Fotografie und KI: Das Bild entsteht vorher, das Erlebnis vor Ort
Ich generiere inzwischen viele Bilder mit KI und fotografiere trotzdem wie zuvor. Die Grenze ziehe ich dort, wo ich dabei sein muss, um zeigen zu können, was ich gefühlt habe.

Dunkle Wolken, etwas Sonne, Flamingos im flachen Wasser der Laguna Tajzara. Altiplano, kalter Wind. Ich suche eine Perspektive, baue das Stativ auf, eine Wolkenlücke reißt auf und schließt sich wieder. Warten. Irgendwann lässt der Wind nach, der Blick geht immer wieder bang Richtung Sonne, es wird klarer, Hoffnung – und dann Bang!
Mein Freund Detlef steht neben mir, keiner von uns sagt etwas, wir sind einfach nur fasziniert von diesem fantastischen Schauspiel. Denn die Wolken glühen und brennen und die letzten Strahlen tauchen die Landschaft auf rund 3.700 Metern Höhe in ein einzigartiges Licht.
Das Bild entsteht, bevor ich losfahre.

Seit 2008 reise ich zu aktiven Vulkanen, später kamen Wüsten und Landschaften dazu, die eher nach einem fremden Planeten aussehen als nach der Erde. Ab 2017 war das mein Beruf, heute bin ich meist noch einmal im Jahr unterwegs. Aus diesen Reisen sind die Bildbände Volcanic 7 Summits und Himmel und Hölle entstanden, und die Geschichten dahinter habe ich in Multivisionen auf Bühnen wie der Mundologia in Freiburg erzählt.

Wenn ich dort zeige, wie viel Zeit und Aufwand hinter einem einzelnen Bild steckt, ist das Erstaunen jedes Mal groß. Der größte Teil dieser Arbeit passiert lange vor der Abreise: Recherche, Planung und viele Überlegungen dazu, wo ich zu welcher Zeit stehen muss. Vor Ort muss ich im besten Fall nur noch auslösen.
Das ist die Kurzversion, zu diesem Vorgehen habe ich ganze Workshops gegeben. Es hat aber eine angenehme Folge: Die Abende gehen selten leer aus. Wenn Sie selbst Landschaften fotografieren, kennen Sie das wahrscheinlich, offen bleibt am Ende nur das, was sich nicht planen lässt. An der Laguna Tajzara waren das die Wolken.

Zeigen, was ich beim Auslösen gefühlt habe
Warum der ganze Aufwand? Weil mich diese Landschaften faszinieren und ich diese Faszination ins Bild bringen will. Mich interessiert, wie sich ein Ort anfühlt, seine Weite und seine Kraft. Ein Foto ist für mich dann gelungen, wenn es zeigt, was ich im Augenblick des Auslösens gefühlt habe. Und ich zeige diese Orte auch, damit sie bewahrt werden, meine Bilder sind eine Art Werbung für die Erde, die wir haben.

Meine Leidenschaft für die Natur, für Mutter Erde, ist der eigentliche Grund, warum ich immer wieder losziehe. Deshalb fotografiere ich alles, was mit Reisen und Abenteuer zu tun hat, und generiere es nicht. Klar, Flamingos vor glühenden Wolken bekäme ich heute auch mit einem Bildmodell hin, vermutlich sogar überzeugend. Hinter diesem Bild stünde aber kein Abend, den es wirklich gab, kein Wind, kein Warten und niemand, mit dem ich ihn erlebt habe.
Wenn Sie selbst mit Stativ auf Ihr Licht warten und sich inzwischen manchmal fragen, ob sich das noch lohnt: Für mich ist genau dieser Teil der, den kein Bildmodell liefert.
Am Schreibtisch: Drachen und Raumschiffe
Mit KI baue ich andere Bilder, meist Motive, die es nicht gibt: Science-Fiction, Drachen, Welten, in die keine Expedition führt. Auch dahinter steckt eine Leidenschaft, eben eine andere als draußen. Fantasy, keine Realität. Und auch hier entsteht das Bild zum größten Teil vorher. Die Idee steht, bevor ich zum ersten Mal generiere, und am Prompt feile ich, bis der erste Versuch meist schon recht gut ist.
Das ist nur bedingt mit der Planung einer Tour vergleichbar, am Schreibtisch reden weder Wind noch Wolken mit. Der Grundsatz ist trotzdem derselbe, das Ergebnis hängt an der Vorarbeit. Fotografie und KI schließen sich bei mir deshalb nicht aus, das Wissen aus der einen Welt fließt direkt in die andere. Im Prompt beschreibe ich Licht so, wie ich es draußen lese: woher es kommt, wie hart es ist, zu welcher Tageszeit. Ich denke in Brennweiten und Bildausschnitten, bevor ich das erste Wort schreibe.
Noch lange nach Sonnenuntergang
An der Laguna Tajzara erhöhe ich mit zunehmender Dunkelheit den ISO-Wert und die Belichtungszeit und drücke in regelmäßigen Abständen auf den Auslöser. Und bin begeistert davon, was ich auf meinem kleinen Monitor sehe. Aber noch viel begeisterter bin ich davon, wie das Licht noch weit nach Sonnenuntergang die Landschaft mit seiner Magie verzaubert und davon, wieder einmal einen unvergesslichen Abend in der Natur erlebt zu haben.




