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Ist gut genug gut genug?

Fragen Sie sich auch bei der Bildbearbeitung ab und zu, wann das richtige Maß für eine Bildoptimierung erreicht ist und wo es zu viel wird? Dann sind sie damit nicht allein.

Auf Facebook wird zur Zeit das Angebot einer Bildbearbeiterin fleißig geteilt, die anbietet Kinderporträts zu verschönern.

Sagen wir mal so: Das Ergebnis ist diskussionswürdig.
Die meisten Betrachter schütteln entsetzt mit dem Kopf, wenn sie die stark verfremdet-stilisierten Gesichter sehen. Als Bildbearbeiter sieht man zudem viele vermeintliche (!?) Fehler, die es eigentlich zu vermeiden gilt. Aber offensichtlich gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich genau dieses Ergebnis wünscht und es gut findet, ohne etwaige ästhetische Schnitzer überhaupt zu bemerken. Der Fachmann spricht hier von „Zielgruppe“. 😉

Und glauben Sie mir: Eine Zielgruppe gibt es für jedes erdenkliche Produkt, das dem Hirn eines Menschen entspringen kann. Die Frage ist nur, wie groß diese Zielgruppe ist. Je schlechter, spezieller, schräger oder auch anspruchsvoller etwas ist, umso weniger Menschen werden Sie mit Ihren Kreationen und Erfindungen erreichen.

Aber wer definiert die Kriterien, was gut, schlecht, normal oder andersartig ist? Sind es Fachleute wie etwa Doc Baumann, der genüsslich die oft dilettantischen Montagefehler in den professionellen Werbeanzeigen namhafter Firmen offenlegt – die aber für die ungeschulte Wahrnehmung der meisten Menschen mitunter kaum erkennbar sein dürften? Sind es die seit Jahrhunderten als der Natur inhärent-erkannten und tradierten Gesetzmäßigkeiten der goldenen Schnitte und Proportionen? Oder einfach der normale gesunde Menschenverstand? Aber was ist denn normal oder gesund?

So gefragt, kann man nur antworten, dass das Optimum in Fotografie, Bildgestaltung, Bildbearbeitung und sämtlichen anderen Kunstformen – also aus Sicht des Erfolges, das ist, was den meisten Menschen gefällt. Wenn man von Kunstszene-spezifischem Geklüngel absieht, also der Masse – völlig wertungsfrei: dem Durchschnitt.

Woran machen Sie denn nun aber IHR persönliches Qualitätskriterium fest?

Ist eine Bildbearbeitung gut genug, wenn Sie einigen wenigen Leuten gefällt?
Soll sie möglichst vielen Leuten gefallen?

Oder muss sie nur Ihren eigenen Ansprüchen genügen?

Sind diese Ansprüche vielleicht so hoch gesteckt, dass kein anderer Mensch außer Sie selbst mehr die Überstunden für Detailoptimierungen erkennen kann, die Sie in ein Bild investiert haben? Oder sind Sie so niedrig, dass die meisten Leute mit dem Kopf schütteln und eher von „Pfusch“ als von „Stil“ sprechen?

Wann ist ein Bild gut genug?
Und für wen ist es dann gut genug?

Ich möchte Ihnen hier keine Antwort auf all diese Fragen geben. Sehen Sie dies als Denkanstoß. Fragen Sie sich in verschiedenen Stadien der Bildbearbeitung einfach ab und zu: „Bin ich damit zufrieden? Ist das für mich und meine Zwecke so gut genug? Oder bin ich schon über das Ziel hinaus geschossen?“

Dabei erkennen Sie schnell die eigentliche Schwierigkeit jeder Bildkreation: Den Schlusstrich zu ziehen und zu sagen „Das ist es!“.

Oder?

Mit fragend hochgezogener linker Augenbraue,

Olaf Giermann

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