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Tante Elisabeth und ihr Computer

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Dies ist zugegebenermaßen kein Foto meiner Tante Elisabeth – das Bild stammt von Fotolia und wurde von tournee aufgenommen. Passt aber prima!

Meine Tante Elisabeth ist im Mai 90 geworden. Leider konnte sie den Geburtstag nicht in ihrem Haus feiern – da lag sie im Krankenhaus. Zur Zeit befindet sie sich zur vorübergehenden Pflege in einem Altenheim. Natürlich fehlt ihr die vertraute Umgebung, der Garten, die Nachbarn – weit mehr als das aber: ihr Computer.

Tante Elisabeth hat ihr ganzes Leben in einem kleinen Häuschen verbracht, die kompletten 90 Jahre seit 1926 – als Kind mit ihren Eltern, später mit Ehemann und Kindern, zuletzt allein als Witwe. Zum Haus gehört ein riesiger Garten, der sich bis hinunter zum Flussufer zieht. Etliche Male in diesen 90 Jahren näherte sich das Wasser bedenklich der Türschwelle, ein paar Mal überschritt es sie auch und drang ungebeten ins Haus.

In meiner Kindheit habe ich in diesem Garten wunderschöne Wochenenden und Sommernachmittage verbracht. Am Ufer stand – und steht noch immer, wenn auch zurückgeschnitten – eine gewaltige Trauerweide, deren dicke Äste weit über das Wasser ragten. Dort oben habe ich oft stundenlang gesessen und mich wie Tom Sawyer gefühlt. Ein paar Meter davon entfernt hatte ich mir aus alten Brettern und Backsteinen eine eigene Hütte bauen dürfen, in der ich meine Schätze aufbewahrte.

Heute ist es dort noch fast ebenso idyllisch wie vor einem halben Jahrhundert. Man kann sich also vorstellen, wie es sich anfühlt, diese Umgebung, plötzlich an den Rollstuhl gefesselt, mit einem Heimzimmer im dritten Stock vertauschen zu müssen; ein paar Quadratmeter mit 08/15-Möblierung, Ausblick auf eine Betonfassade. Für jede Handlung, wegen der wir – ohne darüber nachzudenken – einfach kurz aufstehen und sie erledigen, muss sie auf den roten Knopf neben dem Bett drücken und um Hilfe bitten.

Aber Tante Elisabeth beklagt sich über all das nicht. Dass der Rasen nicht gemäht wird und der Garten verwildert – nicht zu ändern. Dass ihre Freundinnen den weiten Weg quer durch die Stadt bei der Hitze nicht mehr schaffen, um sie zu besuchen – schade, aber man kann es ja verstehen.

Aber dass es im Heim kein WLAN gibt und sie ihren Computer deshalb nicht mitnehmen konnte – das betrübt sie zutiefst. „So eine wie sie hatten wir hier noch nie“, sagt die Pflegerin. „Danach hat bisher noch niemand gefragt.“ Mails schreiben und empfangen, im Web nach Infos suchen (etwa: welcher Arzt hier in der Stadt ist Spezialist für meine aktuellen Beschwerden?), den Kontostand bei der Sparkasse überprüfen und ein paar Überweisungen vornehmen, ein neues Buch auf den eBook-Reader laden … das alles fehlt ihr sehr.

Ihr Schwiegersohn kümmert sich jetzt um einen Laptop mit Surf-Stick. Wenn der demnächst kommt, fehlt zwar noch immer der Blick auf den Fluss, die Bank im Garten und die vertraute Umgebung zu Hause – aber der digitale Kontakt zur Welt ist wieder hergestellt. Damit kann man für eine Weile zur Not auf den Rest verzichten. Ich hoffe, ihren 100. Geburtstag feiert Tante Elisabeth wieder in den eigenen vier Wänden. Ihr Computer wird sich bis dahin sicherlich ganz normal mit ihr unterhalten. Und wie ich sie kenne, hat sie dann wahrscheinlich einen Haushaltsroboter aus Japan, der ihr den Kaffee aus der Küche bringt und dafür sorgt, dass der Rasen gemäht wird.

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