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Willkommen in der Wirklichkeit

Ralf Turtschi zeigt an Arbeiten aus seiner eigenen Kommunikationsagentur den Weg vom Briefing bis zu fertigen Gestaltung.

In der Welt der Medien, die über Werbung und andere Medien berichten, sieht man vor allem eines: Den schönen Schein, mit dem die Kommunikationsbranche ihr Geld verdient. Da werden Kreativleistungen vorgestellt, die zwar beeindruckend aussehen, aber unter realen Bedingungen nicht bezahlbar wären. Oder man liest Geschichten aus dem Alltag von Werbern, die eher einem Roman als der Wirklichkeit zu entstammen scheinen. Dort gibt es nur geniale Ideen, großartige Mitstreiter und begeisterte Kunden. Kein Wunder also, dass junge Menschen alles tun, um in solchen Glücksfabriken in Lohn und Brot zu kommen. Vor Ort werden sie jedoch alsbald aller Illusionen entkleidet und landen auf dem harten Boden der Realität.
Das muss nicht sein. Wer in seiner Ausbildung (oder am besten schon vorher) 60 Euro in die Hand nimmt und sich Ralf Turtschis „Making of“ kauft, wird einen sehr viel klareren Blick auf den Alltag in der Werberzunft erhalten. Doch „Making of“ leistet mehr als nur an die Arbeitsbedingungen in der Realität zu erinnern. Es ist ein Lehrbuch, bei dem der Weg und nicht das Ziel im Mittelpunkt steht. Was dem Leser von Ralf Turtschi vorgeführt wird, sind keine prämierten Design-Arbeiten, sondern ganz alltägliche grafische Produkte. Allerdings haben sie meist eine wechselvolle Geschichte von entwickelten und wieder verworfenen Ideen, vielfältig ausgearbeiteten Alternativen und deren Präsentation beim Kunden. Der geneigte Leser lernt hier vor allem eins: Entwürfe müssen nicht in erster Linie prämienverdächtig schön sein, sondern Rahmenbedingungen erfüllen. Also Kostenvorgaben, den Geschmack des Kunden, die ästhetischen Vorlieben der Zielgruppe, eingefahrene Workflow-Strukturen und die technischen Erfordernisse der eingesetzten Drucktechnik. Prosaisches also, aber dennoch genau das, was den kreativen Träumer vom alltagstauglichen Profi trennt.
Der Gestalter lernt beim Balanceakt zwischen eigenem Anspruch und Kundenwunsch die richtigen Fragen zu stellen: Wer ist das Publikum, wie funktioniert ein Plakat, wie liest man Anzeigen, wie wirken Bilder und welche Schriften eignen sich für welchen Zweck? All das zeigt der Autor an Arbeiten aus seiner eigenen Kommunikationsagentur „Agenturtschi“, die er in der Schweiz betreibt, an einem breiten Bogen vom Briefing bis zu fertigen Gestaltung. Viele kleine und große Making ofs also, bei denen der Macher selbst aus dem Nähkästchen plaudert. Großartig realistisch.

Making of ?
Kreative Wege und Konzepte in der visuellen Kommunikation
Ralf Turtschi
Gebundene Ausgabe, 300 Seiten
Niggli, Mai 2005
EUR 60,00

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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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