Der Photoshop-Nachbau, den ein Entwickler mit Claude Opus 5.5 in Rust geschrieben haben will, hat ein vollständiges Menü und eine Selbstauskunft, die ehrlicher ist als jede Werbung.

Auf der Projektseite wird Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring freigestellt: Das Gesicht behält seine Farbe, alles andere wird grau. Ein Tester, der dieselbe Anwendung in denselben Tagen öffnete, schrieb dagegen, die Textauswahl sitze neben dem Cursor, der Regler für die Schriftgröße brauche drei Sekunden und ändere nichts, und neben jedem Menüpunkt stehe ein Tastenkürzel, auf das nichts reagiere. Beides stimmt. Dazwischen liegt eine Geschichte, die mehr über Software im Jahr 2026 verrät als jede Siegesmeldung.
Sieben Programme, ein Versprechen
Die Anwendung heißt PhotoCraft und stammt von Brandon Thomas, früher Chef von Storyteller.ai und Entwickler bei Square. Unter dem Namen ArtCraft hat er sieben Programme veröffentlicht, die Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat nachbilden: in Rust geschrieben, quelloffen und wahlweise unter MIT- oder Apache-Lizenz, für macOS, Windows und Linux. Mit Anthropics Claude Opus 5.5, schreibt er auf Reddit, wobei er Wert darauf legt, kein beiläufiger „Vibe-Coder“ zu sein, sondern ein Veteran mit fünfzehn Jahren Berufserfahrung. Dort stellte er auch in Aussicht, binnen eines Monats hundert Prozent Parität mit Adobe zu erreichen.
Der Anstoß ist persönlich: Adobe habe ihm mehrfach die Kündigungsgebühr berechnet. Dahinter steckt allerdings mehr als Ärger. In Hacker News kündigte Thomas an, auch Microsoft Office, AutoCAD und SolidWorks nachzubauen, denn alles lasse sich nun quelloffen und plattformübergreifend in Rust schreiben; seine Reddit-Zeile „Software is over“ gab Ars Technica die Überschrift. Die Programme kosten nichts, ArtCraft verkauft laut PetaPixel optionale Abos für KI-Guthaben. Und wer den Auftritt als Anwerbung liest, liegt nicht falsch: Er habe auf Reddit eine Gemeinschaft gebraucht, die Fehler meldet und Verbesserungen beisteuert, erklärte Thomas, und die nötige Aufmerksamkeit sei nun beisammen.
Verkabelt, aber nicht unter Strom
Bewiesen hat die Aktion zunächst Tempo. PhotoCraft kommt nach gut einer Woche auf 366 Änderungen, 15.200 Sterne und 2.000 Abspaltungen auf GitHub. Sterne sind allerdings Beifall, keine Prüfung. Am 30. September waren 224 von 625 Photoshop-Menüpunkten mit einem Befehl verbunden, am Tag darauf 532, inzwischen alle. Die Entwickler räumen selbst ein, dass diese Zahl nur die Verkabelung misst und nicht das Verhalten. Es ist ein Haus, in dem jede Steckdose gesetzt ist, aber nicht in jeder Strom liegt.
Das Nüchterne steht im eigenen Fahrplan, Stand 5. Oktober, mit dem Zusatz, die Maschinen im Projekt sollten ihn vor jeder Arbeit lesen. Die echte Photoshop-Parität liegt demnach deutlich unter 50 Prozent, ein Profi könnte für die tägliche Arbeit grob geschätzt zu 25 bis 35 Prozent wechseln, vollständige Parität koste viele Monate. Bei den KI-Funktionen steht eine Null. 67 von 129 Einstellungen liest kein Programmteil aus, von 25 Leistungstests erreichen drei ihr Ziel, gemessen auf einem stark ausgelasteten Rechner, und bei Photoshop-Dateien stimmt das Bild in 115 von 170 Referenzfällen mit Photoshops eigenem überein. Der Premiere-Nachbau FilmCraft schätzt sich auf 87 Prozent der Funktionsliste, aber nur 50 bis 60 Prozent Einsatzreife.
Dass diese Auskunft als hervorgehobener Hinweis in der Projektbeschreibung steht und nicht im Kleingedruckten, ist ein Pluspunkt. Der Kontrast bleibt trotzdem schneidend: auf Reddit hundert Prozent in einem Monat, im Fahrplan viele Monate. In Hacker News korrigierte sich Thomas inzwischen auf neunundneunzig Prozent in Monaten statt Jahren und lud dazu ein, das nachzumessen.
Wer hat es wirklich ausprobiert?
Einige schon. In Hacker News, wo der Beitrag auf über 170 Kommentare kam, haben mehrere das Programm geöffnet. Drei berichteten, kaum etwas funktioniere; der ausführlichste Bericht listet sieben Mängel auf, von der verrutschten Textauswahl über nicht aufklappbare Ordner bis zu Seitenleisten, die sich nicht zurückholen lassen. Das deckt sich fast Punkt für Punkt mit dem, was der Fahrplan als kaputte Grundlagen der ersten öffentlichen Nutzung verbucht. Ein anderer Tester fand, ein Foto lasse sich öffnen, das Zoomen klappe und die Menüs lägen dort, wo man sie von Photoshop erwarte. Ein dritter nannte die Oberfläche das Erstlingswerk eines Anfängers, aber halbwegs benutzbar, eher ein aufgebohrtes Paint.NET als ein Berufswerkzeug, für eine KI dennoch beachtlich.
Ob jemand die Programme systematisch durchgearbeitet hätte, ließ sich bishe nicht ermitteln. PetaPixel, Phoronix und Amateur Photographer zeigen Bildschirmfotos der Entwickler und ordnen ein, getestet haben sie nicht. Dazu sind die Tests drei Tage alt, und in diesem Projekt ist das eine Epoche: Seither erschien mindestens eine weitere Version, laut Fahrplan sank die Zahl der Tastenkürzel-Fehler von 214 auf null. Nachgeprüft hat das von außen, soweit ich sehe, noch niemand.

Für Fotografen ist ohnehin LightCraft interessanter, der Lightroom-Nachbau, und er ist ebenso nüchtern: Himmel- und Motivauswahl laufen noch über klassische Faustregeln statt über KI, Canon-CR3-Dateien öffnen sich nur als eingebettete Vorschau, Lightroom Classic ist gar nicht gemeint. Belastbare Tests dazu habe ich nicht gefunden.
Das saubere Zimmer und das schweigende Haus
Bleibt Adobe, und Adobe schweigt. PetaPixel hat angefragt und will den Artikel ergänzen, falls etwas kommt; das Magazin Computing bekam auf seine Anfrage keine Antwort. Zur Kündigungsgebühr, die Thomas so erzürnt, hat sich Adobe im März geäußert: Der Konzern schloss mit dem US-Justizministerium einen Vergleich über 150 Millionen Dollar, 75 Millionen Strafe und 75 Millionen in Gratisleistungen für Kunden, und bestritt dabei jedes Fehlverhalten.
Rechtsfragen gibt es natürlich genug. „Clean Room“ ist kein neuer Begriff: Als Phoenix Technologies 1984 sein Nachbau-BIOS für den IBM-PC vorstellte, hatte ein Team das Original gelesen und nur beschrieben, was es tut, ein zweites, das den Code nie gesehen hatte, schrieb daraus ein neues. Das Wort meint eine Trennwand zwischen Wissen und Schreiben. Bei ArtCraft ist es eine Arbeitsanweisung im Projekt: keine Adobe-Programmdateien und keinen GPL-Code lesen, nur öffentliche Beschreibungen und das von außen sichtbare Verhalten nutzen. Wer aber prüft, was ein Modell gelesen hat, bevor es sich in den sauberen Raum setzt? Die Frage taucht in der Hacker-News-Debatte mehrfach auf, PetaPixel und Phoronix nennen die Rechtslage offen. Gegen Patente, auf die PetaPixel hinweist, hilft ein sauberer Raum ohnehin nicht. Für Menüs fällt die Antwort in den USA immerhin freundlich aus: Im Streit um Lotus 1-2-3 erklärte ein Berufungsgericht 1995 ein Befehlsmenü für nicht schützbar, der Supreme Court bestätigte das 1996 nur bei Stimmengleichheit.
Was billig geworden ist, und was nicht
Bewiesen ist also zweierlei. Erstens kann ein erfahrener Entwickler mit Programmier-Agenten in wenigen Tagen das Gerüst eines Programms hinstellen, für das normalerweise ganze Teams Jahre brauchen, samt Prüfdateien, in denen Photoshop selbst als Referenz dient. Zweitens ist die sichtbare Hälfte billig geworden: 60 bis 70 Prozent dessen, was ein durchschnittlicher Photoshop-Nutzer anfasst, gibt es laut Fahrplan in irgendeiner Form.
Nicht bewiesen ist, ob sich der Rest auf dieselbe Weise kaufen lässt. Joel Spolsky schrieb 2001, gute Software brauche zehn Jahre, und warnte zugleich vor dem Überhype: Wer Version 1.0 laut ausruft, enttäuscht die, die dann tatsächlich hinschauen. Beide Sätze sind ein Vierteljahrhundert alt und passen auffallend gut auf diese Woche.
Was fehlt, lässt sich schlecht in Prüffälle gießen. Ein Kommentator in Hacker News hielt dagegen, Photoshop sei weniger Anwendung als Medium, wie Ölfarbe: Retuscheure arbeiten mit einer winzigen Teilmenge der Werkzeuge, aber dort müsse jede Bewegung sitzen, und das messe kein Test, der Pixel vergleicht.
Dazu kommt, was gar nicht im Code liegt: Erweiterungen und Skripte, für die PhotoCraft eigene, abgeschottete Schnittstellen vorsieht, die Handbücher, die Schulungsvideos, das Wissen im Büro nebenan. Auch die Bildauswahl ist ein Symbol: Die PhotoCraft-Seite zeigt ausschließlich gemeinfreie Kunst, Hokusai, Monet, Vermeer, Ansel Adams, ein Werkzeug für alle, vorgeführt an Werken, die allen gehören. Wer in Photoshop Aufträge abliefert, hat dagegen Kundschaft, Fristen und Haftung.

Wozu dann der genaue Zwilling, wo Affinity und DaVinci Resolve im Kern längst gratis sind? Amateur Photographer fragt sich das auch. Vielleicht liegt die Antwort in den Händen: Wer seit Jahren Befehl-J drückt, zieht eher in eine Wohnung, in der der Lichtschalter am gewohnten Platz sitzt. Der Zwilling ist ein Umzugswagen für Gewohnheiten, noch ziemlich leer, aber das ist neu. Dazu kommt, dass Adobe für Linux nichts anbietet und der Preisdruck auf Abonnements mit jeder freien Alternative wachsen dürfte.
Das größere Risiko ist deshalb nicht der Fehler, sondern das Verschwinden. Ein Kommentator meinte, ob das Projekt fertig werde, sage mehr über den Entwickler als über die KI. Das lässt sich in einem Jahr prüfen, nicht in einem Monat. Für Fotografen heißt das nüchtern: ein ernstzunehmendes Experiment, noch kein Ersatz. Wer es probiert, tut das an Kopien seiner Dateien und lässt die Kundenarbeit dort, wo sie liegt.
Thomas hat selbst vorgeschlagen, seine Behauptung nachzumessen. Das ist der klügste Satz der ganzen Kampagne. Kopieren lässt sich, wie Photoshop aussieht. Wie es sich anfühlt, wenn man sich darauf verlässt, muss ein Programm erst verdienen, nicht in Rechenzeit, sondern in Monaten. Vielen.



