ARD/ZDF-Medienstudie 2026: Skeptisch im Kopf, Daumen auf Autopilot

Die neue ARD/ZDF-Medienstudie 2026 zeigt: Die Deutschen nutzen künstliche Intelligenz so viel wie nie und trauen ihr trotzdem kaum. Für unseren Umgang mit Bildern ist das keine beruhigende Nachricht.
Ein Eisbär schiebt einem Fischer das festgefrorene Boot aus dem Packeis. Nächster Clip: Ein Bürgermeister durchschneidet ein rotes Band vor einer neuen Brücke. Dann ein Golden Retriever am Dirigentenpult, das Orchester folgt seinem Schwanz aufs Zehntel genau. Drei Sekunden pro Bild, ein Wisch mit dem Daumen, weiter. Welches dieser Bilder ist vor einer Kamera entstanden? Der Daumen fragt nicht. Er hat keine Zeit dafür.
Man könnte diese Szene für eine Karikatur halten, hätte die ARD/ZDF-Medienstudie 2026 nicht gerade die passenden Zahlen geliefert. Die 14- bis 29-Jährigen verbringen täglich rund zweieinhalb Stunden mit Bewegtbild auf Abruf. Videos in sozialen Netzwerken kommen bei ihnen allein auf 47 Minuten am Tag, elf mehr als im Vorjahr. Zugleich ist die künstliche Intelligenz binnen eines Jahres vom Spielzeug der Neugierigen zum Alltagswerkzeug geworden: 59 Prozent der Befragten ab 14 Jahren nutzen KI-Anwendungen zumindest gelegentlich, 2025 waren es noch 42 Prozent. Wöchentlich greifen 37 Prozent zu, fast doppelt so viele wie zuvor. Unter den Jüngeren sind es beinahe alle, nämlich 92 Prozent.

Das Misstrauen hat keinen Finger
So weit, so erwartbar. Interessant wird es bei der Frage nach dem Vertrauen. Nur 3 Prozent halten Informationen, die eine KI erzeugt oder zusammengefasst hat, für sehr vertrauenswürdig. Gut die Hälfte begegnet den Ergebnissen mit Skepsis und betrachtet die Maschinen als Werkzeuge, deren Ausgabe man im Zweifel prüfen muss. 81 Prozent der regelmäßigen Nutzer finden Quellenangaben wichtig. Und dann kommt der Befund, der die ganze Erhebung zusammenfasst, ohne dass ihn jemand so formuliert hätte: Nur 6 Prozent klicken jedes Mal auf diese Quellen.
Das ist kein Widerspruch, das ist ein Muster. Skepsis ist eine Haltung, Prüfen ist Arbeit. Die Haltung kostet nichts, die Arbeit kostet Zeit, und Zeit ist genau das, was der Strom der Bilder nicht hergibt. Wer schon bei einem Text, der seine Quelle als Fußnote gleich mitliefert, lieber nicht nachsieht, wird bei einem Bild erst recht nicht nachsehen. Denn das Bild liefert überhaupt keine Fußnote. Es behauptet einfach. Und es behauptet schneller, als jeder Einwand nachkommt.
Hier liegt die eigentliche Pointe der Studie, und sie steht nicht in den Tabellen. Gemessen werden Minuten, Reichweiten, Plattformen. Nicht gemessen wird, was in diesen Minuten über den Bildschirm läuft, ob es aufgenommen, bearbeitet oder aus dem Nichts errechnet wurde. Das ist kein Vorwurf an die Forscher, ihr Instrument ist dafür schlicht nicht gebaut. Es ist aber eine bezeichnende Lücke: Wir wissen ziemlich genau, wie lange die Menschen hinsehen, und ziemlich wenig darüber, was sie dabei eigentlich sehen.
Geister auf der Glasplatte
Neu ist das Problem nicht, nur sein Tempo. In den 1860er-Jahren verkaufte der Fotograf William Mumler Porträts, auf denen hinter den Lebenden blasse Verstorbene schwebten. Doppelbelichtung, nichts weiter. Dennoch glaubten viele Kunden daran, weil die Fotografie jung war und man ihr ein Vorrecht einräumte, das sie nie verdient hatte: die Unfähigkeit zu lügen. Mumler stand 1869 in New York vor Gericht und wurde freigesprochen. Der Glaube an die Wahrhaftigkeit des Lichtbilds hat ihn um gut anderthalb Jahrhunderte überlebt.
Diese Unschuld ist nun endgültig aufgebraucht. Spätestens seit im Frühjahr 2023 ein mit Midjourney erzeugter Papst in weißer Daunenjacke um die Welt ging, weiß jeder, dass ein fotorealistisches Bild nichts mehr beweist. Das Paradoxe daran: Das Wissen hat an den Sehgewohnheiten wenig geändert. René Magritte malte Ende der 1920er-Jahre eine Pfeife und schrieb darunter, dies sei keine Pfeife. Heute müsste man unter jedes zweite Bild schreiben, dies sei kein Foto. Nur liest niemand die Unterschrift, wenn das nächste Bild schon heranrollt.
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in Zeiten von KI
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Die Bilder verlieren ihren Absender
Die Studie zeigt noch eine zweite, leisere Verschiebung. Das lineare Fernsehen erreicht täglich noch 56 Prozent der Bevölkerung, die Abrufangebote 55 Prozent. Bei den 30- bis 49-Jährigen fiel die Tagesreichweite des klassischen Fernsehens binnen eines Jahres von 45 auf 39 Prozent. Das klingt nach Branchenstatistik, hat aber Folgen für das Sehen selbst.
Das Fernsehen war bei allen Schwächen ein Ort mit Absender. Wer ein Bild in den Abendnachrichten sah, wusste, wer dafür geradesteht. Im Endlosstrom der Plattformen steht niemand gerade. Da läuft ein Kanal mit Fantasienamen neben einer Nachrichtenredaktion und einem Bildgenerator, alle im selben Format, alle gleich groß, alle drei Sekunden lang.
Neil Postman warnte 1985, das Fernsehen verwandle alles in Unterhaltung. Er konnte nicht ahnen, dass der nächste Schritt darin bestehen würde, die Frage nach der Herkunft eines Bildes für unerheblich zu erklären. Nicht weil sie beantwortet wäre, sondern weil sie niemand mehr stellt.
Was bleibt dem Auge?
Nun wäre es bequem, daraus eine Untergangsgeschichte zu machen. Die Zahlen geben sie allerdings nicht her. Dieselbe Studie zeigt, dass Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia wöchentlich zulegen, von 35 auf 39 Prozent, und dass Suchmaschinen stabil bleiben. Die KI verdrängt die alten Wege der Prüfung offenbar nicht, sie kommt hinzu. Und die verbreitete Skepsis ist durchaus ein Pfund: Eine Bevölkerung, die ihren Maschinen misstraut, ist besser gerüstet als eine, die ihnen blind glaubt.
Der ARD-Vorsitzende Florian Hager will die Sender entsprechend als Instanz der Einordnung gegen Fälschungen aufstellen. Das ist richtig gedacht aber schwer gemacht, denn Einordnung kommt immer nach dem Bild, und das Bild ist immer schon weitergewischt.
Vermutlich liegt die Lösung weniger in besseren Warnhinweisen als in einer neuen Sehgewohnheit: Bilder nicht mehr als Beweis zu lesen, sondern als Behauptung, die einen Absender braucht. Das klingt nach Medienpädagogik, ist im Grunde aber eine sehr alte Kulturtechnik. Niemand hält ein Gemälde für einen Augenzeugenbericht. Man fragt, wer es gemalt hat und warum. Genau diese Frage kehrt nun zurück, nur eben für jedes Bild.
Ob die Generation der 92 Prozent sie stellen wird? Möglich. Sie ist mit dem Wissen aufgewachsen, dass alles gemacht sein kann. Vielleicht gelingt gerade ihr der Schritt vom Misstrauen im Kopf zum Zögern im Daumen. Die Studie des nächsten Jahres wird das vermutlich nicht messen. Prüfen kann es aber jeder an sich selbst, beim nächsten Eisbären im Packeis.
FAQ – ARD/ZDF-Medienstudie 2026
Was ist die ARD/ZDF-Medienstudie 2026?
Die ARD/ZDF-Medienstudie 2026 ist eine repräsentative Untersuchung zur Mediennutzung der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren, beauftragt von der ARD/ZDF-Forschungskommission. Für die Ausgabe 2026 befragte das Institut GIM zwischen dem 27. Januar und dem 19. April 2026 insgesamt 2.462 Personen, rund 70 Prozent per Telefon und 30 Prozent über ein Onlinepanel. Die Ergebnisse wurden am 22. September 2026 veröffentlicht.
Wie viele Menschen in Deutschland nutzen KI-Tools laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026?
Laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 nutzen 59 Prozent der Menschen ab 14 Jahren KI-Tools zumindest gelegentlich, nach 42 Prozent im Jahr 2025. Mindestens wöchentlich greifen 37 Prozent zu (2025: 22 Prozent), täglich 13 Prozent (2025: 7 Prozent). Das Altersgefälle ist groß: Bei den 14- bis 29-Jährigen nutzen 92 Prozent KI-Tools, bei den über 70-Jährigen 15 Prozent.
Vertrauen die Deutschen den Ergebnissen von KI-Tools?
Überwiegend nicht. Laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 halten nur 3 Prozent von KI erzeugte oder zusammengefasste Informationen für sehr vertrauenswürdig und 33 Prozent für vertrauenswürdig. 38 Prozent stufen sie als weniger vertrauenswürdig ein, 16 Prozent als nicht vertrauenswürdig. 54 Prozent sehen KI-Tools als Werkzeuge, deren Ergebnisse im Zweifel überprüft werden müssen.
Klicken KI-Nutzer auf die angegebenen Quellen?
Nur selten. 81 Prozent derjenigen, die KI-Tools mindestens monatlich nutzen, halten Quellenangaben für wichtig oder sehr wichtig. Jedes Mal auf diese Quellen klicken laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 aber nur 6 Prozent, weitere 32 Prozent in den meisten Fällen. Zwischen der geäußerten Skepsis und dem tatsächlichen Prüfverhalten besteht damit eine deutliche Lücke.
Wie viel Zeit verbringen junge Menschen mit Videos in sozialen Netzwerken?
Die 14- bis 29-Jährigen schauen laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 täglich 47 Minuten Videos in sozialen Netzwerken, nach 36 Minuten im Vorjahr. Insgesamt verbringt diese Altersgruppe rund 150 Minuten am Tag mit Bewegtbild auf Abruf, lineares Fernsehen kommt bei ihr nur auf 24 Minuten. Der Zuwachs bei der nicht linearen Videonutzung geht in dieser Gruppe fast ausschließlich auf soziale Netzwerke zurück.
Wird lineares Fernsehen noch genutzt?
Ja, aber mit sinkender Reichweite. Laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 schauen täglich 56 Prozent der Menschen ab 14 Jahren lineares Fernsehen, Videoangebote auf Abruf erreichen 55 Prozent. Bei den 30- bis 49-Jährigen fiel die Tagesreichweite des linearen Fernsehens binnen eines Jahres von 45 auf 39 Prozent. Bei den über 70-Jährigen bleibt es mit 89 Prozent Tagesreichweite ein Massenmedium.
Warum verändert generative KI die Sehgewohnheiten beim Bildkonsum?
Generative KI erzeugt fotorealistische Bilder und Videos, die sich im schnellen Strom sozialer Netzwerke kaum von echten Aufnahmen unterscheiden lassen. Da Kurzvideos oft nur wenige Sekunden betrachtet werden, bleibt kaum Zeit, die Herkunft eines Bildes zu prüfen. Die Kolumne argumentiert, dass Bilder deshalb nicht mehr als Beweis gelesen werden sollten, sondern als Behauptung, die einen erkennbaren Absender braucht.
Misst die ARD/ZDF-Medienstudie, wie viele KI-generierte Bilder konsumiert werden?
Nein. Die ARD/ZDF-Medienstudie erfasst Nutzungsdauer, Reichweiten und Plattformen, aber nicht, ob die gesehenen Bilder und Videos aufgenommen, bearbeitet oder mit KI erzeugt wurden. Abgefragt wird die Nutzung von KI-Tools und das Vertrauen in deren Ergebnisse. Wie hoch der Anteil synthetischer Inhalte am täglichen Bildkonsum ist, geht aus der Studie nicht hervor.
Bisher nicht. Laut ARD/ZDF-Medienstudie 2026 bleiben Suchmaschinen mit 84 Prozent wöchentlicher Nutzung die meistgenutzte Internetanwendung. Online-Nachschlagewerke wie Wikipedia legen sogar zu, von 35 auf 39 Prozent wöchentlicher Nutzung. Die Zahlen deuten darauf hin, dass KI-Dienste zusätzlich zu etablierten Recherchewegen genutzt werden, statt sie zu verdrängen.
Wie kann man KI-generierte Bilder im Alltag kritisch einordnen?
Der wichtigste Schritt ist, bei einem Bild nach dem Absender zu fragen: Wer hat es veröffentlicht, und steht eine erkennbare Redaktion oder Person dafür ein? Fotorealismus ist seit Bildgeneratoren wie Midjourney kein Beleg für Echtheit mehr. Bei überraschenden oder emotionalen Bildern hilft es, vor dem Teilen innezuhalten und die Quelle über eine Suchmaschine oder ein Nachrichtenangebot zu prüfen.




