Fine Art Photography: Zwecklos, aber limitiert

Ein Begriff, der Freiheit verspricht und nach Fachkamera riecht: Warum sich Fine Art kaum erklären lässt und sich trotzdem so gut verkauft.
Der Fels liegt im Abendlicht, jede Nuance seiner Strukturen lässt sich mit der Lupe erforschen, die Brandung am seinem Fuß wirkt wie weich umfließend. Darunter, in zierlicher Schrift: Fine Art Print, signiert, Auflage zehn. Das Papier, versichert das Etikett, bringt 310 Gramm pro Quadratmeter auf die Waage und besteht aus feinster Baumwolle. Das Bild ist makellos. Nur lässt sich schwer sagen, was es einen fragt, was es bedeutet, außer schön zu sein.
Der Begriff unter dem Felsen begegnet einem inzwischen überall, auf Papierschachteln, in Kursankündigungen, in Buchtiteln. Auch das Buch, das ich kürzlich bestellt habe, trägt ihn im Namen: Fine-Art-Fotografie von Christoph Jäggi, erschienen bei dpunkt, 246 Seiten, Untertitel „Dein Weg zu künstlerischem Ausdruck“. Schon die Einleitung hat mich geärgert, weil der Begriff wieder einmal benutzt wird, als wäre er geklärt. Aber lässt er sich überhaupt klären? Ich gestehe: Hätte ich ihn verstanden und wüsste, wie man ihn praktisch umsetzt, hätte ich das Buch vermutlich gar nicht erst bestellt.
Drei Schubladen und ein Etikett
Wer in die Fotografie hineinwächst, lernt zunächst drei Sorten Bilder kennen: solche, die sich verkaufen lassen, solche, die sich ausstellen lassen, und solche, die man macht, um verlässlich Fotos hinzubekommen, die eines von beidem leisten, idealerweise beides. Im Studium kam bei mir dann eine Art Landkarte hinzu. Vor allem in Deutschland und einigen anderen Ländern Europas teilt sie die Fotografie in zwei Welten (andere Kulturen sehen das weniger eng). Auf der einen Seite liegt die Hochkultur, die man in Museen und Ausstellungen findet und die nach ästhetischen oder intellektuellen Maßstäben entsteht. Auf der anderen Seite die Popularkultur, also die angewandte, eher handwerkliche Fotografie, unter die im Grunde alles andere fällt, auch die Bilder, die sich gut verkaufen. Treffen tun sich die beiden Welten nur im Kunstmarkt. Aber der ist eine Angelegenheit für eine winzige Gruppe von Sammlern, Investoren, vielen verstorbenen und wenigen lebenden Künstlern.
In diese Landkarte wollte der Begriff Fine Art Fotografie nie recht passen. Er beschreibt eine Gattung, in der die Kamera ein Werkzeug ist, um eine persönliche Vision, eine Idee oder ein Gefühl auszudrücken. Das klingt unzweideutig nach Kunstfotografie, und das Wörtchen fine bürgt für ihre Zweckfreiheit. Warum also die Irritation? Weil die Praxis anders aussieht.
Hi-Fi für die Bildwand
In der Praxis besteht die Vision vieler Fine-Art-Fotografen vor allem darin, mit maximalem oder exotischem Technikeinsatz ein Motiv (Landschaft, Mensch, Architektur, Stillleben) in bestmöglicher Auflösung einzufangen. Gern mit analoger Fachkamera, bei optimalem Licht, das entweder selbst gesetzt oder der Echtheit zuliebe stundenlang abgewartet wird. Danach soll das Ergebnis auf hochwertigem Papier, idealerweise in einem historischen Verfahren, sichtbar und fühlbar werden. Ein hehres Unterfangen. Nur kamen mir die Ergebnisse dann oft seelenlos erstarrt oder langweilig vor, bestenfalls vom Effekt her interessant. Man könnte es Bildende Kunst für Techniknerds nennen. Es erinnert an Hi-Fi-Freunde, die ihrer Anlage zuhören statt der Musik: Alles ist glasklar, nur die Frage, was eigentlich gespielt wird, bleibt offen.
Fairerweise muss man sagen, dass das Buch selbst das Problem zu kennen scheint. Der Verlag verspricht, die nötige Technik zu vermitteln, ohne sie in den Mittelpunkt zu stellen und der Autor argumentiert, die Kameras ließen kaum noch Wünsche offen; gebraucht würden keine besseren Geräte, sondern Bilder, die etwas bedeuten, statt bloß genau zu sein. Das ist, bei aller Skepsis, ziemlich genau der Einwand, den man der Technikfraktion machen würde. Leider wird im trotz vieler schöner Worte und mach interessantem Bildlichem Ansatz kaum Rechnung getragen.
Der Trainer, die Tabelle und der Abbé
Aber vielleicht liegt die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Selbstverständnis. Der Autor erklärt zunächst, ein guter Lehrer müsse nicht zwingend ein guter Praktiker sein. Das lässt sich in Grenzen vertreten. Er stützt es mit einem Blick auf den Leistungssport, wo die besten Trainer seiner Meinung nach keine glanzvollen Spielerkarrieren vorweisen müssten. Ob das in den oberen Ligen stimmt, darf man bezweifeln. Aber selbst wenn: Der Vergleich hinkt, denn im Sport entscheidet am Ende die Tabelle. Wer Meister wird, hatte recht, gleich wie weit er es als Spieler gebracht hat. In der Kunst gibt es keine Tabelle.
Ebenso skeptisch darf man seiner Herleitung des Begriffs „Fine Art“ sein, die ihn aus der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts ableitet. Die Spur führt deutlich weiter zurück, zu Charles Batteux, einem französischen Abbé, der 1746 seine Schrift Les Beaux-Arts réduits à un même principe veröffentlichte, auf Deutsch etwa: Die schönen Künste auf ein Prinzip zurückgeführt. Als schöne Künste galten ihm Poesie, Malerei, Musik, Skulptur und Tanz. Das ist die Mitte des 18. Jahrhunderts, nicht 150 Jahre später. Sein Prinzip war die Nachahmung der schönen Natur, sein Zweck das Vergnügen, womit er sie von den nützlichen Künsten abgrenzte. Die Zweckfreiheit im strengen Sinn, auf die sich heute alle berufen, kam später dazu, als Kant 1790 das Wohlgefallen am Schönen interesselos nannte. Dass ausgerechnet das Nachahmungsgerät schlechthin, die Kamera, zur Kunst um ihrer selbst willen erklärt wird, ist eine hübsche Pointe der Geschichte, die sich der Abbé vermutlich kaum hätte träumen lassen.
Des Kaisers neue Baumwolle
Bleibt die Zweckfreiheit, und sie macht die Fine-Art-Fotografie wunderbar kritikfest. Auch das Buch beschreibt sie als Befreiung: Kein Auftraggeber redet hinein, einzig die künstlerische Absicht des Fotografen ist maßgeblich. Wer nur der eigenen Vision Rechenschaft schuldet, kann fotografieren, was und wie er will, und behaupten, das Ergebnis sei Wille und Weg und lasse sich nur mit der richtigen Art zu denken verstehen. Für den Laien wirkt das wie eine Abart von Andersens Märchen vom Kaiser und seinen neuen Kleidern, nur dass die Weber hier ehrlicher arbeiten: Alles, was sie versprechen, ist tatsächlich zu sehen und zu fühlen, Papier, Pigment, Schärfe. Unsichtbar bleibt allein, was fehlt.
Außerdem hat die Zweckfreiheit eine Eigenart: Sie kommt mit Nummer. Signiert, limitiert, mit Zertifikat. Das Buch widmet dem Signieren und Nummerieren von Drucken einen eigenen Abschnitt. Eine Gattung, die sich vom Zweck befreit hat, verlegt ihn offenbar aufs Preisschild, denn die Knappheit, die ihr die beliebig vervielfältigbare Fotografie genommen hat, muss ja irgendwoher kommen.
Neu ist das Muster nicht. Um 1900 wollten die Piktorialisten den Malern beweisen, dass Fotografie auch Kunst sein kann, und taten es mit Weichzeichnung und aufwendigen Edeldruckverfahren, damit ihre Bilder aussahen wie Gemälde oder Grafiken. Ihre Gegner, die Gruppe f/64 mit Ansel Adams und Edward Weston, forderte 1932 in Kalifornien eine reine Fotografie ohne Anleihen bei anderen Künsten: scharf, groß, mit Großformatkamera und kleinster Blende. Beide Lager suchten den Beweis für die Kunst im Verfahren. Die heutige Fine-Art-Szene wirkt, als hätte sie sich bei beiden bedient: die Schärfe der einen, die Verfahrensverliebtheit der anderen.
Was Gursky richtig macht
Dabei ist Technik nicht das Problem. Die Düsseldorfer Schule um Bernd und Hilla Becher hat vorgeführt, dass Großformat, makellose Schärfe und aufwendiger Druck im Museum hängen können, wenn eine Idee dahintersteht. Ihr Schüler Andreas Gursky brachte es 2011 mit Rhein II auf 4,3 Millionen Dollar, damals der höchste Preis, der je für ein Foto bei einer Versteigerung gezahlt wurde. Das Bild zeigt den Rhein bei Düsseldorf als Abfolge waagerechter Streifen aus Grün und Grau, und diesen Rhein hat es nie gegeben: Gursky hat am Rechner die Fabrik am anderen Ufer und die Spaziergänger entfernt. Auch dieses Bild existiert in einer Auflage, und zwar von sechs. Technik, Papier und Nummer waren also vorhanden. Entscheidend war der Gedanke, den Fluss auf Streifen zu reduzieren. Hier wartete einer nicht auf das perfekte Licht, sondern entfernte, was die Idee störte.
So gesehen liegt das Problem weniger in der Schärfe als im Fehlen der Frage. Fine Art bleibt, was man draufschreibt, wenn man nicht sagen mag, wozu ein Bild gut sein soll. Das kann Freiheit sein oder Ausrede, und den Unterschied erkennt man nicht am Papiergewicht, sondern daran, ob jemand vor dem Bild stehen bleibt und etwas wissen will. Der Fels vom Anfang steht übrigens immer noch tadellos im Abendlicht. Aber er fragt nichts.
FAQ – Fine Art Photography
Fine-Art-Fotografie ist eine Gattung der Fotografie, in der die Kamera als Werkzeug dient, um eine persönliche Vision, eine Idee oder ein Gefühl des Fotografen auszudrücken. Sie wird der Kunstfotografie zugerechnet, und das Wort „fine“ verweist auf ihre Zweckfreiheit. Wie genau sich der Begriff von anderen Formen der Fotografie abgrenzen lässt, ist umstritten, und in der Praxis wird er sehr unterschiedlich ausgelegt.
Woher stammt der Begriff Fine Art?
Der Begriff geht auf die französische Wendung „beaux-arts“ zurück, auf Deutsch „schöne Künste“. Der Abbé Charles Batteux fasste 1746 in seiner Schrift „Les Beaux-Arts réduits à un même principe“ Poesie, Malerei, Musik, Skulptur und Tanz zu einem System der schönen Künste zusammen. Das war Mitte des 18. Jahrhunderts. Sein Prinzip war die Nachahmung der schönen Natur, sein Zweck das Vergnügen.
Was bedeutet Zweckfreiheit bei Fine-Art-Fotografie?
Zweckfreiheit bedeutet, dass ein Werk keinem äußeren Zweck wie einem Auftrag oder einem Produkt dient, sondern dem künstlerischen Ausdruck selbst. In der Fine-Art-Fotografie entscheidet deshalb allein die Absicht des Fotografen, ohne Vorgaben eines Auftraggebers. Der Gedanke geht auf die Ästhetik des 18. Jahrhunderts zurück: Batteux grenzte die schönen Künste über das Vergnügen von den nützlichen Künsten ab, und Kant beschrieb 1790 das Wohlgefallen am Schönen als interesselos.
Was ist der Unterschied zwischen Fine-Art-Fotografie und angewandter Fotografie?
Fine-Art-Fotografie wird der Hochkultur zugerechnet, die in Museen und Ausstellungen gezeigt wird und nach ästhetischen oder intellektuellen Maßstäben entsteht. Angewandte Fotografie ist dagegen handwerklich ausgerichtet und umfasst auch Bilder, die sich gut verkaufen lassen. Diese Zweiteilung ist vor allem in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern üblich, andere Kulturen sehen sie weniger streng. Beide Bereiche begegnen sich hauptsächlich im Kunstmarkt.
Braucht Fine-Art-Fotografie teure Technik?
Nein, zwingend erforderlich ist sie nicht. In der Praxis stellen jedoch viele Fine-Art-Fotografen nach Beobachtung des Essays „Zwecklos, aber limitiert“ den Technikeinsatz in den Vordergrund: analoge Fachkamera, höchste Auflösung, optimales Licht, hochwertiges Papier. Der Essay hält dagegen, dass nicht die Technik das Problem sei, sondern eine fehlende tragende Idee. Andreas Gursky etwa verband Großformat und aufwendigen Druck mit einer klaren Bildidee.
Warum werden Fine-Art-Drucke signiert und limitiert?
Fotografien lassen sich beliebig oft vervielfältigen, ein Abzug ist deshalb nicht von Natur aus selten. Signatur, Nummerierung und begrenzte Auflage erzeugen künstliche Knappheit. So deutet es der Essay „Zwecklos, aber limitiert“: Eine Gattung, die sich vom Zweck gelöst habe, verlege ihn aufs Preisschild. Auch Andreas Gurskys „Rhein II“ existiert in einer Auflage von sechs.
Was zeigt Andreas Gurskys „Rhein II“, das 2011 für 4,3 Millionen Dollar versteigert wurde?
„Rhein II“ ist ein Foto von Andreas Gursky aus dem Jahr 1999. Es zeigt den Rhein bei Düsseldorf als Abfolge waagerechter Streifen aus Grün und Grau. Gursky entfernte am Rechner eine Fabrik am anderen Ufer und Spaziergänger, sodass diese Rheinansicht in Wirklichkeit so nie existierte. 2011 erzielte der Abzug bei Christie’s in New York 4,3 Millionen Dollar, damals der höchste Preis für ein Foto bei einer Versteigerung.
Was war die Gruppe f/64?
Die Gruppe f/64 war ein 1932 in Kalifornien gegründeter Zusammenschluss von elf Fotografen, darunter Ansel Adams, Edward Weston und Imogen Cunningham. Sie forderte eine reine Fotografie ohne Anleihen bei anderen Künsten und arbeitete mit Großformatkameras und kleinster Blende, um maximale Schärfe zu erzielen. Damit wandte sie sich gegen den Piktorialismus, der um 1900 mit Weichzeichnung und aufwendigen Edeldruckverfahren Gemälde nachahmte.
Woran erkennt man ein gutes Fine-Art-Foto?
Eine allgemein verbindliche Messlatte gibt es nicht, ein naheliegender Maßstab ist aber die Absicht hinter dem Bild, also ob es eine Idee oder Frage verfolgt, statt nur technisch makellos abzubilden. Der Essay „Zwecklos, aber limitiert“ ergänzt: Entscheidend sei nicht Schärfe oder Papiergewicht, sondern ob ein Betrachter vor dem Bild stehen bleibt und etwas wissen will. Als Beispiel nennt er Gurskys „Rhein II“, das von einer Idee lebt: dem auf Streifen reduzierten Fluss.


