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Drucke für Verwirrte?

19 PrintOnDemand

Foto und Montage: Doc Baumann

Zugegeben: „Print on Demand“ bedeutet in deutscher Übersetzung nicht „Drucke für Demenzkranke“. Manche Produkte der „Verlage“, die solche Buch-Nachdrucke unters Volk bringen, scheinen allerdings dafür zu sprechen, dass die Hersteller ihre Kunden für Idioten halten. Ein kurzer Ausflug in die Welt jenseits der digitalen Bildbearbeitung.

„Print on Demand“ ist zunächst nur ein technischer Begriff, der bedeutet, dass dank der Entwicklung des Digitaldrucks auch Auflagen von wenigen Exemplaren recht preisgünstig hergestellt werden können. Dabei ist es egal, ob jemand die Öffentlichkeit mit seinen seit Jahren in der Schublade schlummernden Lebenserinnerungen beglücken möchte, oder ob wissenschaftliche Texte, die seit Jahrzehnten vergriffen sind, auf diese Weise wieder zugänglich gemacht werden.

Im ersten Fall freut sich der Schreiber, der nun zum Schriftsteller mit eigener Publikation aufgestiegen ist – im zweiten der Leser, der einen wichtigen Titel kaufen kann, der im Buchhandel längst nicht mehr zu erwerben ist und womöglich mühsam über Fernleihe von einer Bibliothek herangeschafft werden müsste.

Solche Print-on-Demand-Nachdrucke sind nicht billig, aber bezahlbar. Wer Wert auf hohe Qualität legt, wird geeignete Werke vielleicht beim Hildesheimer Olms-Verlag finden, freilich zu deutlich höheren Preisen. Auch der Kölner Taschen Verlag bietet mitunter Reprints alter Titel in beispielhafter Ausstattung an. Solche Nachdrucke verdienen ihren Namen und sind vom Original oft kaum zu unterscheiden.

Ein erschreckend großer Anteil der „Print-on-Demand“-Broschüren ist allerdings unter technischen Aspekten Schrott und – man kann es kaum anders nennen – eine Verarschung der Leser. Das beginnt bei falschen Titeln und Verfassern und kryptischen Zeichenketten, wo im Titel Umlaute standen, geht über völlig unsinnige Cover-Motive, die mit dem Inhalt nicht das Geringste zu tun haben (wären sie wenigstens neutral!), der Vertauschung von rechten und linken Seiten und dem Ignorieren von Klapptafeln bis hin zu schief aufgelegten Seiten, Schattenwurf, der etwa den Bund-Bereich eines kompletten Buches in Schwarz versinken lässt (mitunter sind die Hände des Scannenden gleich mit abgebildet, große Teile des Textes verdeckend) sowie einer miserablen Auflösung, die das Lesen des Textes (besonders bei gebrochenen Schriften) zur Tortur für die Augen macht, vom Erkennen der Abbildungen ganz zu schweigen. Manche Produzenten umgehen diese Mängel, indem sie den Text durch OCR-Software jagen und dann „Bücher“ präsentieren, bei denen Kolumnentitel, Überschriften, Fließtext, Fußnoten und Paginierung wild durcheinandergewürfelt sind und Texte vollends unlesbar werden.

Wer – wie ich – gelegentlich alte Quellen aus dem 19. oder 18. Jahrhundert heranzieht (selten für Photoshop-Tutorials) und für ein paar gerade interessierende Seiten nicht viel Geld für die alten Originale ausgeben möchte, kann über „Print on Demand“ im Prinzip glücklich sein. Das ist aber kein Grund, uns mit einem solchen Schrott vollzumüllen. Es ist wie bei vielen Fehlern in digitalen Bildmontagen: Es wäre kaum aufwendiger, gute Qualität zu liefern, und die paar Prozent, die die Broschüren etwa durch eine angemessene Auflösung tatsächlich teurer würden, würden wir gern bezahlen.

Hinzu kommt, dass die Beschreibung der allermeisten dieser Reprints bei den Anbietern im Web völlig unzureichend ist. Relevante Daten, die den Besteller interessieren würden, gibt es kaum; das – eher unwichtige – Format wird häufig angegeben, aber nicht die Seitenzahl, ebenso wenig das Erscheinungsjahr des Originals.

Mangels realistischer Alternativen steht inzwischen dennoch in meiner Bibliothek eine ganze Menge solcher Nachdrucke. Die Grenzen meiner Geduld waren allerdings in der letzten Woche erreicht, als mich ein „Buch“ erreichte, das ich in England bestellt hatte. Es kostet im Web je nach Anbieter um die 24 Euro. Als ich es auspackte, dachte ich zunächst, der Verlag hätte versehentlich nur den Umschlag geliefert und den Inhalt vergessen. Dann stellte ich fest, dass sich darin tatsächlich acht Seiten versteckten. Fünf davon waren Geschwätz, in dem sich der „Verlag“ unter anderem für seine Leistung auf die Schulter klopft, alte Bücher wieder zugänglich zu machen, und wenn das technisch nicht ganz perfekt sei, dann ließe sich das auf das gescannte Werk zurückführen, das inzwischen aus Alters- und Benutzungsgründen vielleicht einige Mängel aufweise.

Danach folgte ein Hinweis, bei dem Text handle es sich um einen Auszug aus einem umfangreicheren Werk (worauf weder die Beschreibung im Web noch der Umschlag hingewiesen hatten) … und schließlich folgten drei (3!) mies gescannte Seiten Text, der jeweils etwa ein Fünftel der Papierfläche bedeckte.

Die Versandkosten mitgerechnet, sollte ich also für jede erworbene Textseite 8 Euro bezahlen (und das für einen Inhalt, der mangels Kontext kaum verständlich war).

Selbstverständlich habe ich das Machwerk postwendend zurückgeschickt. In Zukunft werde ich mit dem Erwerb solcher Reprints noch vorsichtiger sein. Die Hersteller tun sich mit einem solchen Umgang mit ihren Kunden langfristig sicherlich selbst keinen Gefallen, denn wer eine solche Erfahrung ein paar Mal gemacht hat, lässt künftig die Finger lieber ganz von solchen Druckerzeugnissen.

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