HintergrundKI

Trumps neues Fake-Video: Zehn Sekunden Krieg, den es nie gab

Der US-Präsident postet ein KI-Video von einer brennenden iranischen Ölinsel und schreibt kein Wort dazu, dass es aus keiner Kamera stammt. Eine neue Studie liefert das Zahlenwerk zum Schaden. Und ein Buch die Vokabeln, um zu verstehen, was hier eigentlich passiert.

Fake News: Screenshot aus einem umgekennzeichneten KI Video aus dem Kanal von US-Präsident Donald Trump seiner schon im Namen der der Wahrheit verpflichteten Plattform "Truth social".
Fake News: Screenshot aus einem umgekennzeichneten KI Video aus dem Kanal von US-Präsident Donald Trump seiner schon im Namen der der Wahrheit verpflichteten Plattform „Truth social“.

Ein Soldat blickt aus dem Fenster einer Maschine, unter ihm explodiert ein Ölfeld. Tanks gehen hoch, ein Tanker am Kai brennt, Rauch schiebt sich über die Küste. Zehn Sekunden, die aussehen wie die Wochenschau eines Krieges. Nur hat sie keine Wochenschau-Redaktion gedreht. Keine Kamera war dabei, kein Pilot, kein Feuer. Das Bild kommt aus einem Rechenzentrum, und gepostet hat es der mächtigste Mann der Welt, auf seinem eigenen Kanal, ohne den kleinen Hinweis, dass hier nichts echt ist.

Kharg Island wickelt den größten Teil des iranischen Ölexports ab. Am Wochenende, kurz nachdem die USA ihre Angriffe auf iranische Stellungen wieder aufgenommen hatten, tauchten auf Truth Social zwei synthetische Videos auf, die suggerierten, die Insel werde gerade in Schutt und Asche gelegt. Am Morgen danach gab es keinerlei Beleg, dass Kharg getroffen worden war. Geblieben war nur das Bild. Und das Bild, so viel lässt sich sagen, war die eigentliche Botschaft.

Bilder beweisen nichts mehr, und der Absender weiß das

Eine bessere Werbung für mein Buch „Synthetische Wahrheit“ kann ich mir eigentlich nicht wünschen. Es ist ein Buch, das seit diesem Jahr vorliegt und dessen These der Vorfall unfreiwillig bebildert: Bilder beweisen nichts mehr. Nicht, weil Fälschung neu wäre. Sondern weil die Grenze zwischen dem, was existiert, und dem, was nur so aussieht, als hätte es existiert, praktisch unsichtbar geworden ist. Entscheidend ist nicht länger, ob ein Inhalt „echt“ ist, sondern wer ihn erzeugt hat, mit welcher Absicht und wie offen die Entstehung liegt.

Das Buch benennt für den Fall Kharg sogar eine Fachvokabel: Die Nummer, die hier vorgeführt wird, heißt die institutionelle Liar’s Dividend: Wo jedes Bild gefälscht sein könnte, gewinnt der, der fälscht, gleich doppelt. Er streut sein Wunschbild in die Welt und darf zugleich jedes unbequeme echte Bild zur Fälschung erklären. Ein Präsident, der unbeschriftete KI-Videos in einen laufenden Konflikt kippt, nutzt eine Währung, die gerade erst entsteht.

Dass Herrscher an der Wirklichkeit retuschieren, ist dabei so alt wie die Fotografie selbst. In den Bildarchiven der Sowjetunion verschwanden in Ungnade gefallene Funktionäre aus offiziellen Aufnahmen, sauber wegretuschiert, als hätte es sie nie gegeben. Der Unterschied zu heute ist keiner der Absicht, sondern der Kosten. Was früher einen Retuscheur und Wochen Handarbeit verlangte, kostet heute einen Prompt und die Wartezeit an einer roten Ampel. Die Propaganda hat industrielle Fertigungsformen gelernt.

Liefert die Wissenschaft die Munition?

Nun die Gegenprobe. Taugt die frische Untersuchung „The Synthetic Media Shift“ eines griechischen Forschungsteams als Beleg für das, was der Fall Kharg vermuten lässt? Die Antwort ist ein vorsichtiges Ja, mit einem aufschlussreichen Aber.

Die Forscher haben über 150.000 als irreführend markierte Beiträge aus den Community Notes von X (ehemals Twitter) ausgewertet, jenem Schwarm aus Nutzern, der Falsches einordnet. Drei ihrer Befunde treffen den Vorfall mitten ins Mark. Erstens: KI-Inhalte sind auf X überproportional viral. Unter den erfolgreichsten Beiträgen tauchen sie deutlich häufiger auf, als ihr Mengenanteil erwarten ließe. Zweitens verbreiten sie sich anders als klassische Falschbehauptungen, nicht über die Diskussion, sondern über das stille Weiterreichen, das schnelle Like, das Wegwischen. Man streitet nicht über das Bild, man nickt es durch. Drittens, und das ist der eigentliche Sprengstoff, versagen die automatischen Erkenner zusehends. Ihre Trefferquote bei synthetischen Bildern fiel je nach Modell um sechzehn bis sechsunddreißig Prozent zwischen Anfang 2023 und Ende 2025. Ein spezialisierter Detektor rutschte von rund fünfundsiebzig auf neununddreißig Prozent. Die Fälscher werden schneller besser, als die Prüfer nachrüsten können.

So weit die Munition. Jetzt das Aber, und es ist keine Nebensache, denn die freundlichste Erkenntnis der Studie lautet: Der Schwarm korrigiert. Einmal erkannt, erreicht ein KI-Fake schneller einen Konsens als andere Falschinhalte, mit höherer Zustimmung, weil die Maschinen bislang verräterische Spuren hinterlassen, an denen sich die Prüfer festhalten können. Man könnte das beruhigend finden. Sollte man aber nicht. Und zwar aus zwei Gründen. Der erste steht in derselben Studie: Genau diese verräterischen Spuren verschwinden, Modell für Modell. Das Sicherheitsnetz besteht aus einem Material, das sich gerade auflöst. Der zweite Grund steht nicht in der Studie, sondern ist ihre blinde Stelle. Untersucht wurden gewöhnliche Nutzer, nicht Staatschefs. Ein Fake, den hunderttausend Freiwillige nach elf Stunden einfangen, ist eine Sache. Ein Fake vom offiziellen Konto des Präsidenten ist eine andere. Gegen die institutionelle Liar’s Dividend hilft kein Community-Vermerk, denn ihr Gewinn liegt nicht im Geglaubtwerden. Er liegt in der Erosion visueller Glaubwürdigkeit selbst.

Nicht Leichtgläubigkeit ist die Gefahr, sondern das Achselzucken

Und damit kippt das gängige Schreckensbild. Die Sorge, wir könnten bald jedes Fake für bare Münze nehmen, greift zu kurz. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil. Wer täglich mit synthetischen Bildern beschossen wird, hört irgendwann auf, überhaupt noch etwas zu glauben. Und wo niemand mehr etwas glaubt, gewinnt nicht der Wahrhaftigste, sondern der Lauteste. Genau darauf zielt, bewusst oder nicht, wer den Zweifel zur Dauereinrichtung macht. Die Studie zeigt, wie das mechanisch funktioniert. Mein neues Buch zeigt, was es mit uns macht.

Bleibt die unbequeme Frage, wer eigentlich prüft, wenn der Fälscher im Weißen Haus sitzt und die Detektoren müde werden. Das Buch beantwortet die Frage nicht mit Technik, sondern mit Haltung, und mit sieben knappen Regeln, von denen die erste alles Nötige sagt: Traue weder Bild noch Text noch Stimme allein. Frag nach Herkunft, Kontext und Interesse. Das klingt altmodisch neben einer Videofälschung in Zehn-Sekunden-Qualität. Vermutlich ist es das auch. Nur ist Altmodisches manchmal das Einzige, was bleibt, wenn die neumodischen Werkzeuge versagen.

Wahrhaftigkeit wird zur neuen, harten Währung. Da bin ich mir ziemlich sicher. Der Fall Kharg legt nahe, dass der Kurs bereits steigt. Man erkennt es daran, wie billig die Fälschung geworden ist. Und daran, wer sie sich inzwischen leistet.


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Medienkompetenz
in Zeiten von KI

Bilder beweisen nichts mehr. Generative KI hat die Grenze zwischen echter und simulierter Wirklichkeit nahezu unsichtbar gemacht. In „Synthetische Wahrheit“ liefert DOCMA-Herausgeber Christoph Künne eine fundierte und nüchterne Bestandsaufnahme dieses historischen Epochenbruchs. Fernab von Technik-Euphorie und apokalyptischen Untergangsszenarien. 


Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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