Praxistest: Wer braucht die OM PEN?

Der Sucher sitzt links oben in der Ecke, nicht mittig unter einem Buckel. Wer hindurchschaut, behält mit dem anderen Auge die Straße im Blick und sieht, wer gleich ins Bild läuft. So arbeiteten die Messsucherkameras von einst, und so arbeitet, mit modernem Innenleben, die OM PEN, die offiziell OM System PEN heißt: 393 Gramm mit Akku und Karte, flach genug für die Jackentasche, davor eine 17-Millimeter-Festbrennweite, die im Kleinbildmaßstab einem 35er entspricht und damit ein Stück näher an der klassischen Normalbrennweite liegt als die Hauptkamera der meisten Smartphones.

Die Frage dahinter lautet, für wen sie gebaut wurde und ob zwischen dem Telefon in der Tasche und der schweren Kamera im Rucksack tatsächlich noch Platz für etwas Drittes ist. Dass sie gut ist, zeigen die Labortests der Fachpresse und ebenso ein paar Wochen Probezeit hier in der Redaktion.
Der fehlende Zwischenschritt
Auf der einen Seite steht das Smartphone der Oberklasse. Es ist handlicher als jede Kamera, immer dabei, und was es an Bildern liefert, kann sich auf dem Bildschirm und in sozialen Netzen sehen lassen. Wer aber größer darstellen, drucken oder aus einem Bild einen Ausschnitt vergrößern will, merkt schnell, wo die Rechenkunst endet: Sie kaschiert, was dem kleinen Sensor fehlt, kann es aber nicht ersetzen. Preislich bewegt sich so ein Fototelefon inzwischen in derselben Region wie die OM PEN, die als Gehäuse knapp 1.000 Euro kostet und mit dem hier eingesetzten 17-Millimeter-Objektiv (f/1.8) rund 1.500 Euro.
Auf der anderen Seite liegt meine 60-Megapixel-Vollformatkamera, die samt 35-Millimeter-Premium-Festbrennweite fast das Vierfache kostet. Sie ist ein Arbeitspferd für Studio und Reportage, zuverlässig und präzise, und sie bietet kaum Spielereien. Sie tut, was man ihr sagt, und fragt nicht, ob man nicht gern etwas ganz anderes ausprobieren würde.
Dazwischen klafft eine Lücke. Brauche ich also so einen Missing Link, der weder Telefon noch Werkzeug ist, sondern eher ein Spielzeug für Erwachsene? Ich habe es ein paar Wochen lang ausprobiert, und die Antwort fällt differenzierter aus, als die Frage vermuten lässt.
Die Hersteller und Händler antworten mit zwei Zielgruppen. Die erste sind Umsteiger vom Smartphone. Die zweite sind erfahrene Fotografen, denen die große Ausrüstung im Alltag manchmal zu viel ist. Beides leuchtet ein. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es noch eine dritte Rolle gibt, und die ist vielleicht die interessanteste.

Mit dieser Kamera und einer 17-Millimeter-Festbrennweite lässt sich die Welt der Kamerafotografie wunderbar entdecken, wenn man damit noch gar keine Erfahrung hat oder vom Smartphone kommt. Eine Festbrennweite zwingt zum Gehen: Wer näher ran will, geht hin, und lernt dabei, was Abstand und Blickwinkel mit einem Bild machen, also genau das, was die Zoomtaste am Telefon verschleiert. Der Sensor misst 17,3 mal 13 Millimeter, hat also nur ungefähr ein Viertel der Fläche eines Vollformatsensors, aber deutlich mehr als die meisten Telefonsensoren. Das ist genau die Mitte, in der sich Ausschnitte und Abzüge noch lohnen, ohne dass man tief in die Tasche greifen muss.

Dass die Kamera ausgerechnet in diese dritte Rolle passt, merkte ich erst, als sich beim Ausprobieren ein altes Gefühl meldete.
Die OM2 im Hinterkopf
Von meinem Konfirmationsgeld kaufte ich mir damals eine Olympus OM2, dazu ein 35-Millimeter-Objektiv mit Lichtstärke 2,8, und das war der Moment, in dem aus Knipsen ernsthaftes Fotografieren wurde. Beim Herumspielen mit der OM PEN, mit Mehrfachbelichtung, Lichtspuren und Farbprofilen, stellte sich genau dieses Gefühl wieder ein, und mit ihm die Frage, wie sehr ich mich damals über all diese eingebauten Spielereien gefreut hätte. Die langweiligen Nachmittage jener Zeit in den frühen 1980ern wären mit fotografischen Experimenten gefüllt gewesen.
Es hätte noch einen zweiten Vorzug gegeben, die Größe. Die OM2 mit dem 35er war schon sehr handlich, doch die PEN mit ihrer Festbrennweite scheint mir noch ein Stück jackentaschengeeigneter.

Und ein dritter Punkt kommt hinzu, der mit Mut zu tun hat. Wer einen Film mit 36 Aufnahmen im Apparat hatte, überlegte dreimal, ob er für einen Versuch ein Bild opfern wollte, dessen Ergebnis er womöglich erst Tage später sah. Die Speicherkarte der PEN macht Versuche zu einer Sache, die nichts kostet außer Zeit. Das verändert, was man wagt.
Dass diese Kamera gerade dieses Gefühl weckt, hat vielleicht auch mit ihrer Herkunft zu tun. Das „OM“ in OM System steht für Olympus Maitani, nach dem Konstrukteur Yoshihisa Maitani, der 1959 auch das Design der ersten, flachen PEN-Halbformatkameras entwickelte. Die Marke OM und die Idee PEN, die eine Zeit lang getrennte Wege gingen, laufen in diesem Gehäuse wieder zusammen.
393 Gramm Technik

Technisch ist die OM PEN ein alter Bekannter im neuen Gewand. Sensor und Bildprozessor stammen von der OM-5 Mark II, auch Monitor und Sucherpanel stammen von größeren OM-Modellen. Neu sind das flache Gehäuse, ein reduziertes Bedienkonzept und der Preis. Die wichtigsten Daten auf einen Blick:
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Sensor | 4/3-Zoll-Live-MOS, 20,4 Megapixel, 17,3 × 13 mm, nicht gestapelt |
| Prozessor | TruePic IX |
| Bildstabilisator | 5 Achsen im Gehäuse, 5,5 Blendenstufen in der Mitte, 4,5 am Rand, kein Zusammenspiel mit Objektivstabilisatoren |
| Autofokus | 121 Kreuzsensoren (Phasenvergleich) plus Kontrast-AF, KI-Motiverkennung |
| Sucher | OLED, 2,36 Millionen Punkte, seitlich links |
| Monitor | 3 Zoll, 1,04 Millionen Punkte, dreh- und schwenkbar, Touch |
| Verschluss | mechanisch bis 1/4000 s, elektronisch bis 1/32.000 s |
| Serienbild | 5 B/s mechanisch, 30 B/s elektronisch (Schärfe und Belichtung fest), gut 7 B/s mit Schärfenachführung |
| Video | 4K bis 30p, C4K 24p, 8 Bit, OM-Log400, OM-Cinema 1 und 2, Full-HD-Zeitlupe bis 120p, Mikrofonbuchse, keine Kopfhörerbuchse |
| Akku | BLS-7, 410 Aufnahmen nach CIPA, Laden per USB-C, kein Ladegerät im Karton |
| Speicher | eine SD-Karte (UHS-I) |
| Gehäuse | 125,8 × 74,5 × 43,3 mm, 393 g mit Akku und Karte |
| Preis | 999 Euro Gehäuse, 1.099 Euro mit Kitzoom 14–42 mm |

Bildqualität: gut, aber ohne Wunder
Der Sensor ist kein Rekordhalter. Das digitalkamera-Labor ermittelte eine maximale Auflösung von 58 Linienpaaren pro Millimeter, typisch für eine 20-Megapixel-Kamera dieses Formats und deutlich unter den Werten der meisten Vollformatmodelle mit 24 Megapixeln. Bei ISO 6400 sind es nur noch 29,2. Der französische Phototrend beschreibt die Bilder zwischen ISO 200 und 800 als makellos, bei 1600 zeigt sich leichtes Rauschen in den Schatten, ab 3200 wird es sichtbar, und das JPEG glättet feine Strukturen. Die RAW-Dateien halten mehr Schärfe und reagieren gut auf KI-Entrauscher wie DxO PureRAW. Die Schatten lassen sich um zwei bis drei Blendenstufen aufhellen, bevor es unangenehm wird, die Lichter sind heikler.
Für den Bildschirm, für Abzüge in Haushaltsgröße und für maßvolle Ausschnitte reicht das allemal. Wer allerdings 60 Megapixel gewöhnt ist, wird den Unterschied sehen, und genau dafür gibt es den 50-Megapixel-Modus.
Bedienung: aufgeräumt, aber mit Macken
Auf der Oberseite sitzen ein Wahlrad für die Belichtungsprogramme, der Auslöser mit einem umlaufenden Rädchen und ein Hebel, der zugleich Ein- und Ausschalter sowie Umschalter zwischen Foto, Video und Zeitlupe ist. Wer ihn zu schwungvoll bewegt, springt über den Fotomodus hinweg, das ist ärgerlich im Alltag. Einen Joystick gibt es nicht, der Messpunkt wandert per Touch oder über die Vierwegetaste. Dafür sitzt hinten die CP-Taste für die Rechenfotografie: einmal drücken ruft den zuletzt benutzten Modus, Drücken und das vordere Rädchen drehen wechselt zwischen den Modi, langes Drücken öffnet das Menü. Nach einer Eingewöhnung funktioniert das, fummelig ist es trotzdem. Aber vielleicht sind meine Hände auch zu groß, was beim Einsatz der kleinen Kamera häufiger zum Tragen kommt.
Das Gehäuse besteht überwiegend aus Kunststoff über einem Magnesiumgerüst, was die 344 Gramm ohne Akku erklärt. Es fühlt sich nicht billig an. Einen eingebauten Blitz gibt es nicht, nur den Blitzschuh, und das Gewinde für den Drahtauslöser fehlt. Aber der ist vielleicht auch von gestern. Der kleine Sucher bleibt hinter dem der teureren Modelle zurück, und seine Lage links erlaubt, das andere Auge offen zu lassen.
Beim Akku sind die offiziellen 410 Aufnahmen knapp, im Alltag waren sie aber unproblematisch. Wer mit dem Telefon verbunden bleibt, kann die Kamera per Bluetooth aufwecken, Bilder ansehen und über die OI.Share-App übertragen oder die Kamera aus der Ferne auslösen.
Der Wetterschutz entspricht der Schutzart IPX1. Das „X“ steht dafür, dass kein Schutzgrad gegen feste Fremdkörper oder Staub definiert ist; die „1“ steht für den Schutz gegen vertikal fallendes Tropfwasser, also einen leichten Schauer, aber keine Ausfahrt aufs Meer. Das X an erster Stelle bedeutet, dass für Staub gar nicht geprüft wurde, die beworbene Staubfestigkeit also auf keinem Prüfergebnis beruht. Voraussetzung ist ein ebenfalls geschütztes Objektiv, und beim Laden oder mit angeschlossenem HDMI-Kabel gilt der Schutz nicht.
Objektive: ohne Festbrennweite nur halber Spaß
Das neue Kitzoom 14–42 mm (im Kleinbildmaß 28–84 mm) ist das erste Kitobjektiv der Reihe mit Staub- und Spritzwasserschutz und fokussiert im Weitwinkel bis auf 13 Zentimeter. Einzeln kostet es knapp 400 Euro, sinnvoll ist es eigentlich nur im Kit für 100 Euro Aufpreis. Mehr Spaß machen lichtstarke Festbrennweiten, dann bleiben Kamera und Objektiv zusammen so klein, dass man sie tatsächlich überallhin mitnimmt.
KI im Sucher, Rechenkunst im Hintergrund
Der Begriff Künstliche Intelligenz steht in den Werbetexten zur OM PEN weit vorn, und er wird dort ziemlich genau für eine Sache gebraucht: die Motiverkennung beim Autofokus. Alles andere, was die Kamera so unaufgeregt tut, ist Rechenfotografie, also die geschickte Verrechnung mehrerer Aufnahmen. Die Unterscheidung zeigt, wo die Kamera entscheidet und wo sie nur ausführt.
Der Autofokus arbeitet mit 121 Kreuzsensoren auf dem Bildsensor, die Phasenvergleich und Kontrastmessung verbinden. Darüber liegt die KI-Motiverkennung, die Menschen samt Gesichtern und Augen sowie Hunde und Katzen erkennt und verfolgt. Das Duo aus Personen und Haustieren passt gut zum Einsatzzweck: Familienporträt, Katze auf dem Sofa, Hund im Park. Gegenüber der OM-5 Mark II, die bei Tieren passen muss, ist das ein Fortschritt.
Die Grenzen liegen nach oben. Die teureren OM-3 und OM-1 Mark II erkennen zusätzlich Vögel, Fahrzeuge, Züge und Flugzeuge, die OM-3 arbeitet mit 1.053 Kreuzsensoren und misst noch bei -5,5 Lichtwerten, die PEN schafft -3,5. In der Praxis überzeugte der Autofokus im Alltag. Er ist zuverlässig, auch wenn man bei Porträts nicht wählen kann, auf welches Auge scharfgestellt wird.
Rechenfotografie: die Handy-Methode mit der Hand am Regler
Smartphones verrechnen bei jedem Auslösen im Verborgenen viele Einzelbilder. Die OM PEN tut auf Wunsch dasselbe, lässt aber wählen. Die CP-Taste, das Kürzel steht für Computational Photography, öffnet die Verfahren, die in der folgenden Tabelle stehen. Ein zweiter Druck schaltet das Verfahren wieder ab und gibt die vorherigen Einstellungen zurück.
| Verfahren | Was die Kamera rechnet | Grenzen |
|---|---|---|
| Live ND (ND2 bis ND16) | Mischt mehrere Belichtungen und simuliert einen Graufilter bis zu vier Blendenstufen | Nur in den Programmen S und M, ISO bis 800, kein Blitz; die OM-3 schafft ND64 |
| High Res Shot | Verschiebt den Sensor zwischen den Aufnahmen und verrechnet sie: 50 Megapixel aus der Hand, 80 Megapixel vom Stativ | Bewegte Motive verwischen, nur bis ISO 3200, nicht mit HDR kombinierbar |
| HDR (HDR1, HDR2) | Verrechnet mehrere Belichtungen zu einem Bild mit mehr Zeichnung in Lichtern und Schatten | Geisterbilder bei Bewegung im Motiv |
| Focus Stacking | Nimmt Serien mit verschobener Schärfe auf und setzt die scharfen Teile zusammen | Nur mit kompatiblen Objektiven, darunter der neue Kitzoom |
| Mehrfachbelichtung | Überlagert Aufnahmen schon in der Kamera | Zwei Lagen direkt, weitere nur über gespeicherte RAW-Bilder |
Der 50-Megapixel-Modus gehört zu den Stücken, die man in dieser Preisklasse nicht erwartet. Er lässt sich auch als 50-Megapixel-RAW speichern. Bei ruhigen Motiven bringt er deutlich mehr Details, weniger Moiré und weniger Rauschen, bei schwankenden Blättern verwischt er. Dazu kommt Pro Capture, das bis zu zwölf Bilder vor dem eigentlichen Durchdrücken in einen Puffer schreibt, was Aktionsfotografen den entscheidenden Moment rettet, allerdings mit begrenzter Objektivauswahl und festgelegter Schärfe. Und für den Nachthimmel gibt es einen eigenen Autofokus-Modus, den Starry Sky AF.
Der Unterschied zum Telefon ist ein kultureller. Das Smartphone entscheidet im Verborgenen, die PEN verlangt, dass man das Verfahren vor dem Auslösen wählt und seine Grenzen kennt: High Res verträgt keine bewegten Blätter, HDR keine laufenden Passanten, Live ND braucht ruhige Hände. Das ist mühsamer, aber lehrreich, weil man dabei begreift, was ein Foto im Kern ist, nämlich eine Verrechnung von Zeit. Was sich bei solchen Experimenten als wichtigstes Accessoire empfiehlt, ist ein Stativ.
Was nicht dabei ist
Generative KI, die Bildinhalte hinzuerfindet, taucht im Datenblatt und in den ausgewerteten Tests nicht auf, und das dürfte für eine Kamera, die Fotografie als Handwerk versteht, kein Mangel sein. Die KI-gestützte Rauschminderung fehlt in der Kamera und läuft später im Rechner, etwa mit DxO PureRAW, wie Phototrend anmerkt. Auch ein besonders ausgeklügelter Autofokus gehört nicht zur Mitgift: Er liegt auf dem Stand der OM-5 Mark II, was für Alltag und Familie reicht, für Sport und Vögel im Flug nicht.
Die Spielwiese: Licht malen, Bilder stapeln, Farben drehen

Hier wird die PEN zu dem, was mich an die OM2-Nachmittage erinnerte. Drei Funktionen tragen diesen Eindruck: Live Composite für die Lichtmalerei, die Mehrfachbelichtung und die Farb- und Monochromprofile, die sich mit einem Schalter an der Vorderseite abrufen lassen.
Lichtmalerei: ein Verschluss, der offen bleibt

1949 ließ der LIFE-Fotograf Gjon Mili den Maler Pablo Picasso in einem abgedunkelten Raum mit einem kleinen Lämpchen Zentauren und Stiere in die Luft zeichnen. Die Zeichnungen verschwanden, kaum dass sie entstanden waren, und nur der offene Verschluss hielt die Lichtspuren fest. Ob der Versuch gelungen war, zeigte sich erst auf dem Film.
Die OM PEN beherrscht dasselbe Prinzip mit einer Funktion, die schon aus älteren Olympus- und OM-Modellen bekannt ist. Das Verfahren heißt Live Composite und wird über die Bulb-Stellung des Wahlrads aktiviert. Die Kamera belichtet in schnellen Einzelschritten und übernimmt nur die Stellen, die neu hinzukommen, sodass eine Lichtspur Bild für Bild wächst, während der dunkle Hintergrund unberührt bleibt. Das verhindert Überbelichtung, weil bereits Belichtetes nicht noch einmal heller wird. Ergänzend gibt es Live Bulb und Live Time, bei denen sich das entstehende Bild während der Belichtung auf dem Monitor verfolgen lässt. Die Länge der Einzelbelichtungen legt man vorher im Menü fest.
Praktisch heißt das: ein Stativ oder fester Untergrund, eine dunkle Umgebung und eine Lichtquelle, die man bewegt. Weil das Auslösergewinde für einen Drahtauslöser fehlt, bleibt als Fernbedienung die OI.Share-App, die per Bluetooth und WLAN auslöst und das Livebild überträgt. Der Reiz liegt in der Rückmeldung. Was bei Mili ein Experiment mit zwei Kameras und den fünfzehn Minuten war, die Picasso ihm zunächst zugestand, lässt sich jetzt an einem Nachmittag in zwanzig Varianten wiederholen, und nach jeder sieht man sofort, ob die Idee trägt. Die Kunst steckt wieder in der Idee.
Mehrfachbelichtung: zwei Welten in einem Bild
Die Mehrfachbelichtung liegt im selben Menü der CP-Taste. Die Kamera nimmt zwei Aufnahmen direkt auf und legt sie übereinander, wahlweise mit automatischer Helligkeitsanpassung (Auto Gain), die jedes Einzelbild um die Hälfte abdunkelt, damit die Summe nicht überstrahlt. Entscheidend ist die Vorschau: Die Überlagerung lässt sich im Livebild verfolgen, während man die zweite Lage ausrichtet, sodass man auf eine Komposition hinarbeitet, statt dem Zufall zu vertrauen. Dunkle Flächen eignen sich besonders, weil das nächste Bild dort leichter durchscheint, weshalb Silhouetten vor dunklem Hintergrund und Blumenmotive als Paradebeispiele gelten.
Das Spiel mit zwei Bildern in einem ist alt, es gehört zu den Kunststücken der Filmzeit, nur dass dort bei der Aufnahme das Vorstellungsvermögen entschied, ob man ein Genie gewesen war. Heute entscheidet der Blick auf den Monitor.
Farben: Looks per Schalter

An der Vorderseite sitzt ein kleiner Schalter. In der Stellung Aus ist die Profilsteuerung abgeschaltet, in den Stellungen Farbe und Mono rufen sich gespeicherte Looks ab, und das Ergebnis erscheint in Echtzeit im Sucher und auf dem Monitor. Vier Speicherplätze gibt es für Farbe, vier für Schwarzweiß.
Die Farbprofilsteuerung erlaubt, die Sättigung von zwölf Farben in elf Stufen einzustellen, dazu Lichter, Schatten und Vignette. Vier Voreinstellungen gibt es ab Werk: Film Rich Color, Film Vivid, Film Soft Tone und Standard (Natural). Bei Schwarzweiß kommen Farbfilter, Lichter und Schatten, Vignette, Filmkorn und Tonung hinzu, mit den Voreinstellungen Film B&W, Film IR, Film Low Contrast und Standard (Monotone).
Neu ist die Möglichkeit, Looks zu teilen. Die App OI.Share (Version 1.5) hat eine Profilbibliothek: Sie analysiert die Farb- und Tonwerte eines mit den Profilen aufgenommenen Fotos, zieht daraus ein Rezept heraus und legt es in einem Speicherplatz der Kamera ab. Man kann so fremde Looks übernehmen oder eigene weitergeben, ähnlich den Filmrezepten von Fujifilm.
Ein Haken: Die Profile sind kein Bestandteil der RAW-Entwicklung in Lightroom, dort geht der gewählte Look verloren, und nur die Software OM Workspace zeigt ihn wieder. Die PEN ist damit eine Kamera, die auf das JPEG aus der Kamera setzt, und das ist, zumindest hier, eine Entscheidung: Wer den Look will, fotografiert ihn gleich, so wie man früher mit dem Filmwechsel entschied, ob ein Tag in Kodachrome-Farben oder in Tri-X-Grau enden würde. Die Profile funktionieren übrigens auch bei Video, nur nicht im Zeitlupenmodus.
Was die drei Spielwiesen verbindet
Der Reiz der drei Spielwiesen liegt in der Geschwindigkeit der Rückmeldung. Ein Versuch dauert Sekunden, und das Ergebnis steht sofort auf dem Monitor. Dazu kommt der Stabilisator, der ein Stativ in manchen Fällen überflüssig macht, und die Gewissheit, dass ein Fehlversuch nichts kostet außer Zeit. Das ist genau die Mischung, die ich damals mit der OM2 vermisst habe.
Wer neben der OM PEN im Regal steht
In der Gegend um 1.000 Euro gehört das Feld den Kameras mit APS-C-Sensor, und die OM PEN tritt dort mit einem kleineren Sensor an. Was sie dafür mitbringt, ist eine seltene Kombination: Sucher, Stabilisator im Gehäuse, Spritzwasserschutz und ein Objektivsystem, das klein bleibt. Kaum eine Kamera dieser Preisklasse bietet einen Bildstabilisator und einen High-Res-Shot. Die wichtigsten Nachbarn, Stand Ende Oktober 2026:
| Kamera | Preis (Gehäuse) | Sensor | Stabilisator im Gehäuse | Sucher | Gewicht | Video |
|---|---|---|---|---|---|---|
| OM System PEN | 999 € (Kit 1.099 €) | Micro Four Thirds, 20,4 MP | ja, bis 5,5 Stufen | OLED, 2,36 Mio. Punkte | 393 g | 4K/30p, 8 Bit |
| OM System OM-5 Mark II | UVP 1.299 €, | Micro Four Thirds, 20,4 MP | ja, bis 7,5 Stufen | OLED, 2,36 Mio. Punkte | 418 g | 4K/30p, 8 Bit |
| Fujifilm X-T30 III | UVP 949 €, Straße ab etwa 830 € | APS-C, 26,1 MP | nein | ja | 378 g | 4K/60p, bis 6,2K/30p |
| Nikon Z50II | UVP 999 €, Straße um 850 bis 940 € | APS-C, 20,9 MP | nein | OLED, 2,36 Mio. Punkte | 550 g | 4K/60p |
Die APS-C-Fraktion: mehr Sensor, weniger Hilfen
Die Fujifilm X-T30 III ist der natürliche Gegenspieler. Sie bietet 26 Megapixel auf einem größeren Sensor, Filmsimulationen und eigene Räder für Verschlusszeit und Belichtungskorrektur und außerdem eine umfangreichere Motiverkennung und 4K mit 60 Bildern pro Sekunde. Sie kostet weniger, hat aber keinen Stabilisator im Gehäuse. Näher an der Größe der PEN bleibt die Fujifilm X-M5 (849 bis 899 Euro), der allerdings Sucher und Sensorstabilisierung fehlen, also genau die beiden Argumente der PEN. Die Nikon Z50II verlangt UVP 999 Euro und bringt einen griffigen Körper, eine breite Motiverkennung, 4K mit 60 Bildern pro Sekunde, Vorab-Serienaufnahmen und über die Nikon Imaging Cloud herunterladbare Bildrezepte, also ein Gegenstück zu den Looks der PEN. Dafür fehlt ihr ein Sensorstabilisator, und mit 550 Gramm samt Akku und Karte ist sie spürbar schwerer.
Zwei Nachbarn außer Konkurrenz
Die Panasonic Lumix L10 sitzt mit 1.499 Euro Listenpreis eine Klasse darüber. Sie nutzt einen Sensor im selben Format, einen Sucher mit gleicher Auflösung und bis zu 30 Serienbildern pro Sekunde, hat aber ein fest eingebautes Zoomobjektiv (24–75 Millimeter, Lichtstärke 1,7 bis 2,8), wiegt 508 Gramm und ist nicht gegen Wasser geschützt. Wer ein einziges Objektiv will, das viel kann, ist dort besser aufgehoben, wer wechseln, experimentieren und etwas stabilisieren will, bei der PEN.
Die zweite Nachbarin ist die eigene Familie. Die OM-5 Mark II (UVP 1.299 Euro) hat den besseren Wetterschutz nach IP53, einen größeren Griff und schnellere Serien, teilt aber den größten Teil ihrer Elektronik mit einer Kamera, die 300 Euro weniger kostet. Die OM-3 mit gestapeltem Sensor und viel schnellerem Autofokus liegt bei 1.899 Euro. Und die Olympus PEN E-P7, an deren Entwurf sich die PEN erkennbar anlehnt, kam 2021 für etwa 800 Euro ohne Sucher auf den Markt. Gegenüber der E-P7 ist der Preis in gut fünf Jahren um knapp ein Viertel gestiegen, dafür ist die Ausstattung deutlich gewachsen: Sucher, Phasenautofokus, Spritzwasserschutz und die Rechenmodi.
Was am Ende zählt
Der Vergleich zeigt, dass die OM PEN nicht auf dem Datenblatt gewinnt. Wer die höchste Bildqualität pro Euro sucht, greift zu einer der APS-C-Kameras. Die PEN gewinnt in der Summe als Paket: Stabilisator, Sucher, Spritzwasserschutz und kleine Objektive, und das in einem Gehäuse, das tatsächlich in die Jackentasche passt.
Das Objektivsystem ist ihr eigentlicher Trumpf. Es gibt mehr als 35 kompatible M.Zuiko- und Olympus-Objektive, dazu die vielen Micro-Four-Thirds-Objektive anderer Hersteller. Und es ist ein Kostenfaktor: Der Kitzoom kostet einzeln 399 Euro, ein Ersatzakku oder eine Ladeschale kosten laut Phototrend je 69 Euro, und ein Netzteil liegt der Kamera nicht bei.
Der Versand in Europa begann am 1. Oktober, doch die Kamera scheint so sehr zu gefallen, dass sie vor Weihnachten schwer zu bekommen sein dürfte.
Fazit: Der Preis ist die Zeit
Brauche ich persönlich so einen Missing Link? Für die Arbeit nicht. Die 60-Megapixel-Kamera bleibt das Werkzeug, das sie ist, und das Smartphone bleibt der Begleiter, der immer da ist. Für den Spieltrieb allerdings schon, und das ist die Lücke, die die OM PEN füllt. Sie ist eine Einladung zum Ausprobieren, mit Lichtspuren, Mehrfachbelichtungen, Farbprofilen und einem Stabilisator, der vieles ohne Stativ erlaubt.
Zuerst braucht sie, wer vom Smartphone kommt und herausfinden will, was an einer richtigen Kamera dran ist: Mit einer Festbrennweite wie der 17-Millimeter-Optik, mit der ich unterwegs war, lässt sich die Welt der Kamerafotografie wunderbar entdecken. Dann, wer eine große Kamera besitzt und eine kleine Schwester für die Jackentasche sucht. Und schließlich jeder, der Lust hat, ganze Nachmittage mit Licht und Farbe zu verbringen.
Wer sie nicht braucht, lässt sich ebenso genau benennen. Sport und Vögel im Flug verlangen einen besseren Autofokus und einen größeren Puffer, als die PEN bietet. Wer viel filmt, vermisst 10 Bit und 4K mit 60 Bildern pro Sekunde. Und wer die beste Bildqualität pro Euro sucht, findet sie bei den APS-C-Kameras der Konkurrenz, die mit dem größeren Sensor schlicht mehr Reserven haben.
Mein Fazit nach ein paar Wochen: Das ist eine Kamera, für die man viel Zeit und Experimentierfreude braucht, um von ihren Vorzügen vollumfänglich zu profitieren. Natürlich kann man sie auch ohne große Einarbeitung als relativ günstige und handliche Immer-dabei-Kamera nutzen, aber dann verschenkt man viel von dem, was sie ausmacht. Die 999 Euro sind insofern nur der halbe Preis. Den Rest bezahlt man in Nachmittagen.
Vielleicht ist das sogar der eigentliche Reiz. Die meisten Geräte versprechen, uns Zeit zu sparen. Diese verlangt welche und zahlt sie in einer Münze zurück, die sich schwer beziffern lässt: der Freude, etwas auszuprobieren, das nicht gelingen muss. Ob es den fehlenden Zwischenschritt je gab oder ob erst die PEN ihn erfunden hat, bleibt offen. Als Jugendlicher hätte er mir jedenfalls viele langweilige Nachmittage gerettet.
FAQ – OM PEN
Die OM System PEN ist eine spiegellose Systemkamera mit Micro-Four-Thirds-Sensor (20,4 Megapixel, 17,3 × 13 Millimeter) im flachen Messsucher-Stil. Der Sucher sitzt links oben, sodass das andere Auge offen bleibt. Mit 393 Gramm samt Akku und Karte passt sie in eine Jackentasche. Sensor und Bildprozessor TruePic IX stammen von der OM-5 Mark II, hinzu kommt ein 5-Achsen-Stabilisator im Gehäuse mit bis zu 5,5 Blendenstufen.
Was kostet die OM System PEN?
Die OM System PEN kostet 999 Euro als Gehäuse und 1.099 Euro im Kit mit dem neuen Zoomobjektiv M.Zuiko 14–42 mm (im Kleinbildmaß 28–84 Millimeter). Das Kit-Objektiv kostet einzeln 399 Euro. Der Versand in Europa begann am 1. Oktober 2026. Beim Händler Calumet zeigte der Shop zum Zeitpunkt der Recherche eine Lieferzeit von etwa drei Monaten. Ersatzakku und Ladeschale kosten laut Phototrend je 69 Euro.
Für wen lohnt sich die OM PEN?
Die OM PEN lohnt sich für Umsteiger vom Smartphone, für Besitzer einer großen Kamera, die eine kleine für die Jackentasche suchen, und für alle, die gern experimentieren. Sie füllt die Lücke zwischen Oberklasse-Smartphone und professioneller Vollformatkamera. Wer sie ohne Einarbeitung nur als handliche Immer-dabei-Kamera nutzt, verschenkt einen großen Teil ihrer Möglichkeiten. Für Sport, Vogelfotografie und intensives Filmen ist sie nicht gedacht.
Welche KI-Funktionen hat die OM PEN?
Echte KI steckt in der OM PEN vor allem in der Motiverkennung des Autofokus. Sie erkennt und verfolgt Menschen samt Gesichtern und Augen sowie Hunde und Katzen, gestützt auf 121 Kreuzsensoren. Alles andere sind Rechenfotografie-Verfahren, etwa Live ND, High Res Shot mit 50 Megapixel aus der Hand, HDR und Focus Stacking. Generative KI, die Bildinhalte hinzuerfindet, hat die Kamera nicht, und KI-Rauschminderung läuft erst später am Rechner.
Wie funktioniert Lightpainting mit der OM PEN?
Lightpainting funktioniert mit der OM PEN über Live Composite, das über die Bulb-Stellung des Wahlrads aktiviert wird. Die Kamera belichtet in kurzen Einzelschritten und übernimmt nur die Stellen, die neu hinzukommen. So wächst eine Lichtspur Bild für Bild, während der dunkle Hintergrund unverändert bleibt und nicht überbelichtet. Nötig sind ein Stativ, eine dunkle Umgebung und eine bewegte Lichtquelle. Fernauslösen geht über die OI.Share-App, weil das Gewinde für einen Drahtauslöser fehlt.
Wie funktioniert die Mehrfachbelichtung bei der OM PEN?
Die OM PEN legt bei der Mehrfachbelichtung zwei Aufnahmen direkt in der Kamera übereinander. Wahlweise passt Auto Gain die Helligkeit an, indem jedes Einzelbild um die Hälfte abgedunkelt wird. Im Livebild lässt sich die Überlagerung verfolgen, während man die zweite Lage ausrichtet. Weitere Lagen sind nur über gespeicherte RAW-Bilder möglich. Besonders gut wirken dunkle Flächen, etwa Silhouetten vor dunklem Hintergrund.
Wie lassen sich bei der OM PEN Farblooks erzeugen?
Die OM PEN erzeugt Looks über einen Schalter an der Vorderseite mit den Stellungen Aus, Farbe und Mono. Gespeicherte Profile erscheinen in Echtzeit im Sucher und auf dem Monitor, es gibt je vier Speicherplätze für Farbe und Schwarzweiß. Einstellbar sind unter anderem die Sättigung von zwölf Farben in elf Stufen sowie Lichter, Schatten und Vignette. Über die App OI.Share (ab Version 1.5) lassen sich fremde Looks als Rezept übernehmen. In Lightroom geht der Look bei RAW-Dateien verloren.
Ist die OM PEN wetterfest?
Die OM PEN hat die Schutzart IPX1. Die 1 bedeutet Schutz gegen vertikal fallendes Tropfwasser, also gegen einen leichten Schauer. Das X an erster Stelle heißt, dass für Staub kein Schutzgrad geprüft wurde. Voraussetzung ist außerdem ein ebenfalls geschütztes Objektiv, und beim Laden oder mit angeschlossenem HDMI-Kabel gilt der Schutz nicht. Das neue Kit-Objektiv 14–42 mm ist das erste der Reihe mit Staub- und Spritzwasserschutz.
Welche Kameras sind Alternativen zur OM PEN um 1.000 Euro?
Die wichtigsten Alternativen sind die Fujifilm X-T30 III (UVP 949 Euro, APS-C mit 26,1 Megapixel) und die Nikon Z50II (UVP 999 Euro, 550 Gramm), beide ohne Stabilisator im Gehäuse. Die Fujifilm X-M5 (849 bis 899 Euro) hat weder Sucher noch Sensorstabilisierung. Die OM-5 Mark II kostet mit 1.299 Euro mehr, bietet aber besseren Wetterschutz nach IP53. Bei der Bildqualität pro Euro liegen die APS-C-Modelle vorn, die PEN gewinnt als Paket aus Stabilisator, Sucher und kleinen Objektiven.


