausgeschüttet werden. 2025 betrug diese Dividende 1.000 Dollar pro Person. In Norwegen sorgt ein vergleichbarer Ölfonds dafür, dass die Gewinne aus dem schwarzen Gold nicht nur Aktionäre bereichern, sondern auch Schulen, Krankenhäuser und Renten finanzieren.

Das Modell hat einen entscheidenden Haken: Ölvorkommen gehören dem Staat, der sie per Konzession bewirtschaftet. Die Gewinne der Tech-Konzerne hingegen entstehen aus privatem Kapital, privater Infrastruktur und privatem Risiko. Eine direkte Übertragung auf KI-Profite wäre rechtlich und politisch um ein Vielfaches komplexer. Popkulturell erinnert die KI-Dividende an die ewige Sehnsucht nach dem großen Los: einmal richtig abkassieren, ohne Überstunden schieben zu müssen. Doch wie so oft, wenn dieser Traum lockt, lauern die Fallstricke im Kleingedruckten.

GAFA, KI und das große Zittern: Wenn Lobbyisten die Krawatten enger ziehen

Was würde passieren, wenn die Politik tatsächlich ernst macht? Ein Blick auf die Zahlen erklärt, warum die Lobbymaschinerie bereits jetzt auf Hochtouren läuft. Alphabet verbuchte im Geschäftsjahr 2024 einen Nettogewinn von rund 100 Milliarden Dollar. Microsoft erzielte im Geschäftsjahr 2023 rund 72 Milliarden Dollar Gewinn. Nvidia, der große Gewinner des KI-Booms, brachte es im Geschäftsjahr 2024 auf knapp 30 Milliarden Dollar Nettogewinn. OpenAI und Anthropic hingegen jonglieren zwar mit Milliardenumsätzen, schreiben aber noch rote Zahlen.

Die Reaktion der Konzerne auf ernsthafte Umverteilungsversuche wäre absehbar: Lobbyarbeit in nie gekanntem Ausmaß, Drohungen mit Standortverlagerung, Klagen vor allen verfügbaren Gerichten. Schon heute geben die Tech-Giganten in den USA über 60 Millionen Dollar jährlich für Lobbyarbeit aus; in der EU wurden 2025 mit über 150 Millionen Euro neue Rekorde gemeldet. Die Argumente sind altbekannt: Innovation werde abgewürgt, Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, und das alles sei ein Angriff auf die freie Marktwirtschaft. Im Zweifel würden Gewinne einfach in steuerfreundliche Länder verschoben, denn Steuertricks und Briefkastenfirmen sind keine Erfindung der KI-Ära.

Die kleinen Leute und das große Versprechen: Sieg oder Sisyphos?

Bleibt die Frage, ob eine solche Gewinnbeteiligung tatsächlich ein Sieg der kleinen Leute wäre oder doch nur ein weiteres Kapitel im Buch der gut gemeinten, aber schlecht gemachten Umverteilung. Die Erfahrung lehrt: Wo viel Geld im Spiel ist, finden sich immer findige Köpfe, die Wege suchen, das System zu umgehen. Und während die einen von der KI-Dividende träumen, könnten die anderen erleben, wie die versprochenen Zahlungen im Dickicht der Bürokratie und juristischer Spitzfindigkeiten versanden.

Die eigentliche Pointe liegt vielleicht woanders. Die Debatte zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft nach Teilhabe und Gerechtigkeit in einer Ökonomie verlangt, deren Gewinne sich mit atemberaubender Geschwindigkeit an der Spitze konzentrieren.

Und sie zeigt, wie schwer es ist, diese Sehnsucht in praktikable Gesetze zu übersetzen. Kim Yong-beom hat mit einem einzigen Facebook-Post eine Milliarden-Börse erschüttert. Die Frage, ob wir wirklich bereit sind, die Macht der Tech-Konzerne ernsthaft zu begrenzen, oder ob wir uns mit symbolischen Gesten begnügen, die am Ende niemand durchsetzen kann, ist damit noch längst nicht beantwortet.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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