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Fotografiska Berlin: Zwölftausend fremde Dias und zwei berühmte Fotografen

Ein Junge hält einen Wasserball in die Kamera. Die Mutter hat die Augen zu, dem Hund fehlt der Kopf. Zwei Handbreit höher ein Weihnachtsbaum unter zu viel Lametta, daneben ein Straßenkreuzer, andächtiger fotografiert als die Familie davor. Lauter Bilder, die kein Fotograf je hergezeigt hätte, von Leuten, die nie damit gerechnet haben, einmal im Museum zu leuchten. Im Fotografiska Berlin leuchten sie jetzt. Lee Shulman hat für „No Place Like Home“ rund 12.000 anonyme Dias aus den fünfziger Jahren zu turmhohen, hinterleuchteten Totems verbaut. Im abgedunkelten Saal stehen sie da wie die erleuchteten Fenster eines Mietshauses bei Nacht. Man geht nicht an Bildern entlang, man geht durch eine Nachbarschaft.

Der Zufall als bester Kurator

Angefangen hat das Ganze mit einer Kiste herrenloser Dias. Inzwischen ist Shulmans „Anonymous Project“ auf rund eine Million Aufnahmen angewachsen, eines der größten Privatarchive analoger Amateurfotografie überhaupt. Niemand darin ist berühmt, niemand hat je an ein fremdes Publikum gedacht. Genau das ist der Trick: Weil Namen, Daten und Orte getilgt sind, bleibt vom Einzelfall nur noch die Geste. Ein Geburtstag ist dann nicht mehr dieser Geburtstag, sondern der Geburtstag seiner Zeit.

Warum rührt uns so etwas mehr als die meisten professionellen Porträts? Vermutlich, weil hier niemand etwas will. Kein Auftrag, keine Pose für den Markt, keine Bildsprache, die sich selbst zitiert. Der Familienvater hat schlicht auf den Auslöser gedrückt, weil der Moment schön war, und dabei aus Versehen etwas getroffen, das fünfzig Jahre später noch trägt.

Der Diaabend, wiederauferstanden

Historisch ist die Sache hübsch geschlossen. Kodachrome machte Farbe in den fünfziger Jahren familientauglich, und mit dem Rahmen kam das Ritual: der Diaabend, gefürchtet und geliebt zugleich, Verdunkelung im Wohnzimmer, das Klacken des Magazins, die Verwandtschaft im Dämmerlicht. Shulman führt dieses Ritual zurück, nur ohne Onkel am Projektor und ohne Kommentar. Was damals private Zumutung war, ist heute Ausstellung.

Diese Dias haben überlebt, weil sie Dinge sind, Pappe und Film, die man auf dem Flohmarkt weiterreichen kann. Von den vielen tausend Aufnahmen, die heute auf einem durchschnittlichen Telefon verkommen, wird niemand je eine Kiste ersteigern. Wir fotografieren mehr als jede Generation vor uns und hinterlassen vermutlich weniger. Ein leicht unangenehmer Gedanke für einen so freundlichen Raum.

Was Sie mitbringen sollten

Eine Lupe. Das ist kein Scherz. Auf den Leuchtrahmen stecken so viele Dias so dicht beieinander, dass der ganze Spaß erst beginnt, wenn man nah herangeht und die kleinen Katastrophen im Hintergrund entdeckt: den beleidigten Schwager, die schiefe Perücke, das Kind, das gerade etwas Verbotenes tut. Und viel Zeit. Wer in einer halben Stunde durchgeht, hat die Ausstellung gesehen, aber nicht gelesen. Noch bis zum 1. November 2026.

Falls Sie die Lupe zu Hause vergessen: Die 15 Euro Eintritt bei Fotografiska Berlin lohnen sich auch so, denn es hängen zwei weitere Ausstellungen im Haus.

Da wäre zum einen die großartige Corbijn-Retrospektive, fünfzig Jahre Anton Corbijn in knapp 150 Arbeiten, und sie besticht vor allem durch das Großformat vieler Motive. Nebenbei lernt man dort, dass fototechnische Präzision völlig überbewertet ist. Körnung, Unschärfe, abgesoffene Schatten: alles kein Hindernis fürs eindrucksvolle Bild. Man braucht vielmehr ein Gespür für die Situation und einen prominenten Musiker, der bereit ist, Zeit mit einem zu verbringen. Letzteres ist, zugegeben, der schwierigere Teil. Bis 20. September 2026.

Zum anderen zeigt Bruce Gilden unter dem Titel „Why These?“ neben den üblichen und oft gezeigten Nahaufnahmen auch Schwarzweißbilder aus den Siebzigern und Achtzigern, aus Coney Island, Haiti, New York und Tokio, und die sind der eigentliche Gewinn. Wer sie sehen will, muss sich beeilen: nur noch bis zum 23. August 2026.

Bleibt eine Beobachtung, die beide Promi-Fotografen-Ausstellungen verbindet. Sowohl bei Corbijn als auch bei Gilden war das lehrreichste Exponat nicht das Bild an der Wand, sondern das Interviewvideo daneben. Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses Museumsbesuchs: Fotografien zeigen, was jemand gesehen hat. Warum und wie er sie gemacht hat, muss er einem schon selbst erzählen.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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