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Wenn Pixel sterben sollen: Warum KI-Influencer Morddrohungen erhalten

Wer hätte gedacht, dass der nächste große Skandal der KI-Unterhaltung nicht ein fehlerhafter Algorithmus, sondern eine Morddrohung an eine digitale Schauspielerin sein würde? Die Szene wirkt wie aus einer Parodie: Tilly Norwood, eine hyperrealistische, generativ erzeugte KI-Schaupielerin, feiert beim Zurich Film Festival 2025 ihr Debüt. Sie wird prompt Ziel von Hass, wie ihn sonst nur echte Prominente kennen. Die Macherin, Eline Van der Velden, hatte mit Gegenwind gerechnet, aber nicht mit der Wucht, die ihr entgegenschlug. Morddrohungen gegen Pixel, das ist die neue Realität im Netz. Und während die einen noch versuchen, zwischen Kunstfigur und Künstlicher Intelligenz zu unterscheiden, rollt längst die nächste Welle der KI-Influencer auf uns zu. Wer jetzt noch glaubt, Social Media sei ein Ort menschlicher Begegnung, wird wohl eines Besseren belehrt.

Tilly Norwood: Die perfekte Projektionsfläche

Tilly Norwood ist keine Schauspielerin aus Fleisch und Blut, sondern das Produkt eines Teams um Van der Velden, die mit ihrer Produktionsfirma Particle6 und dem KI-Studio Xicoia gleich 40 weitere digitale Performer in der Pipeline hat. Die amerikanische Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA bringt es auf den Punkt: „Tilly Norwood ist keine Schauspielerin, sondern eine Figur, die von einem Computerprogramm erzeugt wurde, das auf der Arbeit zahlloser professioneller Darsteller basiert; ohne deren Zustimmung oder Vergütung.“ Die Debatte um Urheberrechte, künstlerische Authentizität und die Zukunft des Berufsbilds Schauspieler ist damit eröffnet – und sie wird nicht leiser werden.

Virtuelle Influencer: Die neuen Lieblinge der Werbewelt

Tilly ist kein Einzelfall. Die digitale Bühne ist längst bevölkert von Figuren wie Lil Miquela (aktuell rund 2,4 Millionen Follower auf Instagram, 3,3 Millionen auf TikTok), Lu do Magalu (über 8 Millionen auf Instagram) oder Nobody Sausage, der mit seinen Tanzvideos auf TikTok 22 Millionen Fans begeistert und insgesamt über 30 Millionen Follower erreicht. Man beachte bevor man den nächsten Social-Media-Kanal mit echten Personen ins Leben ruft: Virtuelle Influencer erzielen im Schnitt dreimal höhere Engagement-Raten als ihre menschlichen Kollegen. Marken lieben sie, weil sie nie müde werden, keine sich perfekt steuern lassen und nie über Work-Life-Balance reden wollen. Der Markt wächst rasant: 2026 wird er auf über sechs Milliarden Dollar geschätzt, mit jährlichen Zuwachsraten von fast 40 Prozent. Wer braucht da noch echte Gesichter?

Zwischen Puppenliebe und digitalem Überdruss

Psychologisch betrachtet ist das Phänomen vielschichtig. Nutzer bauen emotionale Bindungen zu KI-Figuren auf, als wären es reale Menschen. Gerade wer sich einsam fühlt oder soziale Unsicherheiten hat, sucht in der KI einen Ersatz für echte Beziehungen. Das kann positive Effekte haben, aber auch in Abhängigkeit und Kontrollverlust münden. Je menschenähnlicher die KI wirkt, desto stärker die Bindung – bis hin zur Sucht. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Echtheit: Immer mehr Nutzer wenden sich ab, sobald sie merken, dass sie mit einer Maschine interagieren. Der Begriff „AI slop“ macht die Runde, wenn KI-Inhalte als seelenlos und beliebig empfunden werden. Authentizität wird zur neuen Währung im Netz. Abe vielleicht sollte man sich nichts vormachen: Fans von „echten“ Stars fixieren sich häufig auch nur auf Vorstellungen von Menschen. Und wie authentisch die sind oder wie weit sie für ihr Publikum auch nur eine Rolle spielen, ist nicht immer leicht zu entscheiden.

Wenn Bots sich gegenseitig bedrohen

Die eigentliche Pointe ist jedoch eine andere: Während Menschen noch über das Potential von KI-Influencern diskutieren, automatisieren sich längst auch die Troll-Armeen. Was passiert, wenn KI-Persönlichkeiten auf automatisierte Hassbots treffen? Das Netz wird zur Bühne für einen Schlagabtausch, bei dem keine Seite mehr menschlich ist. Die einen posten, die anderen pöbeln, die nächsten entschuldigen sich öffentlichkeitswirksam – alles perfekt inszeniert, alles ohne echtes Risiko. Der Mensch bleibt Zuschauer, applaudiert oder buht, hat aber längst keinen Einfluss mehr. Social Media hat sich dann selbst „optimiert“: Die Menschen sind nur noch Kulisse, das eigentliche Drama spielen die Maschinen.

Was bleibt vom Menschlichen?

Die größte Bedrohung für menschliche Kreativität ist nicht, dass KI besser spielt, sondern dass es irgendwann niemanden mehr interessiert, ob überhaupt noch jemand spielt. Die Empörung über Tilly Norwood ist ein letztes Aufbäumen gegen den Kontrollverlust. Wer einer KI Mord androht, kämpft einen Kampf, den er schon verloren hat: gegen einen Gegner, der nicht einmal weiß, dass er existiert. Während Tilly Norwood weiter lächelt, plant ihr Team schon den nächsten Auftritt. Und wir? Wir dürfen zuschauen, wie das Netz zum Puppentheater wird – und uns fragen, ob wir nicht längst selbst die Marionetten sind.

Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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