RGB, Lab & Co: Unsere Farbmodelle vertrauen siebzehn Fremden

Ende der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts saßen in zwei englischen Laboren siebzehn Menschen vor einem Lichtkreis, der am ausgestreckten Arm kaum breiter wäre als ein Daumen. Eine feine Linie teilt ihn in der Mitte, in der einen Hälfte leuchtet ein einfarbiges Licht, in der anderen ein Licht gemischt aus Rot, Grün und Blau, und die Aufgabe lautet, die drei Lampen so lange nachzuregeln, bis beide Hälften gleich aussehen und die Linie verschwindet. Ein Job so aufregend wie das Zählen von Pflastersteinen, und doch verlässt sich Ihr Handy bis heute auf das Urteil dieser Leute, von denen keiner je ein Smartphone gesehen hat.
Das Experiment lieferte die Zahlen, auf die sich bis heute die Farbnormen berufen, nach denen Kameras, Bildschirme und Drucker arbeiten, sRGB zum Beispiel. Zehn der Freiwilligen saßen bei David Wright am Imperial College in London, sieben bei John Guild am National Physical Laboratory in Teddington. Beide Gruppen kamen auf Werte, die besser zusammenpassten, als es so kleine Gruppen erwarten ließen, wie Guild selbst festhielt, und so erklärte die Internationale Beleuchtungskommission CIE 1931 das Ergebnis zum Standard. Sein Name ist Normalbeobachter, hier der Einfachheit halber Standardauge.
Alex Cooke hat die Geschichte der Siebzehn gerade auf Fstoppers nacherzählt. Sie wirft eine Frage auf: Wessen Augen schauen da eigentlich zu?
Otto Normalauge
Siebzehn Leute sind kein Durchschnitt der Menschheit, das ist gerade mal ein Kegelclub. Das Standardauge ist also eher ein Verwandter von Otto Normalverbraucher, den Sie vermutlich als Durchschnittsdeutschen schlechthin kennen. Dabei war der Normalverbraucher zunächst nur eine Rubrik: Auf den Lebensmittelkarten der Nachkriegsjahre hieß so schlicht die Karte für Erwachsene. Erst 1948 gab ihm Gert Fröbe in der „Berliner Ballade“ als Otto Normalverbraucher ein Gesicht. Normalverbraucher wie Standardauge sind Figuren, die erfunden wurden, damit ein System funktioniert, und beide taugen gerade deshalb, weil niemand ihnen genau entsprechen muss.
Dabei lieferten selbst die Siebzehn nur die halbe Miete. Gemessen wurde bloß, in welchem Verhältnis man drei Lichter mischen muss, um ein anderes Licht nachzubauen. Wie hell die Farben dabei wirken, borgte man sich aus einer bereits vorhandenen Kurve von 1924, und deren Gültigkeit nennen die Sehforscher am University College London höchst fragwürdig. Nach dem Standardwerk der Farbmessung stammt sie aus Messreihen mehrerer Forscher, die zum Beispiel im Violett bis zum Faktor zehn auseinanderlagen. Die Naht, die im Lichtkreis verschwinden sollte, verläuft seither mitten durch den Standard: Das Mischungsverhältnis stammt von den Siebzehn, die Helligkeit aus einer fragwürdigen älteren Kurve, und beides wurde zusammengenäht.
Das Blau, dem keiner traut
Die geliehene Kurve hat einen bekannten Webfehler: Sie unterschätzt, wie gut das Auge Violett und tiefes Blau wahrnimmt. Der Farbforscher Deane Judd hat das 1951 korrigiert, und die zuständige Kommission hat seine Fassung 1988 anerkannt, ausdrücklich als Ergänzung, nicht als Ersatz. Die alte Kurve blieb der Standard, und mit ihr der Fehler, und zwar in praktisch jedem Farbprofil, jenen kleinen Dateien also, die Kameras, Bildschirmen und Druckern sagen, wie sie Farben zu übersetzen haben.
Im Alltag fällt das kaum auf, denn die meisten Lichtquellen und Motive mischen viele Farben, und der Fehler sitzt am äußersten Rand des Spektrums. Heikel wird es bei knallblauen Leuchtdioden, Laserprojektion oder blauem Bühnenlicht: Wer dort einen Messwert bekommt, der sich falsch anfühlt, bildet sich das nicht unbedingt ein.
Dazu kommt das Guckloch. Die Siebzehn schauten durch ein Fenster von der Größe eines Daumens am ausgestreckten Arm. Alles, was Sie auf dem Handy beurteilen, ein Gesicht, ein Himmel, ein Sofa, ist größer. 1964 schob die Kommission deshalb einen zweiten Standard für große Felder nach, im Kern gestützt auf Messungen an 49 Personen. In der Farbverwaltung spielt er kaum eine Rolle, und auch die neueren Fassungen von 2006 und 2015, die auf den Farbsehzellen im Auge statt auf Vergleichsversuchen beruhen, haben in der Industrie bisher wenig Anklang gefunden.
Ein Urkilogramm aus Fleisch und Blut
Wie hartnäckig sich Maßstäbe halten können, zeigt das Kilogramm. Bis zum 20. Mai 2019 war ein Kilogramm so schwer wie ein Zylinder aus Platin und Iridium, knapp vier Zentimeter hoch und ebenso breit, der seit 1889 in einem Tresor bei Paris lag. Bewacht wurde er wie ein Staatsgeheimnis: Den Tresor konnten nur drei Schlüsselträger gemeinsam öffnen. Es war die letzte Grundeinheit im Messsystem der Welt, die noch an einem Gegenstand hing. Die Farbmessung dagegen hängt noch an siebzehn Menschen, und Menschen lassen sich schlecht im Tresor aufbewahren.
Die Experten der amerikanischen Gesellschaft für Lichttechnik, die das Problem 2022 in ihrer Fachzeitschrift beschrieben haben, erklären das Zögern nüchtern mit der Trägheit, die man überwinden muss, wenn man eine Messgröße austauschen will. Hier entscheidet vermutlich weniger die Wissenschaft als die Bequemlichkeit, denn ein Standard gilt nicht, weil er stimmt, sondern weil ihn alle benutzen. Dass sich das Standardauge irgendwann ändert, dürfte absehbar sein, nur der Zeitpunkt nicht. Vermutlich kommt er, wenn der Ärger über zwei Bildschirme, die laut Messgerät dieselbe Farbe zeigen und doch verschieden aussehen, größer wird als die Mühe des Wechsels.
Zwei Zeugen
Nun ließe sich einwenden, ein Standard müsse nicht wahr sein, sondern funktionieren. Das stimmt, und es ist die beste Verteidigung des Standardauges: Es sagt voraus, ob zwei Farben für den Durchschnitt gleich aussehen, und deshalb kann ein Foto von der Kamera über den Bildschirm zum Drucker wandern, ohne sich unterwegs zu verfärben. Was es nicht sagt, ist, ob die beiden Farben für Sie gleich aussehen.
Denn selbst unter lauter Menschen mit völlig normalem Farbsehen gibt es Unterschiede: in der Menge des gelben Pigments auf der Netzhaut, in einer häufigen Genvariante der Sehzellen für langwelliges Licht und im Alter der Linse, die mit den Jahren vergilbt. Zwei Menschen können deshalb vor demselben Bildschirm sitzen, Verschiedenes sehen und beide die Wahrheit sagen. Die Lichttechniker halten trocken fest, dass sich ein Farbabgleich, der für alle zugleich stimmt, schlicht nicht herstellen lässt. Und je reiner und satter das Licht der neuen Bildschirme wird, desto weiter gehen tendenziell die Urteile auseinander.
Wie schnell ehrliche Zeugen in Streit geraten, hat 2015 ein Kleid vorgeführt, das Millionen entweder für blau und schwarz oder für weiß und gold hielten. Als Beweis taugt der Fall nur halb, denn dort stritt, wie der Neurowissenschaftler Pascal Wallisch in einer Umfrage unter rund 13.000 Menschen ermittelt hat, weniger die Netzhaut als das Gehirn, das aus einem überbelichteten Foto auf das Licht im Raum schließen musste. Wer Schatten vermutete, rechnete das Blau heraus und sah Weiß und Gold. Das Kleid war übrigens, sagt der Hersteller, blau und schwarz. Beide Lager hatten trotzdem ehrlich geantwortet.
Der Künstler Josef Albers hat schon 1963 in seinem Buch „Interaction of Color“ das Austricksen des Auges zum Lehrstück gemacht. Zu seinen Übungen gehören, eine Farbe wie zwei aussehen zu lassen und zwei verschiedene Farben wie eine. Im Kern war die zweite Aufgabe auch der Auftrag der Siebzehn, nur dass ihr Auge dabei als Messgerät diente, das nichts beschreiben, sondern bloß melden sollte, ob etwas gleich aussieht. Albers interessierte, was diesem Messgerät verboten war: wie stark eine Farbe von ihrer Nachbarschaft abhängt.
Wer hat recht?
Wer hat nun recht, wenn der Kunde die Haut auf dem Foto grün findet und das Messgerät Entwarnung gibt? Vermutlich beide, jeder auf seiner Ebene, und das macht den Fall so unbequem. Das Messgerät kann belegen, dass sich die Bilddatei zwischen den Geräten vorhersehbar verhält, und genau dafür wurde die Farbverwaltung erfunden. Wie das Foto auf einen bestimmten Menschen wirkt, kann es nicht belegen. Wer trotzdem sagt, die Zahl gewinne, ist unhöflich und streng genommen unbegründet, wie Alex Cooke zu Recht anmerkt. Wer die Zahl zum Richter macht, erklärt den Menschen vor dem Bildschirm zum Messfehler.
So gesehen ist das Standardauge weder Lüge noch Wahrheit, sondern ein Vertrag, den siebzehn Leute vor fast hundert Jahren aufgesetzt haben und den seither alle unterschreiben, weil es bequemer ist als jede Alternative. Das spricht nicht gegen ihn. Es spricht nur dafür, ihn als das zu behandeln, was er ist: eine Verabredung, die sich ändern lässt, wenn man es will. Beim Kilogramm hat es 2019 geklappt. Bis die Farbe so weit ist, gilt: Verlassen darf man sich auf das Standardauge, glauben sollte man ihm nicht.
FAQ – Geschichte der Farbmodelle
Der Normalbeobachter ist eine vereinbarte Modellfigur, die die Internationale Beleuchtungskommission CIE 1931 zum Standard erklärte. Er enthält die Werte dafür, in welchem Verhältnis man drei Lichter mischen muss, um ein anderes Licht nachzubauen. Auf diesen Zahlen beruhen die Farbnormen, nach denen Kameras, Bildschirme und Drucker arbeiten, sRGB zum Beispiel.
Es waren siebzehn Freiwillige in zwei englischen Laboren: zehn bei David Wright am Imperial College in London, sieben bei John Guild am National Physical Laboratory in Teddington. Sie blickten auf einen kleinen, geteilten Lichtkreis und regelten drei Lampen in Rot, Grün und Blau nach, bis beide Hälften gleich aussahen. Die Versuche liefen in den Zwanzigerjahren, 1931 wurde das Ergebnis Standard.
Nein, siebzehn Personen können keinen Durchschnitt der Menschheit abbilden. Das Standardauge ist eine vereinbarte Figur, vergleichbar mit Otto Normalverbraucher: Sie wurde erfunden, damit ein System funktioniert, und taugt gerade deshalb, weil niemand ihr genau entsprechen muss. Es sagt voraus, ob zwei Farben für den Durchschnitt gleich aussehen, nicht, ob sie für Sie gleich aussehen.
Die Helligkeit der Farben stammt nicht von den Siebzehn, sondern aus einer älteren Kurve von 1924, die Sehforscher am University College London als höchst fragwürdig bezeichnen. Sie unterschätzt, wie gut das Auge Violett und tiefes Blau wahrnimmt. Deane Judd korrigierte das 1951, die CIE erkannte seine Fassung 1988 als Ergänzung an. Der Fehler steckt deshalb bis heute in praktisch jedem Farbprofil.
Im Alltag fällt er kaum auf, weil die meisten Lichtquellen und Motive viele Farben mischen und der Fehler am äußersten Rand des Spektrums sitzt. Heikel wird es bei knallblauen Leuchtdioden, Laserprojektion oder blauem Bühnenlicht. Wer dort einen Messwert bekommt, der sich falsch anfühlt, bildet sich das nicht unbedingt ein.
Ja, mehrere, doch die Industrie nutzt sie bisher kaum. 1964 kam ein zweiter Standard für große Felder, gestützt auf Messungen an 49 Personen, 2006 und 2015 folgten Fassungen, die auf den Farbsehzellen im Auge beruhen. Die amerikanische Gesellschaft für Lichttechnik erklärt das Zögern mit der Trägheit, die man beim Austausch einer Messgröße überwinden muss.
Weil sich selbst normale Augen unterscheiden: in der Menge des gelben Pigments auf der Netzhaut, in einer häufigen Genvariante der Sehzellen für langwelliges Licht und im Alter der Linse, die mit den Jahren vergilbt. Ein Farbabgleich, der für alle zugleich stimmt, lässt sich laut Lichttechnikern nicht herstellen. Je reiner das Licht neuer Bildschirme wird, desto weiter gehen die Urteile tendenziell auseinander.
Wenig direkt. Das Kleid zeigt, wie ehrlich zwei Menschen Verschiedenes sehen können, doch laut einer Umfrage des Neurowissenschaftlers Pascal Wallisch unter rund 13.000 Menschen stritt dort weniger die Netzhaut als das Gehirn, das aus einem überbelichteten Foto auf das Licht im Raum schließen musste. Wer Schatten vermutete, sah Weiß und Gold. Laut Hersteller ist das Kleid blau und schwarz.
Vermutlich beide, jeder auf seiner Ebene. Das Messgerät belegt, dass sich die Bilddatei zwischen Geräten vorhersehbar verhält, aber nicht, wie das Foto auf einen bestimmten Menschen wirkt. Hilfreicher ist es, gemeinsam hinzusehen: am selben Bildschirm, im selben Licht, im selben Abstand. Fotograf Alex Cooke rät zudem, sich an Verhältnisse zu halten statt an Einzelwerte.
Verlassen kann man sich darauf, glauben sollte man ihm nicht. Es funktioniert, weil es vorhersagt, ob zwei Farben für den Durchschnitt gleich aussehen, und so kann ein Foto von der Kamera über den Bildschirm zum Drucker wandern, ohne sich zu verfärben. Wahr ist es nicht, es ist eine Verabredung. Und die lässt sich ändern, wie das Kilogramm 2019 zeigte.



