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Die Kontingenz-Falle: Warum uns die unendlichen Möglichkeiten der KI vor neue Grenzen stellen

Früher war alles einfacher. Nicht unbedingt besser, aber einfacher. Der kreative Prozess in Fotografie und visuellem Storytelling war ein Pfad, der von technischen, materiellen und zeitlichen Leitplanken gesäumt war. Ein Film hatte maximal 36 Aufnahmen, die Dunkelkammer verzieh keine Fehler und eine einmal gedruckte Geschichte war in Stein gemeißelt. Diese Begrenzungen schufen einen klaren Rahmen, innerhalb dessen Entscheidungen getroffen werden mussten. Heute sprengt die Digitalisierung und besonders die Künstliche Intelligenz diesen Rahmen und präsentiert uns ein Geschenk, das sich bei genauerer Betrachtung als eine der größten Herausforderungen für professionelle Kreative entpuppt: einen schier unendlich erweiterten Kontingenz-Spielraum. Doch was bedeutet dieser Zuwachs an Möglichkeiten wirklich für unsere Arbeit, und wo lauert die Falle?

Das Reich des „Was wäre, wenn?“

Um die Tragweite zu verstehen, müssen wir zunächst den Begriff der Kontingenz entmystifizieren. Kontingenz beschreibt im Kern einen Zustand, der weder notwendig noch unmöglich ist. Es ist das Reich des „Was wäre, wenn?“, der Raum für alles, was auch anders sein könnte. Der Kontingenz-Spielraum ist demnach die Summe aller denkbaren Alternativen und Entscheidungswege, die uns in einem kreativen Prozess zur Verfügung stehen. Für Kreative aller Art ist dieser Spielraum das eigentliche Arbeitsmaterial. Hier wird aus einer vagen Idee eine konkrete Vision, hier wird verworfen, variiert und die eine, gültige Form gefunden, die ein Werk am Ende ausmacht. Es ist der Unterschied zwischen dem einen perfekten Porträt und den hundert anderen Aufnahmen, die ebenfalls möglich gewesen wären. Um es mit den Worten des Philosophen Roland Barthes aus seinem Buch „Die Helle Kammer” zu sagen: Der Unterschied zwischen Studium und Punktum.

Die Entfesselung der Alternativen

Die Digitalisierung fungiert in diesem Kontext als ein beispielloser Multiplikator für Kontingenz. Wo ein Fotograf früher zwischen einer Handvoll guter Aufnahmen einer Session wählen musste, analysiert eine KI heute Tausende von Bildern, gruppiert sie nach Gesichtsausdruck und schlägt eine vermeintlich optimale Auswahl vor. In der Postproduktion ist der Wandel noch radikaler. Statt mühsam eine Maske zu pinseln, um den Himmel auszutauschen, bieten uns Werkzeuge wie Photoshop inzwischen die Option, mit einem Klick zum Beispiel Dutzende Himmelsvarianten zu prüfen. Generative Füllfunktionen erlauben es, Bildinhalte zu erweitern, zu verändern oder komplett neu zu erfinden. Ein Porträt vor einer Hauswand? Warum nicht vor den Toren von Atlantis?

Dieser Zuwachs an Optionen ist berauschend. Er befreit uns von technischen Fesseln und verlagert den Fokus weg von der handwerklichen Ausführung hin zur reinen Ideenfindung und Kuration. Die Argumentationskette, die zu einem finalen Bild oder einer Geschichte führt, wird um unzählige Verästelungen reicher Die Frage ist nicht mehr: „Kann ich das technisch umsetzen?“, sondern nur noch: „Was will ich überhaupt?“

Die subtile Tyrannei der Wahl

Doch wo Licht ist, fällt bekanntlich auch Schatten. Die schiere Masse an Möglichkeiten birgt die Gefahr der Beliebigkeit und der kreativen Lähmung. Wer aus unendlich vielen Himmelsvarianten wählen kann, wählt am Ende vielleicht gar keine oder entscheidet sich für die banalste. Viel gravierender ist jedoch ein strukturelles Problem: Die von der KI vorgeschlagenen Alternativen sind nicht wirklich zufällig. Sie basieren auf den Mustern und Ästhetiken, mit denen die Modelle trainiert wurden – also auf einem gigantischen Korpus bereits existierender Bilder und Texte.

Das führt zu einer subtilen, aber wirkmächtigen algorithmischen Homogenisierung. Die KI neigt dazu, uns das vorzuschlagen, was statistisch am wahrscheinlichsten gefällt oder funktioniert. Der „glückliche Zufall“, der einst aus einem Entwicklungsfehler oder einem unvorhergesehenen Lichtfleck entstand, wird durch eine kalkulierte Wahrscheinlichkeit ersetzt.

Der Kontingenzspielraum wird zwar in der Breite unermesslich, in der Tiefe aber droht er zu verflachen. Die logischen Übergänge zwischen den kreativen Schritten werden zwar flüssiger, aber auch vorhersehbarer. Wir bewegen uns in einem riesigen, aber möblierten Zimmer, dessen Einrichtung wir nicht selbst gewählt haben. Die ständige Wiederholung von Stilen und Motiven ist eine direkte Folge davon. Die neue Rolle: vom Schöpfer zum Kurator des Sinns.

Was bedeutet das für die Arbeit von Kreativen?

Unsere Rolle verschiebt sich fundamental. Weniger gefragt ist der Techniker, der sein Werkzeug virtuos beherrscht. Gefragt ist der kritische Geist, der ultimative Kurator, der inmitten des Rauschens aus KI-generierten Möglichkeiten eine klare, authentische und bedeutungsvolle Entscheidung trifft. Unsere Aufgabe ist es, den roten Faden nicht zu verlieren, sondern ihn bewusst zu spinnen.

Es geht darum, die Vorschläge der KI als das zu nutzen, was sie sind: ein Impuls, eine Anregung zur Überprüfung der eigenen Denkstruktur, aber niemals die endgültige Antwort. Ein kreative Leistung liegt zukünftig weniger in der Generierung von Material, sondern in der rigorosen und geschmackssicheren Selektion. Sie liegt in der Fähigkeit, „Nein“ zu sagen zu den 999 gefälligen Optionen, um die eine, vielleicht sperrige, aber einzigartige und wahrhaftige Variante zu finden. Der Wert unserer Arbeit bemisst sich an der Stärke unserer Vision und der Konsequenz, mit der wir sie gegen die verlockende Beliebigkeit der Maschine verteidigen. Der Schlussteil unserer Arbeit ist nicht mehr nur die Zusammenfassung, sondern die Begründung, warum unser gewählter Pfad der einzig richtige war.

Ein erweiterter Kontingenz-Spielraum ist also kein bequemes Sofa, sondern ein anspruchsvolles Trainingsgerät. Er zwingt uns, unsere Absichten zu schärfen, unsere Ästhetik zu hinterfragen und unseren Stil bewusster zu definieren als je zuvor. Wer diese Herausforderung annimmt, kann die KI als den mächtigsten Sparringspartner nutzen, den es je gab. Wer sich jedoch in den unendlichen Möglichkeiten verliert, wird selbst zur austauschbaren Variable in einem Spiel, dessen Regeln von Algorithmen geschrieben werden.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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