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C/O Berlin: Das Werk des Walter Schels

Farbschlieren, Pflanzenreste, ein chemischer Zufall, gerahmt wie ein Gemälde. Ein paar Schritte weiter der Dalai Lama, Joseph Beuys, ein Säugling, ein Sterbender. Dass beides von derselben Hand stammt, hätte bis vor Kurzem kaum jemand vermutet. C/O Berlin zeigt zum 90. Geburtstag von Walter Schels die erste große Berliner Rückschau auf sein Werk, „16° Fische“, im Amerika-Haus noch bis zum 2. September. Über 300 Arbeiten aus fast sieben Jahrzehnten, und das ist hier keine Zahl fürs Plakat, sondern die eigentliche Nachricht. Der Rundgang gibt einen ausgesprochen breiten Eindruck von diesem Schaffen: New Yorker Straßenfotografie der sechziger und siebziger Jahre, die Serien „Blind“, „Noch mal leben“ und „trans*“, dazu Übermalungen, Solarisationen und abstrakte Versuche mit Fotochemie, die kaum je öffentlich zu sehen waren. Ein Begleitband bei Steidl gehört dazu.

Verschönert wird dieAusstellung noch in ein paar Filmausschnitten, die ihn in seinem legendären Atelier bei der Arbeit zeigen. Kein Vortrag über Fotografie, sondern Hände, Papier, Geduld. Wer je wissen wollte, woher die unerbittliche Ruhe dieser Gesichter kommt, sieht es dort in wenigen Minuten.

Natürlich birgt solche Fülle ein Risiko. „Noch mal leben“ wirkt so stark, dass die stilleren Blätter daneben leicht verschwinden könnten. Die Hängung hält dagegen, und so bleibt eine produktive Irritation: War die Strenge der Porträts immer nur die eine Hälfte, und lag die andere im Labor der Dunkelkammer? Die Antwort ist uneindeutig.

Wer schon im C/O Berlin-Haus ist, sollte auch die Ausstellung im Obergeschoß einplanen, muss sich aber auf etwas ganz anderes einstellen: „The Lure of the Image. Wie Bilder im Netz verlocken“ läuft bis zum selben Tag, stammt vom Fotomuseum Winterthur. Vierzehn Positionen, darunter Hito Steyerl, Jon Rafman und Sara Cwynar, verhandeln Schönheitsfilter, Memes, ASMR und Emojis. Hier geht es allerdings weniger um Fotografie als um Kunst: Videoinstallationen, Collagen, Archive, Bildschirme, empfohlen ab 16 Jahren (weil da auch Nacktheit zu sehen ist). Wer aus Schels‘ Handabzügen kommt, steht unvermittelt in Räumen, in denen kein Bild mehr mit einer Hand in Berührung gekommen ist. Der Kontrast ist lehrreich.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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